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Ex-Thomaner David Timm dirigierte Mendelssohns „Paulus“

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    Unbedingt dieses Jahr zu Christi Himmelfahrt Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ aufzuführen, so stand es seit Jahren im Kalender von Universitätsmusikdirektor David Timm. Es sollte kurz nach der Kirchenweihe am Augustusplatz geschehen, in der Aula und Universitätskirche St. Pauli. Und eben „Paulus“, so wie damals bei Mendelssohn.

    Weil St. Pauli am Augustusplatz mit Aula und Universitätskirche noch immer nicht benutzbar ist, suchte man Ersatz. David Timm hätte auch sagen können, na dann eben nicht. Einem Universitätsmusikdirektor hätte das zugestanden, einem David Timm und seinem Netzwerk nicht. Wo er auftritt, versammeln sich scharenweise Menschen in Chören, Orchestern, Sälen und Kirchenschiffen.

    Im Wagner-Jahr 2013 sollte es die „Götterdämmerung“ sein, in der Aula-Kirche, am liebsten mit Live-Übertragung auf den Augustusplatz. An Musik und Inszenierung gab es keine Abstriche! Letztlich dämmerte nach Wagners Musik und Handlung symbolisch nicht nur die „Götterdämmerung“, sondern in Joachim Rathkes Inszenierung die Richard-Wagner-Dynastie im neuen Audimax. (Von den damaligen Technik-Einbauten gibt es ein Zeitraffer-Video, Musik und Inszenierung auf DVD.)

    Ein Festival Leipziger Musiker

    Nun ist dieser „Paulus“ aber auch der Auftakt für ein neues Festival Leipziger Romantik. Das wiederum anknüpft an die bisher vornehmlich Richard Wagner gewidmeten Festtage des ähnlichen David-Timm-Netzwerks, das nicht nur aus der Richard-Wagner-Gesellschaft Leipzig 2013 e. V. besteht, sondern auch noch Mendelssohn-Haus, Grieg-Begegnungsstätte und Geschichtsverein zusammenbringt.

    Dieses Festival zieht nicht in erster Linie Ensembles aus aller Welt an, sondern sprüht Leipziger Geist.
    Hingegen verkündete neulich ein buchhaltungsbeflissener Leipziger Hoteldirektor: „Tradition schießt keine Tore“. Der sei an Bernd-Lutz Langes Worte erinnert: „Kommt denn jemand wegen der neu gebauten Häuser nach Leipzig?“

    Nach dem Konzert trafen sich am heutigen Mendelssohn-Portal die Werk-Tätigen aus Universitätschor, Orchester und Publikum. Foto: Karsten Pietsch
    Nach dem Konzert trafen sich am heutigen Mendelssohn-Portal die Werk-Tätigen aus Universitätschor, Orchester und Publikum. Foto: Karsten Pietsch

    Bei Leipziger Sicht- und Rufweiten engagierter Bürger funktionieren Ersatzorte. So bleibt der Gemeinde-Geist St. Pauli, schon seit 1539 nicht mehr Dominikanerkloster mit diesem Namen, zwar verändert, aber doch erhalten. So begrüßte nun der Superintendent zur Universitätsmusik in der Thomaskirche, auf der Empore dirigierte ein ehemaliger Thomaner.

    Mendelssohn schaut von seinem Denkmal aus auf das Mendelssohn-Portal der heutigen Thomaskirche. Einst hat er gemalt, was er beim Blick aus dem Fenster seiner Wohnung an Lurgensteins Steg über die Ringpromenade sah. In Sichtweite das erste Leipziger Bach-Denkmal, von Mendelssohn angeregt.

    Am Thomashaus flattert seit Tagen ein Schriftband: „Willkommen in Leipzig – eine weltoffene Stadt der Vielfalt – Leipzig 1000 – Wir sind die Stadt“. An vielen vergangenen Montagen zogen hier Demonstrationszüge von Leuten entlang, Polizisten und Zäune trennten die Menschenmengen. Miteinander reden will gelernt sein, doch wo lehrt man es?

