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„Carmen“-Ballett in der Musikalischen Komödie

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    Ein Krimi aus Sevilla, Tanz, Temperament, Leidenschaften, Gier, Hass, Verachtung und Mord, mit Zigeunern, Schmugglern und Geschäftemachern – doch nein, man bekommt in der Musikalischen Komödie eine andere „Carmen“ zu sehen, als dass mit aktuellen Zeitbezügen per Video beinahe wie in Live-Übertragungen das Publikum zur Diskussion über Globalisierung, Völkerwanderung und Freiheitskampf angestachelt werden sollte. Denn das kann man so oder ähnlich mit beinahe jedem Theaterstück anzetteln.

    Klarer Fall, dass der Choreograf Mirko Mahr dem Publikum den Weg etwas schwerer macht. Etwa zu der Sorge, wo bleibt das Individuum Mensch auf der ganz natürlichen Suche nach dem Mensch neben sich. Man muss die Frage letztlich gar nicht so stellen. Auf der Bühne war ja nun eine Version des Ausgangs der Handlung zu sehen… Klar auch, dass wir bei Ort und der Zeit nicht in das von den Opernautoren angegebene spanische Sevilla in der Zeit um 1820 reisen müssen.

    Vor den Toren der Stierkampfarena

    Stellen wir uns vor, nach allerhand Musikunterricht in der Schule und Aufführungen im Theater der Jungen Welt gehen coole Teens ab 13 Jahren zum ersten Mal in die Musikalische Komödie. Und genau an P 13 ff. hat man in der Intendanz gedacht, als das Projekt „Carmen“ für die Musikalische Komödie entstand, um an den Erfolg von „Romeo und Julia“ anzuknüpfen. Die jungen Leute erleben Theater von der Straßenkante an, einen Saal, der offensichtlich nicht fertig gebaut wurde, da passen viele Dinge nicht zueinander. Baugerüstteile tragen Scheinwerfer. Wenn das Licht ausgeht, ist das vergessen, ein beachtlich großes Orchester spielt die Ouvertüre. Und mehr oder weniger wird bewusst: Hier ist alles live!

    Und schon nimmt auf der Bühne der Krimi seinen Lauf. Gesungen wird ja auch an diesem als Ballett bezeichneten Abend, denn der Chor ist als Kommentator platziert wie in Urzeiten des Theaters.

    Es sind Grenzen gesetzt, in Form von bühnenhohen großen Toren wie die Fensterläden und Tore in Sevilla. Und ein großer Stier steht in der Mitte wie eine Kunst-Skulptur auf der Straße. Schließen sich die Tore, wird es eng, durch die Lamellen dringen Geräusche, schauen Beobachter. Dieser Stier wird gedreht, als ob sich die Zeiger der Uhr weiterdrehen. Er bildet auch Rückzugsräume und Versteck, Galerie und Balkon.

    Man rate kurz vor dem Schlussapplaus, wie viele Tänzerinnen und Tänzer zu sehen waren: Es sind nur 15. Als Don José ist Tom Bergmann zu erleben, Sara Barnard als Micaela, beide seit „Romeo und Julia“ schon Stars der Musikalischen Komödie, Annelies Bindley als Carmen, Özgür Tuncy als Escamillo. Getragen vom großen und klangvollen Orchester der Musikalischen Komödie geleitet von Tobias Engeli.

    Menschliche Verwirrungen

    Wenn man Mirko Mahr etwas vorwerfen kann, dann dass er den Vamp-Mythos sehr wenig bedient, jener Aura, nach dem bei „Carmen die gesellschaftliche Ordnung auf das Chaos trifft, vorherrschende Regeln auf Regellosigkeit, gelebte Tradition auf den Freigeist einer einzelnen Frau“. Da sollte die Oper Leipzig / Musikalische Komödie ihre Internet-Beschreibung des Stückes noch einmal überprüfen.

    Hier spielt das Leben: Annelies Bindley und Tomm Bergmann. Foto: Oper Leipzig, Ida Zenna
    Hier spielt das Leben: Annelies Bindley und Tomm Bergmann. Foto: Oper Leipzig, Ida Zenna

    In dieser „Carmen“-Geschichte treffen junge Leute auf junge Leute, erleben Möglichkeiten und Widersacher, Frust, falsche, echte und überzogene Erwartungen: hier spielt das Leben! In der Ausdrucksform Tanz. So weit tänzerisch und Musiktheater-Tradition, dass der gelernte Tänzer Mirko Mahr mit eigener „Carmen“-Opern-Erfahrung den Chor unbedingt dabeihaben wollte. So entstand gemeinsam mit Dramaturgin Christina Geißler und dem Dirigenten Tobias Engeli in Inszenierung und Choreografie von Mirko Mahr eine Uraufführung, die ein neues Werk darstellt. In knapp zwei Stunden Spieldauer bleibt die Bühne gefüllt von Temperament, Ideen, minimalen Ruhepunkten und Erzählstruktur. Wo es bei Personen, Vorurteilen, Leidenschaften und Träumen Verwirrungen gibt, da sollen auch welche zu sehen sein.

