Leipziger Freiheitsdenkmal: Ein Worpsweder Künstler entwirft ein echtes Denkmal für die „Bürger von Leipzig“

Es wird ein großes Schweigen sein, wenn auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz das umgesetzt werden sollte, was sich Leipzigs Stadtverwaltung so als Freiheits- und Einheitsdenkmal denkt. Eigentlich soll es ja keins sein. So war es ja schon in der Ausschreibung vorgegeben. "Illustrative und dokumentarische Formensprache" waren nicht erwünscht. Mit der Ausschreibung hat die Stadt Leipzig schon von vornherein alle Bildhauer und plastischen Künstler ausgeladen. Die Denkmalsidee wurde pervertiert, stellt der Worpsweder Künstler Waldemar Otto fest.
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Ihn hatte schon das Berliner Verfahren, das so gründlich ins Nebulöse abhob, dazu animiert, sich als Bildhauer künstlerisch mit dem Thema Friedliche Revolution zu beschäftigen. 2009 legte er eigene Entwürfe für ein (Berliner) Denkmal vor, in denen er auch schon Bezug nahm auf die Rolle Leipzigs und der Leipziger Nikolaikirche. Aber auch in Berlin wollte man lieber einen abstrakten Entwurf, der dann, wenn er fertig ist, eine Erklärungstafel brauchen wird, die den Betrachtern dann erläutert, was die „Neumannwippe“ mit der „Würdigung der Freiheitsrevolution“ zu tun hat.

Für Berlin hatte er – zusammen mit Peter und Jakob Lehrecke – einen großen, aus roten Ziegeln gemauerten „Einheitsbogen“ skizziert, der mit der im alten Preußenschloss verkörperten Herrschaftsidee kontrastieren sollte. An den beiden Flügeln sollten die Demonstranten von 1989 künstlerische Darstellung finden, die „Einheitsbewegung“ als eine Bewegung von unten symbolisierend. Die Entwürfe, die Otto zu diesen Figuren anfertigte, sprechen eine eindeutige und frappierende Sprache.

Dumm nur: sie sind „illustrativ und dokumentarisch“. Wie jede eindrucksvolle Bildplastik. Die schlichte Wahrheit nach 100 Jahren Eiertanz um Moderne und Postmoderne und „Auflösung der Formensprache“ ist: Abstrakte, nicht-bildhafte Formen eignen sich denkbar schlecht für ein Denk-Mal. Ihnen fehlt genau das, was Denkmale zum Kunstobjekt des Nachdenkens macht: die fassbare Bildidee.

Deswegen flüchteten sich auch alle drei Künstlergruppen, die am Ende beim Leipziger Wettbewerb einen Preis bekamen, in abstrakte Lösungen, die alle drei nicht ohne Extra-Erklärung auskommen. Wie weit sie davon entfernt sind, selbst die Leipziger zu beeindrucken, zeigte die Resonanz auf den Denkmal-Entwurf von Bernd Gengelbach und Till Brömme im Februar. Aber der blieb noch auf halbem Weg zum plastischen Kunstwerk stehen.Wie so etwas aussehen könnte, hat der 1929 geborene Bildhauer Waldemar Otto jetzt in einem eigenen Entwurf für Leipzig anschaulich gemacht. Und er nennt ihn – und stellt sich damit in eine ganz große Tradition – „Die Bürger von Leipzig“.

Und bringt damit – ohne ihn zu nennen – natürlich einen der ganz Großen der modernen Bildhauerei ins Spiel: Auguste Rodin, dessen Skulptur „Die Bürger von Calais“ bis heute immer wieder in der bildenden Kunst rezipiert wird. Es ist ja nicht so, dass moderne Bildplastik keine eigene, neue Formensprache hätte. Etwas, was die Leipziger Ausschreibung völlig vom Tisch wischte. „Illustrative und dokumentarische Formensprachen sind nicht erwünscht“, dekretierte das Sachverständigen-Forum „Kunst am Bau und im öffentlichen Raum“ der Stadt Leipzig.

Otto selbst rechnet sich der Berliner Bildhauer-Schule zu. Im Leipzig benachbarten Halle gibt es eine eigene Bildhauer-Tradition, die mit Bernd Göbels „Unzeitgemäßen Zeitgenossen“ auch in Leipzig vertreten und am östlichen Ende der Grimmaischen Straße zu sehen ist. Es sei auch auf hohem künstlerischen Niveau möglich, die Idee eines Freiheitsdenkmals zu denken und zu gestalten, meint Waldemar Otto. Und so ein Denkmal kann auch das aufnehmen, was wirklich am 9. Oktober 1989 eine Rolle spielte.

Waldemar Otto: „Die friedlichen Demonstranten Leipzigs haben Leib und Leben der Staatsgewalt ausgesetzt. Diese mutige Tat sollte durch ein sichtbares und lesbares Zeichen für die Nachwelt in Erinnerung gehalten werden. Dass nun ausgerechnet die Darstellung der körperlichen Gefährdung von vornherein ausgeschlossen, tabuisiert wurde, pervertiert die Denkmalsidee zu einer nichtssagenden Platzgestaltungsmaßnahme.“

Leipzig habe Besseres verdient, meint Otto. Besseres als den auch im Leipziger Wettbewerb favorisierten „modischen Mainstreamkonformismus“. Es gibt doch kompetente Künstler in Deutschland.

Und zum Hauptproblem eines Denkmals: „Es mag zur Mahnung der Untertanen, zur Ermutigung Gleichgesinnter, als Dokumentation von etwas Erreichtem errichtet worden sein, sobald die Bezüge nicht mehr klar sind, hat das Denkmal seinen Sinn verloren.“

Und so greift er die Skulpturengruppen aus seinem Berliner Denkmalsentwurf wieder auf, zu denen ja schon sichtbar Leipziger Szenen gehörten – die Menschen, die aus der Säulenhalle der Nikolaikirche drängen und sich dann mit den Schildern erheben „Wir sind das Volk“, und dann die dicht gedrängten Demonstrierenden, die im Ring um eine Rotunde ziehen, einige mutig und wie befreit ausschreitend, andere wirklich noch in berechtigter Angst aneinander gedrängt. Und selbst das Schild „Keine Gewalt“ wird noch ganz vorsichtig hochgehalten.

Und mit dem Kreis greift er natürlich auch den Leipziger Ring auf, der symbolträchtig genug ist. Die Menschen ziehen im Kreis um eine aus Sandsteinblöcken erbaute Rotunde, in deren Inneren ein audio-visuelles Informationszentrum seinen Platz finden kann. Punktstrahler sind auf dem Mauerkranz angeordnet, die in der Nacht eine Lichtsäule erscheinen lassen – womit man wieder beim Ur-Symbol der Säule aus der Nikolaikirche wäre.

Und wie passt sein Entwurf zum Leipziger Wettbewerb? – Gar nicht. Denn er verweigert die abstrakte Formlosigkeit und stellt stattdessen jene in den Mittelpunkt, die eigentlich mit dem Denkmal mal gewürdigt werden sollten: die Freiheitsrevolution und die mutigen opferbereiten Teilnehmer der Demonstrationen.

Es könnte ja sein, dass in Leipzig das möglich wird, was in Berlin jedenfalls nicht möglich war: ein Denkmal zu schaffen, in dem die betroffenen Menschen im Mittelpunkt stehen, nicht die Amtsträger von heute.

Die Details zu Ottos Berliner Entwurf: http://worpsweder-gegenwartskunst.de/wwk/bildhauer/worpswede/waldemar-otto/138


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