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Schauspiel Leipzig: Publikum feiert Lübbes Aischylos-Jelinek-Doppel zum Thema Asyl

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    Das Schauspiel Leipzig nimmt sich der Flüchtlingskrise an. Enrico Lübbes Aischylos-Jelinek-Doppelabend "Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen" wurde am Freitag vom Premierenpublikum mit anhaltendem Applaus gefeiert. Zum ersten Mal waren das antike Drama und Jelineks textliche Überschreibung aus dem Jahr 2012 hintereinander in einer Inszenierung zu sehen. Das Ergebnis ist die bislang politischste Inszenierung, die Lübbe in Leipzig auf die Bühne gebracht hat.

    Die Literaturnobelpreisträgerin ist für ihre radikale Sprachwucht bekannt, die sich vornehmlich gegen die österreichische Gesellschaft richtet. Schauspielintendant Lübbe nutzt die Aischylos-Tragödie „Die Schutzflehenden“ gleichermaßen zum Spannungsaufbau und als Triebfeder, um dem Zuschauer den gewaltigen Gehalt des Jelinek-Textes zu vermitteln. Der Abend trifft den sächsischen Zeitgeist. Ohne übermäßig zu provozieren, kreiert Lübbe mit theatralen Mitteln binnen zwei Stunden jede Menge Gesprächsstoff für das Glas Wein danach.

    Das Bühnenbild besteht aus einer Halfpipe, die sich auf der linken Bühnenhälfte längs durch den Raum zieht (Bühne: Hugo Gretler). Asyldebatte im Skatepark? Oder der Rumpf eines Schiffes? Die flüchtigen Töchter des Danaos treten in weißen Kleidern auf (Kostüme: Sabine Blickenstorfer). Lübbe kehrt die Geschlechterrollen um, indem der den 25-köpfigen Jungfrauenchor (Einstudierung: Marcus Crome) von Männern und Danaos sowie König Pelasgos mit Frauen besetzt hat.

    Der Chor steht im Mittelpunkt des Abends. Foto: Bettina Stöß
    Der Chor steht im Mittelpunkt des Abends. Foto: Bettina Stöß

    Pelaskos (Bettina Schmidt) gerät in einen moralischen Konflikt, als die Jungfrauen, begleitet von Danaos (Julia Preuß), bei ihm, in ihrer alten Heimat, Schutz erbitten. Der Fürst lässt das Volk entscheiden, das für die Aufnahme der Flüchtenden votiert. Die Geschichte nimmt ein humanistisches Ende. Der Chor entkleidet sich. Die weißen Gewänder werden an einem Gestänge in den Bühnenhimmel gefahren und dienen fortan als Leinwand. In einer ersten Projektion sitzt Elfriede Jelinek an ihrem Laptop. „Du weißt ja nicht, was die Zukunft bringt.“ In Lübbes Inszenierung verzweifelt die Schriftstellerin an Aischylos‘ weisen Worten. Weiße Zettel regnen von der Decke. Plötzlich stehen 25 Elfriede Jelineks auf der Bühne.

    Lübbe begeht nicht den Fehler, Jelineks Anklageschrift gegen die rassistische Asylpolitik in Österreich, der sich ohne Weiteres auf die Lage in der Bundesrepublik übertragen lässt, Flüchtlingen in den Mund zu legen. Ganz bewusst lässt er die Wutrede bei der Autorin. Die 25 Frau Jelineks schimpfen im Chor über die miserablen Aufnahmebedingungen, das Versagen der Politik, die rassistischen Ressentiments. Haufenweise blaue Müllsäcke fallen vom Bühnenhimmel herab. Kleiderspenden? Die Halfpipe wird aufgebrochen. Eines der drei Löcher bildet die Form des christlichen Kreuzes. Von Humanismus und Nächstenliebe fehlt in Jelineks Text jede Spur.

    Ellen Hellwig überzeugt mit scharfsinnig vorgetragenen Jelinek-Monologen. Foto: Bettina Stöß
    Ellen Hellwig überzeugt mit scharfsinnig vorgetragenen Jelinek-Monologen. Foto: Bettina Stöß

    „Es wurden zwei unserer Verwandten geköpft“, beklagt Ellen Hellwig allein an der Rampe. „Es gibt sie nicht mehr. Es gibt nur noch mich.“ Aus dem Off erklingt der Carpendale-Schlager „Deine Spuren im Sand“. Julia Preuß, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber und Michael Pempelforth nehmen als Bratwürste, Hotdog und Brezel verkleidet im Vordergrund auf Liegestühlen Platz, um über die Krise zu lamentieren. „Was werden sie morgen verlangen?“ „Wenn sie erstmal da sind, liegen sie uns auf der Tasche.“ Alltagsrassismus trifft Menschenverachtung. Die Schlüsselszene des Abends. Getroffene Hunde bellen. Ein Zuschauer verlässt mit lautem Türknallen den Saal. Alle anderen bleiben bis zum Schluss.

    „Wir sind alle und niemand“, skandiert die Jelineks. Anna Netrebko (Hartmut Neuber) schwebt im roten Abendkleid in einer Badewanne ein und singt „La Traviata“. Die Star-Sopranistin bekam ohne Umschweife den österreichischen Pass. Ebenso die Jelzin-Tochter, an der Jelinek sich abarbeitet. Ein bisschen Geld hat genügt. Und die Flüchtlinge? „Unsere Existenz ist unser Zahlungsmittel“, erklärt Elfriede Jelinek aka Ellen Hellwig. Ein weiterer Schlüsselmoment. Auf der rechten Seite gehen die Saaltüren auf. Der Herrenchor tritt ein, diesmal in alltäglicher Kleidung. Frauen und Männer sprechen gemeinsam: „Wir sind gekommen, doch wir sind ja nicht da.“ Bis das Licht erlischt und der Eiserne fällt.

    Schauspiel Leipzig
    Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen
    Aischylos/Elfriede Jelinek

    Nächste Termine: 3.10., 8.10., 17.10., 1.11.

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