Das war die vielleicht bislang einzig richtige Medien-Aktion, welche am 18. Dezember im Rahmen der Ausstrahlung der NDR-Sendung "Panorama" anschließend im Netz zu finden war. Die ungekürzten, vollständigen Interviews und Aufnahmen mit den Menschen, mit denen die Reporter am 15. Dezember in Dresden sprechen konnten. Ohne Kommentierung, pur. Und mit einer Überraschung mit einem Interviewpartner, der von RTL war.

Die Rohaufnahmen sind ein wichtiger Schritt gewesen. Denn sie zeigen mehr, als es Aufarbeitungen und Einschätzungen von Parteien, Medien oder radikalen Anheizern ermöglichen. Menschen, mehr oder minder genau bei der Beschreibung von sozialen Problemen und Verwerfungen, die den Demonstranten niemand in den Mund legte, verdrehte oder zurechthobelte.

Es gibt Szenen, bei denen möchte man den Ton ausstellen, natürlich. Und die gibt es sogar öfter – immer dann, wenn die Feindbilder “Ausländer” und dieses fast hysterische Thema “Islam” auftaucht. Man versucht zwar noch zu trennen zwischen passendem und unpassendem Menschen, aber das gefährlich Fremde bleibt. Doch es ist logisch, denn der Moslem ist das mediale, böse Wesen mit einem Bombengürtel um den Bauch, direkt aus dem Mittelalter herüberwinkend. Ein Zerrbild aus den Medien der vergangenen Jahre. Wären 1,6 Milliarden Menschen dieses Glaubens so, die Welt wäre nur noch eine einzige Hölle.

Auch zu sehen der vorüberziehende Demonstrationszug und der alte Schlachtruf der sächsischen Neonazis “Frei, sozial, national”, der deutlich zu hören ist. Dann wird auch klar, dass da in Dresden auch Radikale marschieren. Freundlich umkränzt vom Bundesvorsitzenden der rechten Splitter-Partei “Die Freiheit” Michael Stürzenberger, welcher unkundigen ARD-Reportern fröhliche Interviews gibt und flammende Grußadressen an die PEGIDA-Demonstranten sendet. Hier ist man rechtsaußen wieder hübsch beisammen, AfD-Vorstand Alexander Gauland sondiert schon mal die Lage. Ab einer gewissen Größe von Demonstrationen bekommt dennoch jeder nie alles mit, auch die Rohbilder müssen als Ausschnitt gelten. Und auch die braunen Kameraden sind nur ein Teil.

Denn auch das zeigen die Aufnahmen: wenn nationalistische und extreme Rufe im Demozug erklingen, versuchen andere Demonstranten umgehend mit “Wir sind das Volk” das zu überdecken, was auch sie nicht wirklich hören wollen. Es ist da, aber dahin wollen sie eigentlich nicht. Und mit jedem Demonstranten, der hinzukommt, verbreitert sich das Themen- und Problemspektrum. Mancher schaut auch einfach aus Interesse vorbei, andere fahren weit, was wiederum die Mischung der Teilnehmer verändert. