Angriff auf den Humanismus und die totale Verdrehung der Lage ...

König Ubu am Schauspiel: „Ich wollte doch nur alle glücklich machen“

Für alle Leser“König Ubu” nervt. Bei der Uraufführung 1996 war das Drama von Alfred Jarry ein grandioser Skandal, es wurde einmal aufgeführt und dann direkt aus dem Programm genommen. Der einzige Redakteur, der es gewagt hatte, eine wohlgesonnene Kritik zu schreiben, soll direkt gefeuert worden sein - so die Legende. Heute gilt “König Ubu” als Epochenwerk, als Vorläufer des modernen Theaters. Und König Ubu als Prototyp des machtgeilen, selbstverliebten Tyrannen. Derzeit wird er im Schauspiel Leipzig gegeben.

Für Entrüstung sorgten bei der Uraufführung 1996 allerdings nicht die übertrieben infantil dargestellten Charakterzüge des Hauptprotagonisten, sondern sein ordinärer Sprachgebrauch. Was damals ein offener Angriff auf die strengen Konventionen des bürgerlichen Theaters war, schafft es heute kaum noch, die Zuschauer von den Sitzen zu schrecken.

Jarrys schärfste Waffe, die Provokation, funktioniert wie ein scharfes Messer: Je häufiger sie benutzt wird, umso mehr nutzt sie sich ab. Das Publikum hat sich dem angepasst. Nackte Ärsche, Fäkalien und Schimpftiraden – die Oma neben mir seufzt leise, geschockt ist sie nicht. Eine soziokulturelle Entwicklung, die “König Ubu” befeuert hat. Die Haus-Regisseurin des Schauspiels Leipzig, Claudia Bauer, schließt nun wieder einmal den Kreis.

Neues Publikum, gleiche Handlung: Der polnische Offizier “Vater Ubu” lässt sich von seiner Frau anstiften, den König zu ermorden und die Macht an sich zu reißen. Als Alleinherrscher ist er dann jedoch vollkommen überfordert und tötet jeden, der ihm und seiner Geldgier im Weg steht. Am Ende bringen ihn ein Krieg gegen Russland und die Revolte des eigenen Volkes zu Fall.

Der Videotrailer zu „König Ubu“ am Schauspiel Leipzig. Quelle: Schauspiel

Ohne das Original zu verändern gelingt es Bauer, das Stück entschieden an sich zu reißen. Einerseits handwerklich – die für Bauer typische Live-Übertragung einzelner Szenen per Handkamera, das hervorragend kompositionierte Zusammenspiel von Sound, Musik und Bild und die Arbeit mit Elementen des Slapsticks und Komiks. Andererseits durch die Verschmelzung des Originals mit “Ubus Prozess”, das von Simon Stephens 2010 als Erweiterung entworfen wurde und von Claudia Bauer als Wendepunkt des Abends eingesetzt wird.

“König Ubu” lässt sie als hyperaktive, bisweilen befremdende Orgie der Übertreibungen spielen. Die primitiven Verhaltensweisen der Darsteller verunsichern, König und Königin (Roman Kanonik und Julia Preuß) treiben das köstlich auf die Spitze. Irgendwann fragt man sich unweigerlich, ob einen das eher nervt, belustigt oder provoziert.

Dann kommt Ubus Prozess ins Spiel. Die bisher erzählte Handlung wirkt dadurch wie ein Rückblick. Ubus Machtergreifung, seine brutale Herrschaft, der Krieg gegen Russland werden Geschichte, die Medien stürzen sich auf ihn und seine Unterstützer, der internationale Gerichtshof schaltet sich ein. Die absurden, aber greifbaren Grausamkeiten werden hinter Paragraphen und Fragen verschleiert, die Mittäter wissen von nichts. Und König Ubu ist auf einmal ernst, eingeschlossen im großen Kubus, per Projektor überlebensgroß an die Wand gestrahlt.

Videoprojektion mit Hauptdarsteller "Ubu" Roman Kanonik. Foto: Rolf Arnold

Videoprojektion mit Hauptdarsteller „Ubu“ Roman Kanonik. Foto: Rolf Arnold

Das letzte Wort gehört ihm, er schwingt auf zu einer pathetischen Verteidigungsrede, zum Angriff auf den Humanismus, zur totalen Verdrehung der Lage. “Ich wollte doch nur alle glücklich machen”.

Interessant, wie sich die Bedeutung des Stücks über die Jahrzehnte hin gewandelt hat. Von der Provokation bleibt nicht mehr viel übrig, aber als schonungslose Politsatire funktioniert es heutzutage besser denn je. Alfred Jarry wurde dafür oft als Prophet betitelt, der mit seinem Ubu spätere Herrscher und Diktatoren vorweggenommen hat. Und bei denen weiß man ja auch heute nicht so recht, wie man auf sie reagieren soll.

König Ubu / Ubus Prozess von Alfred Jarry / Simon Stephens // Deutsch von Marlis und Paul Pförtner / Barbara Christ.

Nächste Termine am Schauspiel Leipzig
Sa, 24.02. 19:30 – 21:30, Große Bühne inkl. ab 19:00 Einführung im Rangfoyer
Do, 01.03. 19:30 – 21:30 mit Audiodeskription, Große Bühne inkl. 19:00 Einführung im Rangfoyer
So, 25.03. 16:00 – 18:00 mit Audiodeskription, mit Kinderbetreuung, Große Bühne, 15:30 Einführung im Rangfoyer

Schauspiel LeipzigRezension
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Thomas Vogel: Mäßigung. Foto: Ralf Julke

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