2019 – was kommt?

Das Johannes Bigge Trio konzertiert am 12. Januar im Mediencampus Villa Ida

Für alle LeserDas Piano-Trio gehört zu den gängigsten Formationen jener höchst heterogenen Musikform, die wir der Einfachheit halber immer noch Jazz nennen. Wer sich in diesem Format Gehör verschaffen will, muss sich folglich etwas Besonderes einfallen lassen. Einer von denen, die das können, ist Johannes Bigge. Das Besondere im Besonderen des in Leipzig lebenden Pianisten besteht darin, dass es bei ihm gar nicht besonders, sondern ganz leicht, logisch und selbstverständlich klingt.

1989 in Berlin geboren, wuchs Bigge in einem musikalischen Elternhaus zunächst mit klassischer Musik auf, wurde aber gleichzeitig von der emotionalen Direktheit des Pop geprägt. Bereits mit 16 Jahren entdeckte er das Klavier-Trio als adäquate Ausdrucksform, der er bis heute treu geblieben ist.

Im Lauf seiner bisherigen Karriere, auf der ihm unter anderem Richie Beirach und Michael Wollny zur Seite standen, öffnete er sich nach allen Seiten und warf gleichzeitig immer mehr Ballast ab, um sein eigenes Idiom voll zur Entfaltung zu bringen. 2010 gründete er sein aktuelles Trio, dem seit Anbeginn die unglaublich dynamische Bassistin Athina Kontou angehört. Der trommelnde Tausendsassa Moritz Baumgärtner komplettierte die Formation vier Jahre später.

„Imago“ ist nach „Pegasus“ das zweite Album in dieser Besetzung. Die Musik wirkt vom ersten Ton an wie ein kollektiver Befreiungsschlag. Bigge leugnet keines seiner Vorbilder, die gleichermaßen in Jazz, Klassik und Pop zu finden sind, und doch musizieren die drei Visionäre dermaßen intuitiv und musikantisch, als hätte es noch nie zuvor die Aufnahme eines anderen Piano-Trios gegeben. Es geht dabei weder um Erwartungshaltungen noch um die Ausfüllung vorgeprägter Formen.

Im Gegenteil, jeder Song ist eine neue Entdeckungsreise. Die Kompositionen stammen zwar ausschließlich aus der Feder des Pianisten, aber in seiner Grundbeschaffenheit gleicht das Trio einem gleichseitigen Dreieck, bekanntlich eine der belastbarsten geometrischen Formen überhaupt. Die Länge der Seiten und der Schwerpunkt werden jedoch in jedem Song neu verhandelt.

Die Gleichseitigkeit dieses Dreiecks lässt sich auch mühelos auf die drei Komponenten Jazz, Pop und Klassik übertragen, die der Musik zu gleichen Teilen innewohnen. Wobei es hier nicht um Fusion oder oberflächliche Crossover-Konzepte geht, sondern um eine Art spiritueller Durchdringung der den besagten drei Basisgenres zugrunde liegenden Haltungen.

„Ich versuche die Emotionen, die im Pop stecken, in den Jazz zu übertragen“, erläutert Bigge, „denn die fehlen mir im Jazz oft. Die Besetzung, die Improvisation und unser Umgang mit verschiedenen Parametern und Formen kommen natürlich vom Jazz. Allerdings ist es uns wichtig, dass die Improvisationen immer eine Funktion innerhalb des Stücks haben und so klingen, als wären sie Teil der Komposition. Als Komponist aus Leipzig bin ich natürlich auch von der strukturellen Klarheit eines J.S. Bach geprägt. Am Ende wollen wir Komplexität immer mit Zugänglichkeit zusammenbringen.“

Auffällig ist auf Anhieb die Kürze und Prägnanz der Stücke. Dem Geist der spontanen Improvisation verpflichtet, ist Bigge jedoch voll und ganz Komponist. Er wägt alle Aspekte eines Musikstückes ab und weiß genau, wie viel von was ein Stück braucht. Was gesagt werden soll, wird gesagt, und fertig. Zugleich stecken die Tracks voller Dynamik, Emotion teils gegenläufiger Bewegung sowie überraschenden Stimmungs- und Tempowechseln.