    Vom Saulus zu Paulus – nach göttlicher Fügung. Ach, wäre es doch so einfach.
    Nicht kleiner, nicht größer wird es im Oratorium beschrieben, das nicht von Handlungssträngen und Personen wie in Passionen zehren kann.

    Blicke wollen vorbereitet sein

    Was war eher da, die Bilder im Kopf oder die Töne dazu? Da feixen die Maler der Geräuschkulissen und Lichtstimmungen mit Ölfarbpaletten in der Hand vor ihren Leinwänden! Da kichern die Film-Editoren vor ihren Sound- und Bildmischern! Blicke wollen vorbereitet sein. Gehör ebenso. „Das Auge isst mit“, nennen es die Köche.

    Wie Kirchenglocken Handlungen ankündigen bauten Komponisten ihre Texte zu groß angelegten, aufeinander aufbauenden Szenen, die nacheinander besichtigt, respektive gehört werden. Das braucht seine Zeit, den Takt gibt die Musik an.

    Allmählich dringt das „Paulus“-Oratorium in die Stille ein, David Timm fährt den Klang wie schrittweise in Dynamik und Lautstärken von der Empore in den reflektierenden Raum. Wie können doch da Klangkörper anschwellen, bis der Chor mit „Wachet auf!“ keine Ruhe mehr zulässt.

    „Die Götter sind den Menschen gleich geworden“

    Was die Solisten zu erzählen und zu verkündigen haben, wird vom Chor in der Handlung vorangebracht. Ein Gedanke an antikes Theater mischt sich ein, auch an Stationsdramen alter Marktplatztheater.

    „Die Götter sind den Menschen gleich geworden“ (33) heißt es, und freilich „Ihr seine Engel, Lobet den Herrn“ (45) Doch nach diesem in großem Bogen angelegten Schlusschor-Ausklang zerdonnert der Applaus den Nachhall, viel zu laut für konzertnachklingende Ohren, und einst unüblich in der denkwürdigen Thomaskirche. Aber die Mitwirkenden hatten sich diese Rückmeldung aus dem Publikum verdient.

    Mit den Solisten Lisa Maria Rothländer (Sopran), Susanne Krumbiegel (Alt), Florian Sievers (Tenor), Dominik Wörner (Bass) ist das Ensemble professionell besetzt. Für die Damen und Herren des Leipziger Universitätschors, der in stetigem Wandel begriffen immerhin seit 1926 besteht, kann man keinen Status der musikalischen Fortbildung besser finden, als dass hier alle ihre Beteiligung wie andere Tätigkeiten genau so mit Anfang und Ende in die Vita schreiben können.

    Sie alle und David Timms 1999 gegründetes Mendelssohnorchester Leipzig auf historischen Instrumenten machten die Sache schon bei den zahlreichen Probestunden für allerhand Zaungäste in der Thomaskirche zum Erlebnis.

    Kurt Masur: „Mekka gutbürgerlicher Unterhaltungsindustrie“

    Aula und Universitätskirche St. Pauli, am Tag des Einbaus der Schwalbennestorgel, 24. Februar 2015. Blick durch die Glastür. An den Säulen fehlen noch Glasverkleidungen. Foto: Karsten Pietsch
    Aula und Universitätskirche St. Pauli, am Tag des Einbaus der Schwalbennestorgel, 24. Februar 2015. Blick durch die Glastür. An den Säulen fehlen noch Glasverkleidungen. Foto: Karsten Pietsch

    Im Programmheft begrüßt Schirmherr Prof. Kurt Masur das neue Festival:
    „Im 19. Jahrhundert wurde Leipzig Deutschlands Musikhauptstadt und galt neben Wien und Paris als das musikalische Zentrum Europas. Neben den Komponisten waren es aber auch Noten aus Musikverlagen, eine neue Art der Musikkritik und hochmoderne Fabriken des Instrumentenbaus, die Leipzig zu einem Mekka der gutbürgerlichen Unterhaltungsindustrie machten. Heute präsentiert sich Leipzig längst als umtriebige Musikstadt. Die Fülle jedoch des Musiklebens, dessen bürgerlicher und kreativer Geist vor allem ins 19. Jahrhundert zurückreicht, spiegelt sich nun erstmals auch in einem Festival zur ‚Leipziger Romantik‘ wieder.“

