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Ernst Ulrich von Weizsäcker zu Gast in Leipzig: Schaffen wir die ökologische Wende?

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    Am 14. November war Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker der letzte Gast in Daniela Kolbes Gesprächsreihe "Wie wollen wir leben", in die sie die Leipziger eingeladen hatte, um die Arbeit der Enquete Kommission des Bundestages "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", deren Vorsitzende sie ist, kennen zu lernen - und mit einigen markanten Akteuren ins Gespräch zu kommen. Für Ernst Ulrich von Weizsäcker wurde extra die Aula der Volkshochschule gebucht.

    Sie war auch gut gefüllt. Das Thema bewegt die Leipziger – sichtlich von Jahr zu Jahr mehr. Immer mehr spüren in ihrer eigenen Umwelt, dass es so nicht weiter geht, nicht weiter gehen kann. All die Rekorde, die bei Umsätzen, Steuereinnahmen, Exporten in den letzten Jahren eingefahren wurden, spielten keine Rolle für sie. Die Effekte verpufften, verpuffen auch auf Bundesebene. Die Finanzkrise frisst die Milliarden, die Haushalte bleiben in den Schulden stecken. Nur an den Tankstellen hat sich die Lage ein wenig beruhigt, seit die US-Amerikaner angefangen haben, Öl und Gas mit brutalsten Methoden aus dem Boden zu holen.

    „USA steigen zum größten Ölproduzenten der Welt auf“ titelten Zeitungen wie die „Welt“ am 12. November, als die Internationale Energie-Agentur (IEA) gleich mal erklärte, die USA würden bis 2017 zum größten Erdölproduzenten auf Erden aufsteigen und wohl gar zur Öl-Exportnation. Was schon jetzt die Preise an den Zapfsäulen dämpft und den USA vielleicht noch einmal einen kleinen wirtschaftlichen Frühling beschert.

    „Vor dem Hintergrund dieser veränderten Handelsströme werde die globale Energienachfrage bis 2035 weiter steigen – um mehr als ein Drittel. Die Schwellenländer China, Indien und der Nahe Osten werden für 60 Prozent des Nachfrageanstiegs verantwortlich sein“, schreibt die „Welt“ noch. Und dass der tägliche Ölverbrauch weltweit auch noch steigen wird – auf 99 Millionen Barrel pro Tag. Heute sind es 89 Millionen.“Eine Katastrophe ist das“, sagt von Weizsäcker bei seinem launigen Vortrag am 14. November. Eine Katastrophe fürs Klima. Und für das tatsächlich sehr enge Zeitfenster, in dem die Menschheit die „Energiewende“ schaffen muss. Nicht nur Deutschland, auch wenn immer wieder der deutsche Alleingang kritisiert wird. Aber auch darauf geht von Weizsäcker ein, der von 1991 bis 2000 Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie war, eines der maßgeblichen Forschungsinstitute, die sich mit dem nachhaltigen Umbau unseres Lebens und Wirtschaftens beschäftigen. Seit 2012 ist der 1939 geborene Physiker auch Co-Präsident des „Club of Rome“, jenes Gremiums, das schon 1972 seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ vorlegte. Genau das Thema, mit dem sich die Enquete-Kommission beschäftigt. Parteiübergreifend. Das, was Meinhard Miegel am 30. Oktober bei seinem Leipzig-Besuch schilderte, ist längst Konsens: So geht es nicht weiter. Diese Art Wachstum, die allein auf der Plünderung der weltweiten Ressourcen beruht, hat keine Zukunft. Damit werden nicht nur Erde und Klima überfordert. Es greift auch die Fundamente unserer Gesellschaft an.

    Und wenn China, Indien und all die anderen wirklich damit anfangen, den in Europa und den USA gepflegten Lebensstil nachahmen zu wollen, dann wird’s finster. „Wir müssen aus dieser Logik ausbrechen“, sagt von Weizsäcker. Und wirft Schaubild um Schaubild an die Wand. All diese vielen längst bekannten Bausteine, die zeigen, was passiert, wenn die Menschheit einfach so weitermacht. Bis hin zu den abgesoffenen Küstenstädten weltweit, wenn der Meeresspiegel im Gefolge der Klimaerwärmung ansteigt. Und das tut er.Bleibt trotzdem die Frage: Schmeißt sich Deutschland nicht aus dem Rennen, wenn es Energie verteuert? War die Befreiung der stromintensiven Unternehmen von den Kosten der „Energiewende“ denn nicht richtig?

    Teils, teils, sagt der Physiker, der sich das Auf und Ab der Wirtschaften auch gern wie ein Experimental-Modell betrachtet. Denn jede Änderung im Modell hat ja Folgen. Sein Beispiel ist Japan, wo die Energiepreise nach der Ölkrise Anfang der 1970er Jahre geradezu explodierten. „Das Ergebnis? Ein paar alte Dinosaurier wanderten tatsächlich aus“, so Weizsäcker. „Aber das hat der japanischen Wirtschaft nicht im Mindesten geschadet. Im Gegenteil: Japan wurde die wettbewerbsfähigste Wirtschaft der Welt und alle haben gestaunt.“

    Der Grund war simpel: Die Unternehmen, die da blieben, waren gezwungen, effizienter zu denken und zu wirtschaften. Japan wurde binnen weniger Jahre zum Marktführer in der Hochtechnologie.

    Wäre das ein Modell für Deutschland? – Gute Frage. Ausprobiert hat es ja noch niemand. Und anders als Japan ist Deutschland keine Insel. Unternehmen, denen der „Standort“ zu teuer wird, hätten die Grenze gleich vor der Nase.

    Aber Europa hat auch Negativbeispiele, die zeigen, wie es ein Land zerrüttet, wenn es die Industrie tatsächlich vertreibt. England, nennt von Weizsäcker. Unter Margaret Thatcher wurde die einst führende europäische Industrienation fast komplett von Industrie befreit – die Abwanderung Richtung Asien wurde sogar befördert. Ergebnis: Das Land hat – obwohl es nicht im Euro ist – dieselben Schuldenprobleme wie die Länder der südlichen Eurozone.

    Dabei war sein Thema an diesem Abend eigentlich nicht der wirtschaftliche Wandel. Aber es ist unübersehbar: Wenn man fragt „Schaffen wir den ökologischen Wandel?“, dann schließt das den wirtschaftlichen Wandel mit ein. Aber die Frage steht trotzdem – nach dem neuesten US-amerikanischen Öl-Hype erst recht: Schaffen wir den Wandel? – Seit Kyoto hat sich doch in der Weltklimapolitik nichts mehr bewegt. Steckt die Weltpolitik in einer Sackgasse?

    Mehr dazu gleich an dieser Stelle.

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