Trotz provokanter Asymmetrie konzentriert sich Bigge immer aufs Wesentliche. Geschickt spielt er mit Widersprüchen. So sind seine Kompositionen gleichermaßen komplex und einfach, inbrünstig und sachlich, verstiegen und leicht zugänglich, klar strukturiert und doch voller verschlüsselter Bilder. Man muss dieses Album nur ein einziges Mal hören, und schon bleibt aus der Vielzahl der Motive jede Menge Abrufbares im inneren Player des Hörers hängen. Von welchem Jazz-Piano-Album könnte man das schon vorbehaltlos sagen?

Im Herbst erschienen: Imago. Cover: Johannes Bigge Trio

Im Herbst erschienen: Imago. Cover: Johannes Bigge Trio

Der Begriff Imago suggeriert gleichermaßen Bild und Einheit. Das Johannes Bigge Trio ist immer und in jedem spielerischen Moment im Bilde. Da spielt es kaum eine Rolle, welche Parts improvisiert oder komponiert sind, denn die jeweiligen Bilder sind extrem flexibel. Für Bigge selbst hat Imago noch eine weitere Bedeutung.

„Ich hatte über Insekten gelesen, das letzte Stadium ihrer Metamorphose nach Larve und Puppe wird Imago genannt, sozusagen das fertige ,Bild der Art‘. Das Stück ,Imago‘ mit seiner Idylle am Anfang, die mehrmals abrupt durchbrochen wird und sich dann zu etwas ganz anderem hin entwickelt, trägt diese Metamorphose, das Durchstoßen der Verpuppung und Erscheinen des Imago in sich.“

Auch diese Lesart macht Sinn, denn im Grunde geht es bei den Songs um verschiedene Zustände von Komposition, von denen das, was landläufig als Improvisation verstanden wird, lediglich der spontanste ist. Was zählt, ist das Ergebnis. Vollkommenheit als Ausdruck von Vergänglichkeit. „Auf das Album als Ganzes übertragen“, so Bigge, „haben sowohl wir als Band als auch die Musik seit dem letzten Album eine Metamorphose erlebt.“

Konzerttipp: 12. Januar, 20 Uhr im Mediencampus Villa Ida

 

Jazz
Print Friendly, PDF & Email
Leserbrief

Hinweise zum Leserbrief: Bitte beachten Sie, dass wir einen Leserbrief nur veröffentlichen, wenn dieser nicht anonym bei uns eintrifft. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass eine Teilnahme an Verlosungen des L-IZ Leserclubs mit dem Leserbrief nicht möglich ist.

Ihr Name *

Ihre E-Mail-Adresse *

Betreff

Ihre Nachricht *

Bild/Datei hochladen

Wären Sie mit der Veröffentlichung als Leserbrief einverstanden? *

 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr





Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Ulm an einem Tag: Einmal Baden gehen mit dem Schneider von Ulm und einmal zögern am höchsten Kirchturm Deutschlands
Christina Meinhardt: Ulm / Neu-Ulm an einem Tag. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEr hat sogar einen Eintrag auf Wikipedia: Albrecht Ludwig Berblinger (1770-1829). Die meisten kennen den Mann eher als „Schneider von Ulm“, diesen Tollkühnen, der glaubte fliegen zu können, gar vom hohen Ulmer Münster – und dann abstürzte, wie in Brechts bekanntem Gedicht von 1934. Fast erwartet man vorm Ulmer Münster eine Platte im Boden, die bezeichnet, wo der übermütige Schneider aufprallte.
SC DHfK Leipzig vs. HC Erlangen 26:25 – „In der Hinrunde hätten wir verloren“
Wer zuletzt lacht... DHfK-Handballer siegen nach spannender Schlussphase. Foto: Jan Kaefer

Foto: Jan Kaefer

Für alle LeserIm vorletzten Heimspiel der Saison ist es dem SC DHfK gelungen, die Heimspielstärke zu untermauern. Ein knappes 26:25 stand am Donnerstagabend schließlich gegen den HC Erlangen auf der Anzeigetafel. Eine Schwächephase verhinderte dabei eine Pausenführung in einem Spiel, das offensiver geführt wurde als zu erwarten war. So schwächelnd die DHfKler eine Führung verspielten, so stark erkämpften sie sich diese nach der Pause zurück.
Hitler grüßen, um Aufmerksamkeit zu erregen: Richterin verwarnt Bewohner eines Pflegeheims
Strafabteilung des Amtsgerichts. Foto: Alexander Böhm