    Jacken-Ärmel erzählen

    Sven Bindseil brachte als Kostümbildner keine Designer-Kollektion mit, wohl aber Varianten von Formen bei den Damen, etwa bei der schwarzen Kleidung, einheitlicher Stoff, jedes Modell ein Unikat. Und bei den Herren, insbesondere bei den Uniformen, erzählt die Kleidung als sogenannte zweite Haut des Menschen eigene Geschichten. Ein Ärmel fehlt an allen Männerjacken. Alter Militärspruch: Lieber Arm dran als Bein ab. Man riss sich auch Ärmel aus der Wäsche, um Wunden zu verbinden. Hier hat der Kostümbildner keine Scheu mit roten Kostümteilen vor roten Hintergründen. Aus diesen Farbtupfern stechen dann die weiß-schwarzen Edel-Fummel heraus wie bei ganz großer Show…

    Frank Schmutler hat das Bühnenbild gestaltet. Vom etwaigen Milieu einer Zigarettenfabrik bleiben nur die Zigaretten in den Händen der Arbeiterinnen-Tänzerinnen. Eine Tavernen-Kulisse gibt es genauso wenig wie Lager der Schmuggler im Gebirge mit Felsenschlucht, „dunkel und trüb“, wie im Opernlibretto zu lesen, kann es auch so auf der Bühne werden und der Platz vor der Arena als Kampfplatz ist von Anfang an präsent.

    Beim ausruhenden Militär und den aufmarschierenden Wachen schlägt der Choreograf dem Marsch und dem Marschieren  ein Schnippchen, sodass man sich fragt, kommt der Gleichschritt aus der Erziehung zu Disziplin und Schnelligkeit beim Militär – ja, seit antiken Zeiten – oder kommen die Gleichförmigkeiten aus Tanz, Sport und der Absicht einer Darbietung? Nein, von einer Show-Parodie kann nicht die Rede sein. „Schwingungen“ freilich sind in unterschiedlicher Weise übertragbar, so dass moderne Straßenverkehrsordnungen den Gleichschritt auf Brücken schon lange verboten haben.

    Leichtfüßige "Carmen"-Version: Foto: Oper Leipzig, IdaZenna
    Leichtfüßige „Carmen“-Version: Foto: Oper Leipzig, Ida Zenna

    Choreograf und Tänzer zeigen hier leichtfüßig ihre Version der Carmen-Opern-Geschichte, auf die man im Lexikon stößt: die Wiener Operette hat Verwandtschaft mit der Oper, die Berliner Operette verschmolz einst Elemente der Revue mit Rhythmen aus der Militärmusik, Tanzrhythmen aus den USA, gar in der Operetten-Blütezeit moderne Tanzrhythmen, wie man es Paul Lincke unterstellte, dem Schöpfer von „Frau Luna“. Bizet, der Vater der „Carmen“-Musik, soll selbst niemals Spanien bereist haben.

    Starke Frauen gefragt?

    Auf Werbepostkarten gibt es einen weinerlich erscheinenden jungen Mann, Don José im Kostüm, daneben zwei Damenschuhe, ein rotes Tuch, er trägt jene Uniform mit nur einem langen Ärmel. Man sieht, hier ist allerhand passiert. Wo ist die Frau, nach der doch das Stück benannt ist? Welche Rolle spielt diese Frau Carmen? Welche Rollen spielen die Frauen?

    „Im Krieg, wenn die Männer fortgezogen waren, mussten immer die Frauen ihren Mann stehen. War dann Frieden, übernahmen die Männer die Führung und die Frauen duckten sich wieder ab“, so hat die Theater-fact-Prinzipalin Ev Schreiber mal geflucht, dann einen „Hamlet. Weiblich“ auf die Bühne gestellt, und die Geschichte aus Ophelias Sicht erzählt.

    Ballett für Augen und Ohren

    Für die Kraft des Balletts der Musikalischen Komödie erscheint diese Bühne als zu klein, was schon bei früheren Produktionen auffiel, man merkt es zufällig, wenn den Tänzern Anlauf-Platz zum Einsatz zu fehlen scheint. Was aber kein Makel ist, sondern Teil der Möglichkeiten.

    Beim Frank-Sinatra-Abend in Cottbus sah man, wie Mirko Mahr in einen vorgegebenen Raum hinein inszenieren kann (Nach Platz, musikalischem Format und Anzahl der Besucherplätze war es ein Salon-Abend, den man übrigens auch mal nach Leipzig holen könnte).

    Natürlich ist der „Carmen“-Chor bewegt und geführt, wenn auch nicht so choreographiert und einstudiert wie in der berühmten Holzschuhtanzszene von „Zar und Zimmermann“, bei der der Muko-Chor dem Ballett wahrlich Konkurrenz machte.

    Starke Frauen - auch als Ensemble. Foto: Oper Leipzig, IdaZenna
    Starke Frauen – auch als Ensemble. Foto: Oper Leipzig, Ida Zenna

    Erfolgreich aufgegangen ist das Konzept, „Carmen“-Musik zweier Komponisten zu einem längeren Stück zu verbinden, ohne mit der Oper „Carmen“ konkurrieren zu wollen. Es liegt der alte Anspruch nahe zu sagen: Man sieht was man hört, man hört was man sieht.

    Theater sucht Entdecker

    Mit der Ballett-Version von „Romeo und Julia“ hatten es die Intendanz und der Choreograf Mirko Mahr auf die jungen Leute abgesehen, die gerade die Liebe zu spüren bekommen. Man fragte sich anfangs, ob denn die Jugendlichen nun auch kommen würden. Mundpropaganda und Neugier oder Tippgeber funktionierten bestens. Und die Werbepostkarten mit Tänzerfoto fanden gezielte Zugriffe.

     

    Chefchoreograph Mirko Mahr. Foto: Oper Leipzig, Andreas Pohlmann
    Chefchoreograph Mirko Mahr. Foto: Oper Leipzig, Andreas Pohlmann

    Hier ist eine neue Reihe entstanden, nicht neu vom Genre, sondern in der mutmaßlichen Absicht: „OK, wir nennen Euch jetzt nicht mehr Kids, und da dürfen wir Euch bitte mal zeigen, wie wir offline zaubern. Nach zwei Stunden seid Ihr wieder online cool.“

    Carmen und eine Straßenecke weiter Wagner und Nietzsche

    Es gehört zur Wirkungsgeschichte des Stückes, dass die Uraufführung am 3. März 1875 noch nichts vom künftigen Erfolg zeigte. Vielleicht waren die Herzen des Publikums zu sehr getroffen und betroffen. So menschlich und so miterlebbar können Dramen sein.
    Es gab Versionen, Veränderungen, Einsprüche. Doch Bizet war da schon drei Monate nach der Uraufführung am 3. Juni 1875 verstorben, im Alter von gerade einmal 36 Jahren.

    „Carmen“ ist ein Name für Musiktheater schlechthin. Eine Inszenierung kam auf 2946 Aufführungen. Auch das ist erzählbares Musiktheater, geschichtlich originell bis hin zu Friedrich Nietzsche, der „Carmen“ gegen Richard Wagner und seine Werke ausgespielt hat.

    Ausgerechnet Wagner und Nietzsche vereinten sich in der Leidenschaft einer gutbetuchten Leipziger Bauherrin, die nur ein paar Straßenecken von der Dreilindenstraße entfernt, an der Ecke Erich-Zeigner-Allee und Karl-Heine-Straße, eine Villa mit Ikonografie aus Wagners-Werk-Motiven und Nietzsches Zarathustra-Mythologie ausgestalten ließ. Nach langem Verfall, hoffnungsvollen Bauzäunen wird diese Villa seit einigen Monaten restauriert. Für „Carmen“ ist das nicht wichtig, aber es verbindet Leipziger Musikfreundschaften über Jahrhunderte und nah beieinander liegende Häuser.

    An Leipzigs Opernhaus gab es vor ein paar Jahren eine Bizet-Inszenierung, die als „P 18“ deklariert wurde. Es ist schön, dass man sich von solchen Ausgrenzungen jüngeren Publikums verabschieden will. Früher wurde man auch mit 10 von den Eltern mitgenommen zu „Aida“ und „Frau Luna“. Man ist alt genug für Theater, wenn man es zugemutet bekommt.

    Nächste Vorstellungen in der Musikalischen Komödie: 26. April, 19:30 Uhr, 20. Mai, 19:30 Uhr

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