Das Freiheitsdenkmal – wenn nicht in Leipzig, wo sonst? – Christian Führer im exklusiven Interview mit der L-IZ

Es gibt Menschen, an denen das Alter scheinbar spurlos vorbeigeht. Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche und Symbolfigur des friedlichen Widerstandes, scheint zu diesen Auserwählten zu gehören. Seit März 2008 ist der streitbare Gottesmann im Ruhestand.
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Und wie das so ist, hat man als Pensionär in der Regel fast mehr zu tun, als im eigentlichen Berufsleben. Gegenwärtig treibt ihn die Debatte um das Freiheitsdenkmal um, die seiner Ansicht nach unter unglücklichen Vorzeichen begonnen hat. L-IZ traf Christian Führer in seinem neuen Domizil unweit der Lutherkirche und wollte von ihm wissen, was er über Freiheitsdenkmal, die Diskussion darum und mögliche Lösungswege denkt.

Herr Führer, Leipzig scheint eigentlich prädestiniert für das in Frage kommende Freiheitsdenkmal. Warum glauben Sie, dass die Debatte zur Zeit derart kontrovers geführt wird, wo doch der „natürliche Standort“ offenbar nicht nur nach Ansicht der Verantwortlichen im Rathaus tatsächlich Leipzig sein müsste?

Die ganze Angelegenheit stand von Anfang an unter den falschen Vorzeichen. Die Frage ist doch nicht, soll das Denkmal überhaupt in Leipzig errichtet werden, sondern sie lautet: Wo in Leipzig soll es entstehen.

Worin liegt Ihrer Meinung nach der Fehler?

Der Fehler war, dass man den Leipzigern von Anfang an eigentlich keine wirkliche Wahl gelassen hat. Man sagte, das Denkmal kommt nach Leipzig und ihr könnt noch darüber entscheiden, wo es dann schließlich hinkommt und wie es zu gestalten ist. Das war der falsche Ansatz. Da wurde nicht wirklich die Freiheit der Entscheidung gewährt. Und da, muss ich sagen, reagieren die Leipziger ganz empfindlich. Das war eher unsensibel. Aber ich möchte noch auf etwas anderes hinaus. Wir haben uns viele Jahre bemüht, den 9. Oktober als Tag der Entscheidung bekannt zu machen. Das war durchaus mühsam. Dann passierte das Großartige, dass die Bedeutung des Tages bis in den Bundestag hinein bekannt und gewürdigt wurde. Dass man dann Leipzig mit dem Tag der Entscheidung in Verbindung bringt und diese Stadt als den Kernpunkt der Revolution akzeptiert und würdigt, ist eine große Sache.Ist man mit der Entscheidung über die Köpfe der Leipziger hinweg also zu schnell gewesen?

Na ja, das hat die Leipziger widerborstig gemacht. Da müsste man jetzt überlegen, welche Stadt wäre denn jetzt geeigneter als Leipzig. Soll es nach Wismar, nach Plauen oder Dresden kommen? Da muss ich schon sagen, dass mir keine Stadt einfällt, die geeigneter wäre als Leipzig. Wo sonst als in Leipzig sollte so ein Denkmal stehen? Außerdem wäre es ein schöner Kontrapunkt zu einem anderen Leipziger Wahrzeichen.

Das da wäre?

Das Völkerschlachtdenkmal. Die Russen haben für die 60.000 Toten eine Kirche gebaut, wir ein „Schlachtdenkmal“. Aber ich weiß ja inzwischen, dass die Leipziger ihr „Völki“ ins Herz geschlossen haben. Nicht als ein Kriegsdenkmal, sondern als unverwechselbares Wahrzeichen Leipzigs, das inzwischen ja Weltruhm erlangt hat und viele Touristen anlockt. Es ist ein Stück Leipzig geworden, ein Stück Heimat. Aber jetzt kommt der Punkt. Wenn wir in Leipzig ein so großes Monument anlässlich eines Krieges und eines Sieges geschaffen haben, um wie viel nötiger wäre es, in Leipzig ein Denkmal für eine friedliche Revolution zu erschaffen? Eine Revolution, die – im Gegensatz zu diesem Krieg, für den das Völkerschlachtdenkmal steht – keine Todesopfer gefordert hat. Da müsste ein Denkmal für eine friedliche Revolution doch umso mehr ein Anliegen für Leipzig sein.

Welchen Ort in Leipzig könnten Sie sich vorstellen?

Einen großen, freien Platz. Man sollte die besten Künstler suchen, ihnen die „sechs Worte“ sagen, also „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“, ihnen diesen Platz zur Verfügung stellen, wo sie nicht künstlerisch eingeengt werden, wobei ich an den Leuschner-Platz denke.
Warum gerade der?

Weil der mit der Straße des 18. Oktober eine ideale Achse zum Völkerschlachtdenkmal bildet. Also hier das Kriegsdenkmal und dort das Freiheits- und Friedensdenkmal. Auch für dieses Denkmal muss ein großer Platz da sein, wo Menschen mit Bussen oder der Bahn hinkommen können. Genau das wäre der Leuschner-Platz.

Was sagen Sie zu dem Argument, dass man das Geld lieber für einen guten Zweck, Kindergärten oder zum Ausbessern von Schlaglöchern nehmen sollte?

Dieses Argument ist unsinnig, weil die Gelder für das Denkmal eben zweckgebunden sind. Das sollte man doch endlich mal auch so an die Öffentlichkeit weitergeben. Wenn jemand für den Zoo eine Million Euro spenden will und jemand anders sagt, dass man dafür besser Schlaglöcher flickt, dann würde der Spender wohl kaum sein Geld zur Verfügung stellen. Das ist hier genauso. Wir haben nicht die Diskussion, für was die Gelder verwendet werden können, sondern nur, wird das Denkmal gebaut oder nicht. Die Gelder sind nur dafür gedacht. Daher ist die Entscheidung des Deutschen Bundestages und des Sächsischen Landtages, 6,5 Millionen Euro zweckgebunden für den Bau eines nationales Freiheits- und Einheitsdenkmals in Leipzig zur Verfügung zu stellen, folgerichtig, da sie das Engagement der Bürger für Freiheit und Demokratie im Herbst 1989 in besonderer Weise würdigt. Es wäre doch peinlich für Leipzig, wenn sich die Bürger dagegen entscheiden würden.

Was würden Sie also den noch unschlüssigen Leipzigern sagen?

Man sollte bedenken, dass am 9. Oktober nicht nur Leipziger hier waren, um zu beten und zu demonstrieren. Da saß doch quasi stellvertretend die Republik in der Kirche. Das darf man nicht vergessen. Das ist also nicht nur eine Würdigung von Leipzig, sondern von Menschen die an sich an Freiheit glauben und dafür kämpfen. Von daher bin ich ein Befürworter dieses Denkmals, das ich gerne auch als Freiheitsdenkmal bezeichnen würde. Aber leider war der Start in die Diskussion völlig verfehlt, was ich sehr bedaure. Deshalb habe ich auch volles Verständnis für die Reaktionen. Man sollte aber sehen, dass die Entscheidung des Bundestages, den 9. Oktober als einen Tag der Leipziger anzuerkennen, etwas ganz Besonderes ist, das es zu würdigen gilt. Wenn man das bedenkt, könnte man die Diskussion von einem ganz anderen Ausgangspunkt führen. Nämlich von dem: Wo könnte man sich das Denkmal noch vorstellen, wenn nicht Leipzig? Da würde doch alles wieder auf Leipzig hinauslaufen. Da bin ich sicher.

VGWortLIZ

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