    „Ruhm, Orden oder Schnupftabakdose…“

    Wenn es Zelter war, der Mendelssohn zum intensiven Studium der Werke Bachs anregte, so führte das dazu, das Bach in deutschen Landen wieder mehr gespielt wurde – und auch Händel. Einem Mendelssohn scheint so etwas genauso gut durch den Kopf und die Hand gegangen zu sein, wie „Lieder ohne Worte“. So gab es 1836 in Leipzig Händels „Israel in Ägypten“ und im Jahr darauf „Paulus“.

    Liest man im ausführlichen „Paulus“-Programmheft die Anzahl der bei früheren Aufführungen beteiligten Sänger und Musiker, klingen die Ohren! Eine Rezension schrieb, dass „fast alle Kräfte einer Stadt“ gebündelt waren. Ganz so aufwendig muss es ja gar nicht mehr sein.

    „…wenn ich ein Stück gemacht habe, wie es mir aus dem Herzen geflossen ist, so habe ich meine Schuldigkeit dabei getan; und ob es nachher Ruhm, Ehre, Orden, Schnupftabakdosen oder dergleichen einbringt, kann meine Sorge nicht sein.“

    Mendelssohn-Adressen

    Nun ist zwar Mendelssohns Wohnung in Leipzig besuchbar, aber auch das passt zur Romantik: Felix Mendelssohn, in Hamburg geboren, hat Fassade, Tor, Treppe, Baum und Topfpflanzen des einstigen Berliner Domizils der Familie idyllisch-romantisch gezeichnet, das Bild zeigt das Gartenhaus der Hausnummer 3 in der Leipziger Straße.

    Romantik trifft Vollblutmusiker

    David Timm, selbst kein gebürtiger Leipziger, er stammt aus Waren/Müritz, zählt ja eigentlich mit seinen Klangkörpern schon längst zu den ersten Musikern des Neubaus der Aula und Universitätskirche St. Pauli. Nachdem in Baustellenatmosphäre 2009 der Festakt zum Universitätsjubiläum mit sinfonischer Musik verklungen war, kam man spätabends zum Jazz zusammen. Dirigent beider Konzerte war David Timm. Vor Mitternacht dankte er auch als Moderator Bach und Händel und kündigte das nächste Stück an „G-Moll: Samba“. Kein schlechter Auftakt in einer 600-jährigen Universität. Deren Universitätsmusik keine rein universitäre Angelegenheit ist, sondern auf die ganze Stadt ausstrahlt.

    Von Paulus zu Luther

    2045 jährt sich die Einweihung der Universitätskirche St. Pauli zum 500. Male. Martin Luther predigte damals. „Die Musik ist die beste Gottesgabe“, so wird er zitiert“, „und dem Satan sehr verhasst.“

    „Festival Leipziger Romantik“ – Die nächsten Termine:
    16.05., 17.00 Uhr, Alte Nikolaischule „Kapital und Kunst I: Wie sich das Bürgertum seine Musikstadt schuf,
    16.05., 19.00 Uhr, Evangelisch-Reformierte Kirche, Mendelssohn Bartholdy „Elias“ op. 70,
    17.05., 11.00 Uhr, Mendelssohn-Haus, Salonkonzert,
    17.05., 14.00 Uhr, Treffpunkt Goethestraße, Halbtagsexkursion „Mäzenatentum und Industriearchitektur“,
    17.05., 15.00 Uhr, Grieg-Begegnungsstätte, Salonkonzert,
    17.05., 20.00 Uhr, Peterskirche, Sinfoniekonzert, Schumann, Wagner, Reger.

