„Ich bin irgendwie so unruhig, Mama“: Gedanken einer Leipziger Mutter

Für alle Leser„Ich bin so unruhig, Mama...“, sagte mein Sohn beim Zubettgehen, etwas, was er noch nie sagte. Es ist der Freitag der ersten Woche der Corona-Ausgangsbeschränkung. Wir durchleben die „virologische Bedrohung“ meistens im Garten im engsten Kreis der Familie. Was sage ich meinem Sohn, meinen Kindern, zur Beruhigung?

„Ich bin irgendwie so unruhig, Mama…“, ging mir noch eine Weile durch den Kopf. Ich öffne meinen PC. Ich bin auch unruhig, sehe wie die Welle der Corona-Krise über uns hereinbrechen wird. In Spanien ist das Militär auf der Straße. Ausgangssperren und rote Zonen in Italien. In Frankreich spricht Macron mehrfach von „Krieg“. Merkel betitelt es als die „schlimmste Krise seit ’89, nein, seit dem 2. Weltkrieg“.

Schon jetzt überlastete Krankenhäuser und leere Straßen, Kinos, Cafés, Friseure. Europäische Politiker/-innen sehen sich im „Krieg“ gegen das unsichtbare Virus Covid-19, getauft mit dem wohlklingenden Namen Corona. Und Wissenschaftler/-innen werden zu Politik-Berater/-innen in dieser kriegerischen Zeit. Aber die Welle ist noch nicht oder doch gerade über uns, wobei die Zerstörung erst sichtbar wird, wenn das Wasser wieder weg ist.

„Ich bin irgendwie so unruhig, Mama…“, verfolgt mich und holt mich ein

Ich bin auch unruhig, wenn ich beobachte, dass die Menschen Hamsterkäufe machen, obwohl der Nachschub gesichert sei. Unruhig verfolge ich Medienberichte und sehe, dass nationale Grenzen wieder errichtet werden. Die humanitären Katastrophen an den euro-amerikanischen Außengrenzen kaum noch thematisiert werden und niemand über die täglich tausenden Hungertoten und ein fehlendes Gesundheitssystem in den Schwellenländern spricht. Weltweit hinter dem Virus verschwindend.

Ich bin auch unruhig, wenn Menschen Millionen Dollar auf den baldigen Konkurs von Unternehmen wetten, wenn die Menschen Waffen verstärkt kaufen und immer wieder ein weiteres Land verkündet, dass es kurz vor dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens steht.

„Ich bin irgendwie so unruhig, Mama…“, hallte es nach. Ich mache mir einen Tee.

Ich bin auch unruhig, und versuche meine Unruhe vor meinen Kindern zu verbergen. Denn ich sehe auch Hoffnung in dieser Corona-Krise, die scheinbar sehr deutlich macht, an welchen Stellschrauben wir kurz-, mittel- und langfristig drehen müssten, um für alle Menschen – lokal wie global – ein gesundes Leben zu ermöglichen. Diese Krankheit erschreckt mit hohen Todeszahlen, vor allem unter den ältesten Menschen unserer Gesellschaft.

Plötzlich ist Gesundheit in aller Munde, die Grußformeln ändern sich in „Bleib gesund“ und „Pass auf Dich auf!“. Was aber kann es bedeuten, wenn eine Krankheit unsere (globale) Lebensweise radikal unterbricht und somit Alltägliches infrage stellt?

„Ich bin irgendwie so unruhig, Mama…“, wiederholt es sich

Ich bin auch unruhig, denn es ist erschreckend-erstaunlich, dass gerade eine Lungenkrankheit die Menschen in dicht besiedelten Städten und industriellen Ballungsräumen heimsucht.

Eine Lungenkrankheit in Form einer weltweiten Pandemie lese ich als ein Symbol für dreckige Luft durch einen massiven globalen Verkehr, durch Industrien, die eine Überproduktion von Waren – selten mit europäischen Umwelt- und Arbeitsschutzgesetzen kompatibel und deren Bedarf erst durch gezielte, teure Werbung bei ihren potenziellen Abnehmern eingeimpft wird – herstellen, durch Massentourismus und lokal betrachtet durch Berufspendler/-innen oder Menschen, die eine unzureichende Infrastruktur (Einkauf, Ärzte, etc.) in abgelegenen Ortschaften haben.

Es ist eine Lungenkrankheit, die sich nur aufgrund einer globalisierten Welt so massiv ausbreiten konnte und sie gleichzeitig in einen Dornröschenschlaf bettet. Die Stacheln kommen bereits durch und der Hofstaat windet sich in Alpträumen bis zum Erwachen.

„Ich bin irgendwie so unruhig, Mama…“, …

Ich bin auch unruhig, denn ich sehe und höre wie im Stundentakt Entscheidungen auf politischer Ebene getroffen werden, erahne weitere Maßnahmen und sorge mich, dass die Milliarden-Schulden möglicherweise nicht in einem sozial-ökologischen Sinne langfristig investiert werden. Und unsere Kinder auf Schulden und in einer zerstörten Welt leben müssen. Nun ist Zeit zum Innehalten und Nachdenken.

Nicht nur über die negative und die positive Strahlkraft der Krankheit, sondern auch über den gesellschaftlichen Umgang mit der betroffensten Bevölkerungsgruppe, den Ältesten. Was könnte uns diese Krankheit sagen? Welche Röschen wachsen zwischen den Dornen?