Foto: Alexander Böhm

Für alle LeserAm Amtsgericht Leipzig wurde am Mittwoch, den 22. Mai, ein knapp 50-jähriger Mann verwarnt, weil er an einem Pflegeheim mehrmals nationalsozialistische Parolen und Zeichen verwendet hat. Offenbar ging es ihm dabei um Aufmerksamkeit um jeden Preis – so zumindest vermuten es seine Eltern und die Pflegekräfte.
Anschlag auf Gemkow-Wohnung: Angeklagter bricht sein Schweigen
Thomas K. (32, M.) am Donnerstag neben seinen Anwälten Curt-Matthias Engel und Mario Thomas (v.l.). Foto: Lucas Böhme

Foto: Lucas Böhme

Für alle LeserDreieinhalb Jahre nach dem heimtückischen Angriff auf die Privatwohnung des sächsischen Justizministers Sebastian Gemkow steht ein Verdächtiger erneut vor Gericht – seine Haftstrafe aus erster Instanz will er nicht hinnehmen. Am Donnerstag brach er erstmals sein Schweigen.
Wirbel um rassistische Wahlplakate der NPD
Eine der üblichen „Heimat“-Parolen der NPD. Hier 2011 in Leipzig. Foto: L.IZ

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserDie NPD zieht mit rassistischen Parolen in den Europawahlkampf und hat den Bogen dabei offenbar überspannt. In mehreren Bundesländern entschieden Gerichte, dass bestimmte Plakate volksverhetzend seien. In Sachsen sind Zittau und Görlitz gegen die NPD vorgegangen – bislang mit unterschiedlichem Erfolg.
Mindestens 40 Leipziger Stadtratskandidat/-innen befürworten ein bedingungsloses Grundeinkommen
Postkarte zur Wahl am 26. Mai. Grafik: Bündnis Grundeinkommen

Grafik: Bündnis Grundeinkommen

Für alle LeserMit vier Kandidaten tritt die Leipziger Initiative Grundeinkommen auch zur Leipziger Stadtratswahl am 26. Mai an, auch wenn man ein Bedingungsloses Grundeinkommen natürlich (BGE) nicht auf lokaler Ebene einführen kann. Dazu braucht es einen großen gesellschaftlichen Wandel. Aber die Initiative wollte auch von anderen Kandidierenden wissen, wie sie zum Grundeinkommen stehen.
Augenscheinlich leidet Leipzig jetzt schon unter dem Mangel an frisch ausgebildeten Erzieher/-innen
In Schleußig entdeckt: Kinderwagenparkplatz. Foto: Marko Hofmann

Foto: Marko Hofmann

Für alle LeserDa baut Leipzig nun seit ein paar Jahren mit hohem Druck immer neue Kindertagesstätten, um den Bedarf aufzufangen. Und dann stellt sich heraus, dass Sachsen bei der Ausbildung der benötigten Erzieherinnen und Erzieher nicht hinterherkommt. Man hat viel zu knapp geplant. Zwei Leipziger Kitas sind fertig und können keine Kinder aufnehmen, weil das Personal fehlt. Und dabei hatte die Linksfraktion im April erst nachgefragt.
Auch in Delitzsch blühen jetzt die Schmetterlingswiesen
Im Vordergrund eine Blühwiese, im Hintergrund eine konventionelle Rasenfläche vor Wohnblöcken im Stadtteil Nord. Foto: Stadt Delitzsch/ Nadine Fuchs

Foto: Stadt Delitzsch/ Nadine Fuchs

Für alle LeserNicht nur in Leipzig, auch im benachbarten Delitzsch nimmt man die Gefährdung der Insekten ernst. In der „aufgeräumten“ Stadt finden Insekten viel zu wenig Nahrung, ihr Lebensraum schwindet. Es fehlen die blühenden Wiesen. Die Industrialisierung der Landwirtschaft sowie die Flächenversiegelung durch Industrie und Privathaushalte sind Hauptgründe für den Rückgang von Blühwiesenflächen in Deutschland.
Leipziger Genossenschaften: Es gibt noch genug Wohnungen im ganzen Leipziger Stadtgebiet
Die Vorstände der Leipziger Wohnungsgenossenschaften. Foto: VSWG

Foto: VSWG

Für alle LeserDie einen finden keine passende Wohnung, die anderen keine, die sie bezahlen können. Viele Leipziger ziehen heute schon mit ihren Familien lieber ins Umland. Hat Leipzig also ein Wohnungsproblem? Nein, sagt Dr. Axel Viehweger, Vorstand VSWG. Zusammen mit den Vorständen der sechs größten Leipziger Wohnungsgenossenschaften hat er am Mittwoch, 22. Mai, zur Pressekonferenz geladen.
Die Pöppelmannsche Steinbrücke feiert am 25. Mai 300 Jahre
Zeitreise auf der Pöppelmannschen Steinbrücke. Foto: David Rieger Redok/Art

