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Warum eigentlich immer abstrakt? – Überlegungen zum Freiheits- und Einheitsdenkmal Leipzig

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    Während die Berliner weiter an ihrer "Banane" herumdeuten, debattiert man in Leipzig neben dem Standort nochmals Sinn und Inhalt eines Denkmals, dessen Grundfrage sich in der offiziellen Lesart im Kern etwa so stellt: Das Denkmal soll vor allem den Bürgermut und die Zivilcourage der DDR-Bürger im Herbst 1989 würdigen.

    Jene, die damals auf die Straße gegangen sind, um sich für politische Reformen und die Freiheit einzusetzen. Ja, wer war das eigentlich?

    Künstler, Politiker und vielerlei Initiativen diskutierten in den vergangenen Jahren ein – eigentlich zwei – Denkmale. Denkt man an eben jene Tage im Herbst ’89, kommt so Manchem das Frösteln, auch im Jahr 22 danach. Die Gänsehaut entsteht bei denen, die wirklich dabei waren und nicht die Wackelbilder im westdeutschen Rundfunk geliefert bekamen. Nicht das leicht wohlige Abstandsgefühl, was viele heute wieder überkommt, schauen sie getrennt durch Kilometer Luftlinie und eine Glasscheibe nach Ägypten und Tunesien.

    Denkt man an die Stimmung an jenem 9. Oktober 1989 ist es wieder da, das leichte Ziehen im Rücken, das mulmige Gefühl, welches schon seit dem Morgen durch jede Ritze der Büros, Schulen und Werkshallen der Stadt zog. Die verstohlenen Blicke, die leisen Verabredungen, dieses unmerkliche Vibrieren in der Stadt. Denkt man aus dieser Perspektive daran, kennt man das Gefühl, welches vor allem herrschte – es war Angst. Und trotziger Mut und die Hoffnung, dass auch andere wieder erscheinen würden.

    Am Ende waren es 70.000, die sich nicht abschrecken ließen und gemeinsam eine Menge bildeten, die unübersehbar wurde. Und eindrucksvoll gegenüber den heran gerollten Mannschaftswagen, den Gerüchten um die Blutkonserven und die kaum noch versteckten Drohungen im Vorfeld. Wer hierher, zur Nikolaikirche und auf den Ring, kam, ahnte, dass an diesem Tage etwas Unmittelbares passieren würde – entweder das eine oder das andere. Entweder das brutale Niederwalzen eines noch jungen Straßenwiderstandes oder die Kapitulation vor der Menge und ihrem gemeinsamen Willen, etwas zu verändern.

    Und dennoch kamen sie – so viele oder auch gerade mal genug, um heute in zwei Bundesligastadien Platz finden. 70.000 Menschen, die sich mit dem Schritt auf den Leipziger Ring relativ sicher sein durften, dass es kein Zurück mehr für sie gab. Denn so hatten sie auf verschiedenen Wegen ihre DDR kennengelernt – wer ausbrach aus den vorgestanzten Mustern, bekam es rasch mit den Konsequenzen seiner „Querulanz“ zu tun. An diesem 9. Oktober war diese Schwelle für alle, die da liefen, fühlbar überschritten.Wo sind diese 70.000 eigentlich heute? Der eine ist erfolgreich gestartet, nachdem aus dem „Wir sind das Volk“ die Parole „Wir sind ein Volk“ geworden war. Andere nicht. Manche soffen ab, schon kurze Zeit danach in den ersten Entlassungswellen und tauchten anschließend nie wieder auf. Andere wurden entwurzeltes Treibgut in einer neuen, anderen Gesellschaft und müssen heute noch weinen, wenn sie die Bilder sehen von Wiedervereinigungsfeierei und Wendekitsch.

    Einer, der dabei gewesen ist, hat sich erst vor Tagen wütend an die L-IZ gewandt, mit der Frage nach dem Sinn eines „Denkmals der Sieger“ – was nur heißt, dass er sich selbst schon lange nicht mehr so sieht und sich eben auch nicht mehr angesprochen fühlt – von Debatten um Standort und Form des Denk-Mals. Und diese sind ja auch in Berlin wenig erquicklich geraten.

