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Leipziger Markttage 2012: Erwin Leister spielt zum letzten Mal den Marktmeister

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    Die Leipziger Markttage sind ein Geheimtipp. Zumindest für Leute, denen die Sprüche beim Leipziger Karneval zu lasch sind. Wer die Eröffnungszeremonie der Markttage kennt, wie sie seit 22 Jahren ist, der weiß, dass niemand die aktuelle Politik so scharfzüngig bereimt wie der Leipziger Marktmeister. Der heißt in jedem Herbst Erwin Leister. Und am 29. Oktober tritt er zum letzten Mal auf.

    Das bedauert nicht nur Herbert Unglaub, Leiter des Leipziger Marktamtes, der mit dem Einbinden eines „echten Marktmeisters“ den Markttagen auch einen eigenen Charakter gegeben hat. Der unkonventionelle Herr in Rock und Dreispitz, der da jedes Jahr am ersten Tag der Markttage auf die Bühne steigt und das Zeremoniell des Aufziehens des Marktwisches anweist, ist der Hingucker des Festes, das Überrraschungsereignis für alle, die so ganz zufällig am Eröffnungstag über den Markt schleichen, weil sie ihre Beutel im nächsten Warenhaus füllen wollen.

    Erwin Leister steht dann – meist flankiert von seinen Marktknechten – oben auf der Bühne und genießt es, die Leute mit schauspielerischer Finesse erst einmal zum Innehalten zu bewegen und dann zum Zuhören. „Ja, so zwei treue Anhänger hab ich auch“, sagt der Mann, dem man die 87 nicht ansieht und der sich ganz still auf den 88. freut. Nur wie Jopi Heesters will er es auf keinen Fall machen – sich von hübschen Frauen noch mit 100 auf die Bühne heben lassen.

    Auf der Bühne steht er seit 60 Jahren. Er war Schauspieler und Regisseur, hat 20 Jahre lang das Gesicht der Musikalischen Komödie geprägt, hat beim Fernsehen der DDR mit den Schauspielergrößen seiner Zeit gearbeitet und auch als Dozent an der Hochschule für Schauspiel und Musik. Der Auftritt aber bei den Markttagen war immer seine besondere Bühne. Und das wird er auch am Samstag, 29. September, um 11 Uhr wieder genießen. Mit großem Schritt wird er ans Mikrophon treten und eine Rede halten, wie sie in Leipzig sonst keiner hält.Mal abgesehen davon, dass er sie selber geschrieben hat. Sie reimt sich auch noch – und zwar nicht im Hans-Sachsschen Schuklopfer-Versmaß, sondern ausgefeilt auf Vers und Reim. Wochen vor dem Fest arbeitet er schon daran. Und natürlich hat er auch noch alle anderen Reden, die er seit 1990 gehalten hat. Und wenn er sie mal in Buchform veröffentlichen sollte, wird sich mancher wundern, wie aktuell sie sind. Er kann die von 2004 hervorholen, und die Hörer bekommen die noch immer gültige Kritik an Banken und Konzernen zu hören. Und an Politikern, die alles tun, was die beiden von ihnen erwarten. Immer wieder thematisierte Leister die Abgehobenheit der Politiker-Zirkel. So treffend, dass der Amtsleiter Unglaub unten im Publikum zuweilen errötete, denn da hätte man wohl auch dies und das auf Leipziger Verhältnisse münzen können.

    Ein Bürgerrechtler war er nie, betont Leister, auch wenn es ihn auf die östliche Seite des Eisernen Vorhangs verschlagen hatte. Aber ein Rebell ist er trotzdem. Und mit seinen Versen trifft er den Nerv seines so zufälligen Publikums, am Ende bekommt er immer den Applaus und Leute schlurfen weiter und nicken sich eins. Ein Buch habe er noch in der Vorbereitung, verrät Leister noch. Darin will er sein Künstlerleben erzählen. An einigen Stellen mit der gewohnten Schärfe. Am Ende wohl etwas versöhnlicher. Auch wenn er noch einmal betont, dass es heutigentags zwei Worte sind, die die Menschen schätzen: mein und haben.

