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Schauspiel zeigt Ur-Fassung von Brechts „Baal“

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    1923 erblickte "Baal" in Leipzig das Licht der Welt. Dass die Uraufführung von Brechts Erstling der Auftakt der Bühnenkarriere einer Theaterlegende sein sollte, konnte damals niemand ahnen. 92 Jahre später entscheidet sich Nuran David Calis bewusst für die Aufführung der frühesten Fassung aus dem Jahr 1918. Der in ästhetischer wie konzeptioneller Hinsicht grandiose Theaterabend gefiel nicht allen Zuschauern.

    In Leipzig ist quasi der allererste Brecht zu sehen. Der „Ur-Baal“. Ein fragmentarischer Dramentext in 26 Bildern, sprachlich so wüst, anarchisch und rebellisch wie der Titelheld. Oder besser: Anti-Held. Schließlich ist Baal ein Unsympath, der sich in seinem Dichter-Ruhm verliert und schlussendlich grandios zerbricht. Calis ist für die Messestädter kein Unbekannter. Vergangene Spielzeit inszenierte der Film- und Theatermacher am Schauspiel Wedekinds „Lulu“. Im Theater der Jungen Welt steht seit März seine vielgespielte Bearbeitung von „Frühlings Erwachen“ auf dem Spielplan. Wer den Regisseur kennt, weiß um die Radikalität, mit der sich Calis durch die klassische deutsche Bühnenliteratur arbeitet.

    Der Leipziger „Ur-Baal“ ist zugleich ein „Pop-Baal“. Ein weiß gekachelter Kasten füllt den Bühnenraum vollständig aus (Bühne: Irina Schicketanz). Sebastian Tessenow gibt mit zum Zopf gebundenen Pferdeschwanz, barfüßig in schwarzer Hose und Muckishirt den Protagonisten. Die übrigen Figuren – darunter Johannes (Ulrich Brandhoff), Ekart (Wenzel Banneyer) und Sophie (Lisa Mies) – lässt Calis als clowneske Gestalten in grellfarbenen, schrillen Outfits teilchenhaft um Baal herumschwirren (Kostüme: Amelie von Bülow). Ästhetisch ist der Abend definitiv im 21. Jahrhundert angekommen.

    Nuran David Calis lässt alle außer Baal bunt aussehen. Foto: Rolf Arnold
    Nuran David Calis lässt die Nebenfiguren bunt aussehen. Foto: Rolf Arnold

    Calis lässt die inneren Haltungen der Figuren durch äußerliche Gesten ausdrücken, während die äußere Handlung in den Hintergrund tritt. Der Zuschauer nimmt durchweg die Perspektive des Baal ein. Ein verstörter junger Mann, ein Anarchist, ein Revoluzzer, ein Psychopath, der mit seinem Umfeld gebrochen hat. Tessenow darf sich verrenken, in der Erde unter den Kacheln wühlen, mit schwarzem Sand seinen Namen auf den Bühnenboden schreiben und heftigst zittern.

    Während Tessenow den Protagonisten mit einer extremen körperbezogenen Darbietung spielt, performt und tanzt, bilden die übrigen Akteure zumeist starre Standbilder, ohne dabei Präsenz und Körperspannung zu verlieren. Ihre Texte und Dialoge erklingen häufig eingesprochen aus dem Off, während sie lediglich die Lippen bewegen. Calis treibt auf diese Weise den von Brecht konzeptionierten Verfremdungseffekt auf die Spitze.

    Videos bilden die Brücken zwischen zwei Bildern. Foto: Rolf Arnold
    Videosequenzen bilden zwischen zwei Szenen die visuellen Brücken. Foto: Rolf Arnold

    Die gekachelten Wände nutzt der Regisseur als Projektionsflächen. Regieanweisungen aus dem Text werden an die Wand gebeamt. Szenenübergänge werden mittels kurzer Videosequenzen gestaltet. Düstere Assoziationen von Menschen und Dingen in rasanter Bildfolge zu der jeweils folgenden Szene, untermalt mit dröhnenden Sounds, gestaltet von Adrian Figueroa (Video) und Vivan Bhatti (Musik).

    Calis‘ „Baal“ ist eine ästhetisch reizvolle, aber zugleich herausfordernde Seherfahrung, bei der die dogmatischen Grenzen von epischem, absurden und postdramatischen Theater ineinander zerfließen. Jedoch erfindet der Theatermacher das Rad nicht zur Gänze neu. Schon Heiner Müller ließ Martin Wuttke als Arturo Ui Ende der Neunziger auf der Bühne körperlichen Extremsport betreiben. Calis schreibt Müllers Körperkonzept fort und kommt dabei – für das postdramatische Theater fast schon untypisch – ganz ohne Selbstentblößung des Akteurs aus. Sein Baal behält alle Klamotten den Abend über am Leib.

    Trotzdem fühlte sich manch Premierengast (über-)provoziert. Nach einer guten Stunde verließen die ersten Zuschauer entnervt den Saal. Wer einen klassischen Brecht-Abend erwartet, wie man ihn in Philip Tiedemanns handwerklich solider, aber langweilig aufgezogener „Dreigroschenoper“ geboten bekommt, ist in dieser kunstvollen Inszenierung am falschen Ort.

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