"So eitel wollte er nie sein, der Edgar", sagt Volker Külow, "dass er seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben hätte wie andere Leipziger Kabarettisten. Wer hätte das auch lesen wollen?" - Darf man fragen. Eine Antwort gibt es nicht. 2012 ist Edgar Külow gestorben, einer der besten und der bissigsten Kabarettisten der DDR. Auch wenn er eigentlich aus dem Sauerland kam, 1953 sogar aus dieser zusehends ergrimmenden DDR weg ging. Zurück ins Sauerland.

Aber 1957 kam er wieder. Wurde von der SED rehabilitiert (das konnte diese Partei also auch selber, wenn sie wollte), durfte in Bernburg und Nienburg Kultur machen, bevor er 1959 nach Leipzig zurück kam, wo er 1946 bis 1949 Schauspiel studiert hatte. 1959 kam er zur Leipziger Pfeffermühle, im selben Jahr wie Helga Hahnemann. Und man braucht schon ein paar alte Tonaufzeichnungen, um sich überhaupt noch vorstellen zu können, was sich die Pfeffermüller damals auf der Bühne trauten. Wieder trauten, nachdem sie 1956 mit dem Programm “Rührt Euch” mitten in den Knatsch um den Ungarnaufstand gerasselt waren.

Edgar Külow sollte seinen eigenen Knatsch noch erleben. Noch nicht 1962, dem Jahr, aus dem die frühesten Stücke stammen, die Volker Külow für diese CD zusammengestellt hat. Denn erstaunlicherweise scheint es Tonträger mit Edgar Külows Kabarettauftritten bisher nicht zu geben. In einer “Eulenspiegel”-Kompilation “Lachen und lachen lassen” ist er vertreten, auf einer CD liest er aus seinen Koslowski-Büchern und die “Inspektor Jury-“Hörspiele gibt es auf Scheibe. Aber Edgar Külow als Redner, Grummler, Wortspieler auf der Bühne? – Bislang Fehlanzeige.

Ein wenig füllt diese CD nun diese Lücke. Drei Szenen stammen aus dem Pfeffermühle-Programm von 1962 “Lacht unterwegs”, zwei davon blitzsaubere Persiflagen auf das Referate- und Versammlungsunwesen in der DDR, eines eine Szene an der Haltestelle, die in dieser Art etwa abgewandelt auch 1972 oder 1982 hätte gespielt werden können. Die Tonqualität ist nicht berauschend. Und die Hälfte ahnt man nur. Etwa diese herrliche Aufforderung an irgendjemanden im Saal, man könne sich doch hinsetzen. Ist es eine falsche Assoziation, hier ein paar grau gekleidete Gestalten zu vermuten, über die dann der ganze Saal lacht?

Überhaupt dieses Publikum, das aus ganzem Herzen an Stellen lacht, in denen dieses in Rollen und Stereotypen völlig ersoffene Land völlig bloß gestellt wird. Es ist schon gut vorstellbar, dass sich dieser Edgar Külow damals mit dem FAZ-Kulturredakteur Dieter Hildebrandt sehr gut verstand. 1963 wurde Külow sogar Direktor der Pfeffermühle. Ein Schleuderposten, wie er ein Jahr später erlebte, als das Programm “Woll’n wir doch mal ehrlich sein” abgesetzt wurde und Külow wegen “ideologischer Diversion” geschasst wurde.Ein paar Jahre früher hätte das wohl Bautzen bedeutet. Für Külow war es der Abschied von Leipzig, er kam beim Deutschen Fernsehfunk unter, schrieb für Sportzeitungen und “Eulenspiegel” und war dann in den 1970er Jahren im Kabarett “Die Distel” wieder auf der Bühne zu erleben. Drei “Distel”-Stücke aus den Jahren 1976 und 1978 sind auf der CD zu finden – gleich das erste ein schauriges Nachtstück aus dem Leben der Kampfgruppen. Von “ungewöhnlicher Schärfe” spricht Jürgen Klammer im Booklet in Bezug auf diese “Distel”-Stücke.

Nach 1990 erfand Edgar Külow dann die Figur des Willi Koslowski, Stammtischpolitiker aus dem Ruhrpott, aus dem dann auch zwei Bücher wurden. Da Koslowskis Stammtischkumpel sich alle zu anderen Parteifarben bekennen, geht es munter zur Sache in dieser Truppe, in der in einem fort über Politik und Politiker hergezogen wird. Aber so authentisch, dass man schon mal nach dem Autor schauen muss, um sich zu vergewissern, dass er nicht im Ruhrpott lästerte, sondern in Berlin. Der zweite Teil der CD wird von Külow-Lesungen aus seinen Büchern bestückt. Am Ende erklärt er auch noch, warum er nicht nur für Die Linke warb, sondern auch PDS wählte.

Und man steht da und ärgert sich, dass er so bescheiden war, keine Autobiografie zu schreiben. Selbst wenn es nur eine satirisch verkappte geworden wäre. Denn bräsige politische Einlullereien über den Osten und das dortige Dasein und Sosein gibt es genug, eine Menge Selbstbeweihräucherungen, zu wenige Sichten von der Seitenlinie, aus der Eulenspiegel-Position. Denn die Ernsthaften sehen meist nicht, was wirklich wichtig ist. Die halten ihre Geisteshaltung immer für die maßgebliche. Unvorstellbar, dass sie mal in so einer Stammtischrunde wie Willi Koslowski landen und wieder über sich selbst zu lachen lernen.

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Deswegen werden auch Geschichtsaufarbeitungen immer so dröge. Und fast möchte man wetten, dass auch das 20. Jahrhundert in der neuen Leipzig-Geschichte ein dröger Aufguss bürokratischer Extrakte wird. Und dass sich wieder jemand anderes hinsetzen muss, und die wilde Zeit der 1950er und frühen 1960er beschreiben muss, in der Leipzig das alles hatte und vertrug (nur die Parteibonzen haben es nicht vertragen): Bloch, Mayer, Sodann, Hahnemann, Külow … Als Jungspund mittendrin ein Hanskarl Hoerning, der in den letzten Jahren mit emsigem Fleiß einige der großen Löcher in der Leipziger Kulturgeschichte gestopft hat.

Am 17. August gibt es übrigens in der Leipziger Pfeffermühle eine Matinee anlässlich des 50-jährigen Verbots von “Woll’n wir doch mal ehrlich sein” zu Ehren von Edgar Külow.

Jürgen Klammer hat dazu drei Ex-Pfeffermüller zum Gespräch eingeladen: Christine Geithner, Hanskarl Hoerning und Siegfried Mahler.

Die Matinee findet am Sonntag, 17. August, 11 Uhr in der Pfeffermühle (Katharinenstraße 17) statt. Eintritt 5 Euro.

Dr. Volker Külow (Hrsg.) “Edgar Külow: Texte aus fünf Jahrzehnten”

www.edgarkuelow.de

www.kabarett-leipziger-pfeffermuehle.de

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