    Mit der eingangs benannten „Banane“ ist natürlich die euphemistische Umschreibung für eine riesige, begehbare Schale der Stuttgarter Agentur Milla und Partner gemeint, welche in Berlin bereits unter den verbliebenen drei Entwürfen zum dortigen „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ gelandet ist. Und von der Seite eben aussieht wie eine Banane, welche vielleicht den Zeitpunkt der Maueröffnung, aber wohl kaum den 9. Oktober 1989 beschreiben könnte.

    Denkt man den dortigen Gedanken weiter, die Besucher könnten diesen Entwurf später, so er gebaut, gemeinsam zum Schwingen bringen, wäre die Konsequenz wohl die gemeinsame Zerstörung der Schalenbanane – durch Schwingungen.

    Noch deutlicher wird die Ferne zum Ereignis und den Menschen selbst, betrachtet man die fünf Meter große Kniefall-Figur des Stephan Balkenhol aus dem nordhessischen Fritzlar. Sie wiederum soll die Ehrfurcht vor den Opfern der deutschen Geschichte zum Ausdruck bringen. Am 9. Oktober 1989 wurde nicht gemordet, auch nicht durch die deutsche Geschichte – der Gedanke des Künstlers geht also ein wenig am Konkreten vorbei und hält sich trotz Figur eher im Abstrakten auf. Und ob man der Menschen eben jener Zeit nun ausgerechnet mit gesenktem Haupt gedenken soll, wirft durchaus weitere Fragen auf.Fall drei ist ein von Pfeilern getragenes semantisches Rätsel des Münchners Andreas Meck, das nach Freiheit und Einheit fragt. Eine Frage, die erneut auf das Abstrahierende abzielt, eine wirkliche Entsprechung zum Geschehenen auf eine gedanklich höhere Ebene zieht. Haben die Menschen gedanklich höher agiert, als sie Transparente schwenkten und „Wir sind das Volk“ riefen?

    Und an wen ist mit all diesen Entwürfen gedacht? Der deutschen Geschichte sicherlich, eines Wendeobstes ebenfalls und durchaus auch der höheren Fragen im Leben. Versucht man jedoch, in eben diese Perspektive eines 9. Oktobers 1989 zurück-zu-denken, dominieren rasch andere Gedanken. Eben die an Angst, Mut und 70.000 Menschen auf einem Platz, die sich gegenseitig durch ihre Anwesenheit bestätigten.

    Und es stellen sich ganz andere Fragen.

    Will man einen Einzelnen ehren, nennt man seinen Namen auf Straßenschildern, setzt ihn in Bronze gegossen auf ein hohes Ross oder zimmert ihm in einer seiner Wohnstätten einen Erinnerungsschrein. Am besten in jeder Stadt einen, zur Not auch noch in Gaststätten, wo er trank, und in Rasthäusern, wo er schlief.

    Die 70.000 Menschen von Leipzig haben auch Namen. Jeder einen, seinen ganz individuellen, wie auch einen ebensolchen, eigenen Grund, warum sie sich am 9. Oktober 1989 auf die Straße stellten und riefen, auch sie seien das Volk. Diese Namen werden bald vergessen sein, bis auf ein paar ganz wenige, die es zu höheren Weihen geschafft haben und in ihre Biografien eben jenen Tag einmeißeln und überliefern können.

    Alle anderen Namen werden vergessen sein und damit auch jeder einzelne Grund, jeder einzelne Mut, jede einzelne Geschichte von Angst und derer Überwindung.

    Warum schreiben wir sie eigentlich nicht einfach auf, diese Namen? Am besten meißeln wir sie in etwas Haltbareres als Papier, nennen es Denk-Mal und stellen das in die Nähe der Stelle, wo sie sich zusammenfanden, einfach auf? Es darf auch rund sein oder eckig oder geschwungen – vielleicht nur kein Pferd.

    Warum eigentlich immer abstrakt, wenn es doch auch konkret geht? Mit 6,5 Millionen Euro müsste das doch möglich sein – oder?

    VGWortLIZ
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