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      7 KOMMENTARE

      1. Wer Interesse am Harms-Kompromiss hat, melde sich bei mir. Das PDF liegt mir vor.

        Ich habe noch die Worte von Rektor Häuser im Ohr: „Von mir aus können Sie an die Tür Ihrer theologischen Fakultät ‚Universitätskirche‘ schreiben. Damit ist wohl aber nicht das ganze Universitätsgebäude eine Kirche.“

      2. „Wieso ist Ihnen das überhaupt so wichtig? Ein Relikt aus nicht besonders seligen Zeiten?“

        Stefan, genau das frage ich mich seit Jahren.

        Da wird ein bereits entschiedener Architekturwettbewerb angegriffen und muss neu aufgerollt werden.

        Da tritt ein gesamtes Rektorat zurück, weil ‚man‘ sich plötzlich in universitäre Entscheidungen unflätig einmischt.

        Da wird an einem Gebäude gezerrt, das doch eigentlich allen zugute kommen soll. Obwohl es eben keinen Wiederaufbau geben sollte, wird so lange gestritten und gezogen, bis es am Ende doch zur Kirche wird.

        Warum das alles? Warum diese Vehemenz? Warum diese Verbissenheit? Warum ist das so wichtig?

        Sie sagen es: Ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

      3. Ach Stefan … wollen wir Ihre Anhaftung friedlich ignorieren und den beinahe Abschlusssatz als Abschluss nehmen; „Eigentore finde ich echt gut, „das ahnt man“, man kann nur dazulernen, „Das wünscht man Ihnen.“

      4. Es ist Jana, die anmaßend ist („bösen Willen unterstellen darf“) und keineswegs „voll umfänglich richtig“ liegt, sondern mit halbrichtigen Formulierungen solange herumspielt, bis der Andachtsraum zu einer Kirche wird und ein Kreis zu einem Quadrat.

        Eigentore finde ich echt gut, man kann nur dazulernen. Sie, JG, schießen gleich zwei davon.

      5. Stefan, Sie sind anmaßend sondersgleichen.
        Jana liegt voll umfänglich richtig mit ihren Worten.

      6. Jana, werden Sie für Ihre unflätigen Kommentare beauftragt oder gar bezahlt?

        Das Gebäude heißt „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“. Nicht nur der Andachtsraum. Sie, Jana, sollten das alles in Ihrer pdf-Datei nachlesen können, in deren Besitz zu sein Sie vorgeben. Und lernen Sie auch einmal, dass ein Kreis ein Kreis ist und kein Quadrat. Das wusste man schon an der POS.

        Wieso ist Ihnen das überhaupt so wichtig? Ein Relikt aus nicht besonders seligen Zeiten?

        Die Plastikwand wird bald wieder abgebrochen werden, und bald werden auch echte Gottesdienste im gesamten Raum stattfinden. Womöglich wird in dieses gefakte „Portal“ (die weiße Mauerpartie unter der Rosette) ein echtes Portal eingebaut.

      7. Viele Hintergründe im Artikel, so dass ich dem Autor bösen Willen unterstellen darf: Er verwechselt das neue Gebäude am Augustusplatz mit seinem Vor-vorgänger. Heute steht dort nicht eine “Aula-Kirche“, sondern das Paulinum. Im Erdgeschoss enthält es die Aula und den Andachtsraum, letzterer wird in Erinnerung an die alte Kirche “Universitätskirche St. Pauli“ genannt. Beide Räume können verbunden werden.
        Das Bild, welches im Artikel zu sehen ist, zeigt die Aula. Die Bildunterschrift ist also falsch.
        In den Obergeschossen finden sich die Institute für Mathematik und Informatik.

        Das geflissentliche Ignorieren dieser Tatsachen zeigt, wes Geistes Kind der Autor ist. Diesem Geist ist es zu verdanken, dass Herr Timm die Veranstaltung nicht im Paulinum abhalten kann.

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