    „Der Erwin wird mir fehlen“, sagt Unglaub. Aber auch nur ein bisschen. Denn auch Herbert Unglaub nimmt so langsam Abschied vom Leipziger Markttreiben. „Die nächsten Markttage muss schon mein Nachfolger organisieren“, sagt er. „Aber ich denke, was wir geschaffen haben, hat jede Menge Entwicklungspotenzial.“ Im Sommer 2013 geht Herbert Unglaub in Ruhestand. Vielleicht, so sagt er, könnte ja die Sächsische Erntekönigin die Rolle der Markteröffnung übernehmen, wenn Erwin Leister nicht mehr will.Das aber, betont Unglaub, sei nur reine Spekulation. Denn jetzt seien erst einmal die 36. Markttage dran. Die beginnen am Samstag, 29. September, um 11 Uhr auf dem Marktplatz – mit Erwin Leister bei seinem letzten Auftritt als Marktmeister. Wer den verpasst, verpasst jetzt endgültig was. „The Sax Puppets“ machen Musik. Und gleichzeitig startet das, was den Leipziger Markttagen aller zwei Jahre ein Extra-Sahnehäubchen verpasst: Das Drehorgeltreffen 2012. Wenn der Marktmeister fertig ist, beginnt das Eröffnungskonzert fürs mittlerweile 8. Drehorgeltreffen, zu dem Joachim Petschat, Prinzipal der Leipziger Leierkasten-Leut‘, 29 Drehorgelspieler aus halb Europa eingeladen hat.

    Wer sie hören will, hat dazu schon am Freitag, 28. September, ab 17 Uhr Gelegenheit: dann machen sie in der Grimmaischen und der Petersstraße schon einmal Musik. In diesem Jahr unter dem Motto „Wunschkonzert“. „Die Leipziger können sich also wünschen, was gespielt wird“, sagt Petschat. „Sofern es die Spielleute auf der Walze haben.“

    Denn mit Mikrochip spielen auch 2012 die wenigsten Drehorgel-Musikanten. Die meisten arbeiten noch klassisch mit Tonstufen, Lochband oder Walze. Und wenn sie etwas Neues auf die Walze bringen wollen, müssen sie dafür richtig Geld investieren. Da wird halt nicht einfach draufkopiert. Joachim Petschat hat sich in diesem Jahr einen Wunsch erfüllt: Er hat sich das Konzert für zwei Cembali von Johann Christian Bach auf Walze bringen lassen. Und auch das gibt es zu hören: Am Samstag, 29. September, 17 Uhr in der Nikolaikirche beim traditionellen Drehorgelkonzert der Leierkastenleute. Diesmal geht’s von „Wachet auf ..“ bis „Halleluja“. Und wer nicht rechtzeitig kommt, bekommt keinen Platz mehr. So war es in den Vorjahren immer.

    Neu ist bei den Markttagen diesmal auch der Biomarkt, der ebenfalls am 29. September von 10 bis 18 Uhr auf dem Nikolaikirchhof stattfindet. Er war in der Vergangenheit schon einmal Bestandteil des Marktprogramms. In diesem Jahr bekommt er ein neues Gewicht, denn mittlerweile eröffnen auch in Leipzig immer mehr Bio-Supermärkte, die die Pioniere des Bio-Anbaus, die in der Regel aus der Region kommen und auch nur regionale Märkte beliefern, an den Rand zu drängen drohen.

    „Das aber passt gut zu den regionalen Angeboten, die der Hauptschwerpunkt der Markttage sind“, sagt Unglaub. „Deswegen wollen wir ab diesem Jahr den Bio-Markt wieder fest im Programm etablieren.“

    Der Sonntag, 30. September, wird ganz im Zeichen des Erntedanks stehen. Der 3. Oktober als Tag der deutschen Einheit ist diesmal der Ausklang des Marktreigens, gekoppelt mit dem Interkulturellen Fest als Höhepunkt der Interkulturellen Woche.

    Und alles andere kann man hier nachlesen: www.leipzig.de/markttage/

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