„Ich bin irgendwie so unruhig…“

Ich bin auch unruhig, denn die Gesundheit wird gerade in diesen Tag als unser wichtigstes Gut hochgehalten und es komme hierbei auf jede/n Einzelne/n an. Unsere Gesundheit benötigt vor allem frische Luft, damit wir zur Erholung von der Arbeit oder Krankheit spazieren gehen können. Autos, LKWs und Flugzeuge stehen still. Deutlich wird, dass unsere Parks und Gehwege zu klein sind, damit ein/-e Jede/-r in den Städten dieser Welt spazieren gehen kann. Neubauten und Hochhäuser mit tausenden Wohnungen prägen die Stadtbilder unserer Weltmetropolen.

Seit langer Zeit fordern Klima-Forscher/-innen eine langfristige und drastische Reduktion des CO2-Ausstoßes. Corona hat es plötzlich kurzfristig gelöst. Jetzt ist der Zeitpunkt in CO2-arme Verkehrsmittel, wie den öffentlichen (Nah-)Verkehr, Car-Sharing-Systeme oder Radwege, zu investieren und gleichzeitig das globale Transportwesen, beispielsweise durch eine Förderung der lokalen Ökonomie, zu entlasten!

Jetzt ist der Zeitpunkt, Stadtkonzepte zu überdenken, damit die Bevölkerung weltweit besser atmen und sich bewegen kann. Wir haben jetzt die Zeit, uns die Frage zu stellen, ob wir das Recht auf einen Parkplatz nicht dem Recht auf eine Parkbank vorziehen wollen.

„Ich bin irgendwie so…“

Ich bin auch unruhig, denn ich ahne, dass für ein gutes Immunsystem ebenso gesunde Lebensmittel unabdingbar sind. Vorrangig werden in den Supermärkten Lebensmittel angeboten, die in dichtes Plastik gehüllt sind, überzuckert sind oder Obst und Gemüse, welches in der monokulturellen Landwirtschaft mit Pestiziden hochgezogen wurde. Es gibt kaum unabhängige Studien über die gesundheitlichen Nebenwirkungen der Pestizid- und der Plastikverunreinigungen in den Lebensmitteln und der Natur.

Wissenschaftler/-innen vermuten nicht geringe Einflüsse auf die Auswüchse von Krebs, Kreidezähne oder Lebererkrankungen bei den Menschen, und der Böden, des Wassers und der Diversität der restlichen Lebewesen auf unserem Planeten.

Jetzt ist der Zeitpunkt, langfristig in eine lokale ökologische Landwirtschaft mit fairen Löhnen zu investieren, damit gesunde Lebensmittel nicht nur für den kleinen Teil der wohlhabenden und bildungsnahen Bevölkerungsgruppen zugänglich sind! Jetzt ist der Zeitpunkt, Subventionen für internationale Lebensmittelkonzerne zu überdenken, damit Bauern weltweit von ihrer Arbeit leben können! Jetzt ist der Zeitpunkt, lokale Märkte zu fördern! Jetzt ist der Zeitpunkt, die Chemie-Konzerne von unseren Feldern zu verdrängen!

„Ich bin irgendwie…“

Ich bin auch unruhig, denn jetzt wird mit Corona offensichtlicher als es bereits schon war, dass das Gesundheitswesen zu lange von staatlicher Seite vernachlässigt und den Konzernen überlassen wurde. Weltweit getroffene Maßnahmen und Einschränkungen dienen vorrangig dem Schutz eines Gesundheitswesens, welches nur einen kleinen Teil der Gesellschaft versorgen kann und diese unter teils prekärsten Arbeitsbedingungen.

Es ist jetzt der Zeitpunkt, unser Gesundheitswesen, welches die Schwächsten der Gesellschaft schützt, neu zu denken – Behandlungsmethoden erweitern und verfeinern, unabhängige Studien anzustoßen und vor allem in den Ausbau einer flächendeckenden, gerechten medizinischen Versorgung in Stadt und Land, lokal und global zu investieren! Es ist jetzt der Zeitpunkt, die Privatisierung des Gesundheitswesens rückgängig zu machen und den Einfluss der Pharma-Konzerne zurückzudrängen!

„Ich bin…“

Ich bin auch unruhig, in dem Moment wo wir zum Schutz unserer Großeltern (und dem Gesundheitswesen) die Besuche aussetzen, und bemerken wie wichtig uns diese Beziehungen – diese Nähe – sind. Die Ältesten unserer Gesellschaft werden in großen Heimen von unterbezahlten Altenpflegekräfte, mit zu wenig Zeit für eine sozial-emotionale Pflege, versorgt.

Sie sind diejenigen, die diverse Gelenk-Operationen und zahlreiche Medikamente erhalten. Jetzt ist der Zeitpunkt unseren Umgang mit den Ältesten, der Pädiatrie und dem Tod zu überdenken! Wie wollen wir altern und sterben?

„Ich…“

Ich bin auch unruhig, frage mich gegen wen gerade „Krieg“ geführt wird. Es hat den Anschein, dass das Immunsystem der Erde dem des Menschen nicht unähnlich ist. Wir sollten diese Krise als eine Chance ansehen, damit wir unseren Kindern und allen nachfolgenden Generationen ruhigen Gewissens jeden Abend sagen können: „Sei nicht unruhig, wir tun, was wir tun können!“

Wer ist systemrelevant? Und für welches System?

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Coronakrise
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