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Endlich darüber reden, dass Asylbewerber arbeiten dürfen: Die Leipziger Aktionsgruppe „Essenz“ im langen L-IZ-Interview (Teil 1)

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    Vor gut vier Wochen tauchten sie auf. Wie aus dem Nichts. "Essenz" steht auf der Fahne und konkrete positive Aktionen wollen die jungen Leipzigerinnen und Leipziger in dieser Gruppe durchführen. Ob Impro-Theater, Büchersammeln für Asylbewerber oder Debatten anregen, eine Gruppe von rund 50 Studenten, Lehrern und Schülern in Leipzig wollten nicht mehr zuschauen, sondern selbst anpacken. Ein kleines Stück Gesellschaft verändern, sich selbst bilden, die große weite Welt im lokalen Raum bessern - all dass ist die "Essenz" der laufenden und kommenden Aktionen.

    Höchste Eisenbahn, sich mit Dreien von ihnen auf ein kaltes Getränk und viele Fragen zu treffen. Warum sie das tun, was sie tun, was sie antreibt und vielleicht auch ein wenig, um zu erfahren, wie junge Menschen auf die Welt schauen. Judith, Niklas und Chris hatten eine Menge Antworten dabei und so wurde der Abend lang und die Blätter füllten sich. „Essenz“ im langen L-IZ – Interview – Teil 1.

    Hallo Judith, Chris und Niklas. Zuerst natürlich zu Eurer ersten konkreten Aktion als Gruppe „Essenz“ zur laufenden Büchersammelaktion für die Bibliothek für das Leipziger Asylbewerberheim in der Torgauer Straße. Drei Tage gefroren habt Ihr ja bereits dafür. Wie viele Bücher habt Ihr nun zusammen?

    Niklas: Also es müssten schätzungsweise knapp 1.000 Bücher derzeit sein. Wir sind noch nicht einmal zum genauen Zählen gekommen.

    Ihr habt die Bücher jetzt erst einmal eingelagert – geht die Aktion noch weiter oder seid Ihr damit schon zufrieden?

    Niklas: Also die Aktion läuft auf jeden Fall noch weiter, derzeit versuchen wir da erst mal Ordnung reinzubringen in die Büchermenge und werden dann weiter sammeln. Unter anderem natürlich auch in Wahren, aber auch am Heisenberg-Gymnasium, in Kirchen und weiteren Schulen.

    Ihr sagt Heisenberg-Gymnasium – steht Ihr vor oder in der Schule?

    Chris: Ja, am Freitag (23. November), innerhalb des Heisenberg-Gymnasiums am Sekretariat mit einem Stand und bei den Lehrern und Schülern versuchen wir Bücher einzusammeln. Das wollen wir auch in anderen Schulen noch machen, auch in Kirchen. Die Termine versuchen wir gerade auszumachen.

    Das Wort Wahren ist ja bereits gefallen. Ein Teil der Kontroverse um die Leipziger Asylbewerberdiskussion findet dort statt, ein bisschen hat diese ja auch Eure erste Aktion als „Essenz“-Gruppe mit ausgelöst. Wie versteht Ihr als junge Menschen bislang die Argumente der dortigen Bürgerinitiative?

    Judith: Derzeit wird so argumentiert, dass sich die Wahrener Bürger übergangen fühlen. Also dieses Gefühl, dass jetzt die Asylbewerber zu ihnen hinverschoben werden. Also quasi nur ins nächste „Heim“ versetzt werden und da nun eine ähnliche Situation entstehen soll, wie derzeit in der Torgauer Straße, wo die Asylbewerber immer noch zusammen alle in einem Heim sind.

    Insofern kann sicher die Integration der Menschen so und wohl auch in der Pittlerstraße in der Form nicht stattfinden, wenn es wieder so werden soll, wie in der Torgauer Straße. Und ich glaube, wenn man jetzt die positiven Argumente der Bürgerinitiative sieht, ist das also nicht ganz falsch, es müsste da sicher mehr bei den Asylbewerberrechten gemacht werden.

    Ich denke, man müsste endlich darüber reden, dass die Asylbewerber zum Beispiel arbeiten dürfen. Das die Asylbewerber vielleicht sogar nicht abhängig sind vom Staat, was die Finanzen betrifft und dass ihnen auch nicht vorgeschrieben wird, was sie wovon kaufen können. Aber eben auch, dass sie zum Beispiel die Möglichkeiten haben, auch nach 7 Uhr noch die Bahn zu benutzen, um sich nicht nur dadurch frei in der Stadt bewegen zu können.

    Eigentlich normale Menschenrechte – also freie Wohn- und Ortswahl, Bewegungsfreiheit überhaupt – also Dinge, die wir Deutsche uns im Grundgesetz ja auch selbst zubilligen.

    Judith: Ja genau. Was wir aber bei der Bürgerinitiative kritisieren, sind einige Argumente, wie beispielsweise das Asylbewerber eine Gefahr darstellen würden, dass sie die Wohnqualität mindern würden.

    Vor allem denke ich, kann man Asylbewerber auch mal schlicht als Menschen sehen – was mir bei der Diskussion irgendwie fehlt. Ich denke also, davon dass sie da leben, steigt doch nicht automatisch die Kriminalität – außer man macht es selbst mit zum Problem.

    Auch jetzt wäre es schon möglich hier zu integrieren – wenn zum Beispiel die Wahrener die neuen Mitbewohner einfach einladen würden. Zum Beispiel in Kulturhäuser, zu Festen, also über Kulturveranstaltungen und soziale Veranstaltungen Kontakte aufnehmen, also die Asylbewerber einfach mit einbeziehen würden. Dann weiß ich nicht, wo es dann Probleme geben sollte.

    Traut Ihr das einem Stadtgebiet zu, wo derzeit eher Ablehnung zu spüren ist und wo 35 Prozent Senioren leben? Im Alter mag man Veränderungen weniger, als in jungen Jahren und kann sich auch auf Einiges schlicht nicht mehr einstellen.

    Judith: Nein – ohne eine Hilfestellung seitens der Stadt Leipzig nach den bisherigen Worten aus Wahren wohl eher nicht. Das wohl auch, weil hier die Stadt schon auch die derzeitige Situation mit verursacht hat. Da sollte schon die Stadt nun auch mit helfen, die Wahrener unterstützen. Obwohl ich gerade wieder so das Gefühl habe, als ob wir hier von Tieren reden, auf die man sich vorbereiten müsste. Es geht aber um eine Atmosphäre, wo sich die Leute sagen – ja, wir nehmen hier gern Menschen aus Krisengebieten der Welt auf.

    Mit der Schuld ist es ja immer so eine Sache – auch die Stadtverwaltung hat hier derzeit mehr zu leisten, als gewohnt, da derzeit eine erhöhte Zuweisung von Asylbewerbern nach Leipzig stattfindet. Es kommen also gerade mehr als üblich nach Leipzig – was sicher auch zu neuen Fragen und Lösungen führen muss. Hastige Planungen scheinbar inklusive.

    Niklas: Das mag sein – aber wir wollen mit unseren Ideen und Aktionen zeigen, dass die Überlegungen der Stadt für eine bessere Integration von Asylbewerbern mit uns allen zu tun hat. Da sind wir vielleicht nicht perfekt in unseren Planungen zur Bibliothek und zu anderen Sachen – aber diese Idee ist erst mal grundsätzlich gut.

    Und deshalb wollen wir ja auch bald mit den Wahrenern selbst sprechen. Nicht um „den Nazis in Wahren“ irgend etwas zu erklären, sondern miteinander zu sprechen. Wir wollen einfach zeigen, dass Asylbewerber in Leipzig willkommen sind, mindestens für uns. Wir unterstützen also aktiv diese Idee der Integration.

    Und da sind wir wieder bei der Bibliothek?

    Niklas: Ja – wir wollen einfach mit konkreten Sachen wenigstens kleine Schritte in diese Richtung einer besseren Integration gehen. Und lesen hilft nun mal die Sprache zu erlernen. Also einfach praktische Hilfe.

    Chris: Ja – zum Beispiel in Reudnitz gab es doch schon Kulturfeste, was auch ein gutes Beispiel ist dafür, was man machen kann. Ich kenne das auch von meinen Verwandten. Da wurde immer in Sellerhausen eine Tombola zugunsten von Asylbewerbern gemacht – so etwas würde ich mir einfach wünschen, auch in Wahren.

    Dafür braucht es natürlich Grundlagen. Zum Beispiel erst einmal mit der Empörung aufhören und sich sagen – ok, da kommen nun einfach neue Menschen zu uns und wir müssen uns alle miteinander arrangieren. Auch wenn da vielleicht Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit dabei sind, genauso sind aber eben auch ganz normale Leute mit dabei, die uns vielleicht ähnlicher sind, als es sich viele vorstellen können. Der Anfang ist immer, dass man den anderen überhaupt erst einmal sieht, sich begegnet.

    Dann kann man das tun, was wir noch nicht und auch nicht allein schaffen können als Gruppe „Essenz“ – vielleicht einfach gemeinsam ein Stadtteilfest machen, die Leute einladen, sich besser kennenlernen.

    Wer die Gruppe unterstützen oder mitmachen möchte, findet sie hier im Netz:

    www.essenzleipzig.tumblr.com

    Teil 2 des Interviews

    „Wir sind keine Gegenbewegung – wir sind für etwas“: Die Aktionsgruppe „Essenz“ im langen L-IZ – Interview (Teil 2)

     

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