Foto: David Rieger Redok/Art

Für alle LeserZum 300-jährigen Jubiläum der Pöppelmannschen Steinbrücke am Samstag, 25. Mai, geben sich August der Starke, Napoleon und die Grimmaer Husaren ein Stelldichein. Die Parade mit bedeutenden historischen Persönlichkeiten ist der Höhepunkt beim bunten Treiben auf der berühmten Brücke in Grimma sowie auf dem Volkshausplatz. Nachgestellt wird zudem das Zusammentreffen amerikanischer und russischer Truppen im Zweiten Weltkrieg.
Am 5. November im Täubchenthal: Walking on Cars – Irlands Indie-Eleganz
Walking On Cars 2019 © Coda

© Coda

In vollkommener Abgeschiedenheit an der Südwestküste Irlands, bildete sich aus fünf engen Schulfreunden vor neun Jahren die Band Walking On Cars. Mit ihrem 2016 veröffentlichten Debütalbum „Everything This Way“ sorgte das Quintett für großes Aufsehen. Album und Singles kletterten in die Top 30 der Charts u.a. in England und Deutschland, in Irland stieg der Longplayer sogar an die Spitze der Albumcharts.
So oder so ist das Leben: Die erstaunlich gelassene Reise des Anton Lobmeier zu sich selbst
Benedikt Feiten: So oder so ist das Leben. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserJe älter der junge Verlag Voland & Quist wird, umso philosophischer werden die Buchtitel, die er veröffentlicht. Was auch an den Autoren liegt. Sie kommen in ein Alter, in dem man nicht mehr so unbeschwert spottet über das, was einem geschieht. Wird man da weiser? Oder irritiert einen das, was einem geschieht, nicht noch viel mehr? Gute Frage. Mit dem „großen“ Anton Lobmeier schickt Benedikt Feiten eine Art alter ego durch München.
Heute im WERK 2: A-WA
A-WA © Hassan Hajjaj

A-WA © Hassan Hajjaj

A-WA („Ay-wa“) sind die World-Pop-Sensation aus der israelischen Negev-Wüste. Die Musik der drei Schwestern ist eine Mischung aus jemenitischen Traditionsmelodien und modernen Hip-Hop Beats, untermalt von elektronischen Klängen. Ihr selbstbewusstes Auftreten repräsentiert ein starkes und modernes Frauenbild im ansonsten eher konservativen Nahen Osten und überzeugt Fans rund um den Globus.
Paukenschlag im Stadtrat: Milieuschutzsatzung verschoben
Wütend über die Absetzung kurz vor der Kommunalwahl. Mathias Weber (Linke) im Stadtrat Leipzig. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserDie am heutigen 22. Mai 2019 mit großer Spannung erwarteten Tagesordnungspunkte 14.25 und folgende machten anders Furore als gedacht. Statt sogenannte Erhaltungsatzungen zum Schutz von Mietern vor steigenden Mieten in immerhin zehn Leipziger Stadtteilen auf Antrag der Linksfraktion zu beraten und zu beschließen, kam es erst einmal zu einem deutlich verzögerten Start der Ratsversammlung. Bis etwa 16:20 Uhr kam es zu massiven Einflussnahmen auf die Stadträte durch Baudezernentin Dorothee Dubrau und Oberbürgermeister Burkhard Jung, die Anträge zu verschieben. Gegen vorherige Bekundungen stimmten die Fraktionen bis auf die Linke dieser danach zu.
Der Stadtrat tagt: LVV-Darlehen wird zu Eigenkapital
Heiko Oßwald (SPD). Foto: L-IZ.de

Heiko Oßwald (SPD). Foto: L-IZ.de

Für alle LeserEigentlich wollte der Stadtrat bereits am Mittwoch, den 15. Mai, über einen Antrag der SPD-Fraktion abstimmen, ein Darlehen der Stadt an die L-Gruppe in Höhe von rund 228 Millionen Euro bis Ende 2020 in Eigenkapital umzuwandeln. Doch wegen rechtlicher Unsicherheiten einigte man sich darauf, das Thema auf die Fortsetzung der Ratsversammlung am 22. Mai zu vertagen.