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Psychothriller mit Musik: Christian Thielemann dirigiert Verdis „Otello“

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    Knapp ein Jahr nach der Salzburg-Premiere ist Vincent Boussards „Otello“ in der Semperoper zu sehen. Die Gemeinschaftsproduktion mit den Osterfestspielen feierte am Donnerstag ihre Dresden-Premiere. L-IZ.de war vor Ort.

    Eine Koproduktion von Semperoper und Salzburger Osterfestspielen bedeutet weit mehr Aufwand, als der geneigte Opernfan im ersten Augenblick vermuten mag. Ist die Salzburger Bühne ein Breitbandformat, ähnelt der Dresdner Guckkasten mehr einem Quadrat denn einem Rechteck. Bühnenbild und Kostüme mussten binnen eines knappen Jahres den sächsischen Verhältnissen angepasst werden. Da nicht alle Dresdner Sänger in Salzburg mitwirkten, war auch eine umfassende szenische Neueinstudierung vonnöten.

    Regisseur Vincent Boussard nutzte die Gelegenheit für einen ungewöhnlichen Schritt. Der Franzose bearbeitete ausgewählte Szenen mit Einverständnis der Opernleitung. Was bei den Bayreuther Festspielen gang und gäbe ist, ist in der Opernwelt ansonsten unüblich. Aber warum sollte der Künstler nicht an sein eigenes Werk nach der Premiere noch einmal Hand anlegen dürfen? Bei dieser Produktion jedenfalls schien der Eingriff dringend geboten. Denn in Salzburg war die Produktion bei den Kritikern überwiegend durchgefallen.

    Der Dresdner „Otello“ ähnelt freilich in sehr vielen Punkten der Salzburger Aufführung. Aber für aufmerksame „Wiederholungstäter“ gibt es nun auch Neues zu entdecken. Boussard verlegt die Handlung aus Venedig in einen abstrakt ausgestalteten Mikrokosmos an der Schnittstelle zwischen pietistischer Tradition kleingeistiger Romantik und atheistischer Moderne. Der erfolgreiche Feldherr Otello (Stephen Gould) trifft auf den von Neid zerfressenen Fähnrich Jago (Andrzej Dobber).

    Vincent Boussards "Otello" klotzt mit visuellen Hinguckern. Foto: Forster
    Vincent Boussards „Otello“ klotzt mit visuellen Effekten. Foto: Forster

    Boussard erzählt die bekannte Geschichte als bewegenden Psychothriller frei nach Shakespeare in evozierenden Tableaus. Bühnenbildner Vincent Lemaire hat dazu den Bühnenkasten mit einem weißen Lichtrahmen umzeichnet. Bauten und Mobiliar zeichnen sich durch ein schlichtes, formloses Design aus. Ein gutes Drittel des Bühnenhimmels wird in vielen Szenen von einer Leinwand eingenommen, auf die Videokünstlerin Isabel Robson diffuse Formen und – in enger Abstimmung zum Libretto – meist warme Farbtöne projizieren lässt, um die musikalischen Stimmungen visuell zu untersetzen. Am meisten spiegeln sich die Gegensätze der Figuren allerdings in den Kostümen. Modezar Christian Lacroix kleidet das Otello-Lager in traditionelle Gewänder, wie sie im späten 19. Jahrhundert durchaus noch zu sehen gewesen sind. Jago trägt dagegen moderne Herrenanzüge.

    Mit Stephen Gould (Otello) und Dorothea Röschmann (Desdemona) hat die Semperoper zwei Stars der internationalen Szene verpflichtet. Foto: Forster
    Mit Stephen Gould (Otello) und Dorothea Röschmann (Desdemona) hat die Semperoper zwei Stars der internationalen Szene verpflichtet. Foto: Forster

    Boussards Inszenierung lebt jedoch weniger von ihren Äußerlichkeiten als von dem intensiven Spiel der Sängerinnen und Sänger. Für die Premiere hat die Semperoper extra Startenor Stephen Gould eingekauft. Desdemona wird an der Elbe von Grammy-Preisträgerin Dorothea Röschmann gesungen, Jago von Verdi-Spezialist Andrzej Dobber. Und das illustre Trio macht seinen Job in der Semperoper bis zur Pause richtig gut. Gould schmettert die Arien und Rezitative inbrünstig in die Weiten des Saals. Dobber garniert Jagos berühmtes Credo im zweiten Akt mit einer gehörigen Portion donnernder Bassschwärze.

    Dorothea Röschmann ist gesanglich im ersten Akt eine Wucht. Während ihre Bühnenpartner ihr Niveau halten, scheint sich die Sopranistin zu früh verausgabt zu haben. Ab dem dritten Akt kämpft die Sopranistin spürbar gegen die Staatskapelle aus dem Graben an, obwohl Chefdirigent Christian Thielemann an diesem Abend ausgewogen die Balance zwischen Sängern und Orchestern hält. Beinahe jedes Wort ist selbst in der 13. Reihe deutlich zu verstehen.

     

    Trotzdem ist in dem Opernkrimi vieles vorhersehbar. Foto: Forster
    Trotzdem ist in dem Opernkrimi vieles vorhersehbar. Foto: Forster

    Immerhin fängt sich Röschmann zum intimen Schlussbild wieder. Boussard inszeniert das Finale in einer kleinen, weißen Kammer. Daneben ein XXL-Spiegel und drumherum ein Sternenhimmel. Desdemona weiß, was ihr blüht. Otello kommt, tötet erst seine Geliebte, dann sich selbst. Die Flügel des schwarzen Engels, der den Protagonisten durch den Abend begleitet, gehen in Flammen auf.

    Schauspielerisch gelingt es den Sängern, Boussards Regiekonzept zu adaptieren. Das oftmals intim ausgetragene Psychospiel zwischen Otello, Desdemona, Jago und dem dazwischen umherschwirrenden Cassio (Antonio Poli) gefällt Freunden des postdramatischen Regietheaters. Dass Boussard stark an der shakespearschen Handlungsvorlage haften bleibt, ist in Anbetracht der futuristischen Ästhetik die große Schwäche der Inszenierung. Einige Bühneneffekte und die phänomenale Videolichtshow haben ihre ästhetischen Reize. Der Abend zeigte allerdings keine neuen Deutungsmöglichkeiten des populären Spätwerks auf. Womöglich spendete das Premierenpublikum deswegen nur verhaltenen Applaus. Das Regieteam musste sich wie schon in Salzburg einige Buhs gefallen lassen.

    Semperoper
    Otello
    Guiseppe Verdi

    Nächste Termine: 01.03., 05.03., 11.05.

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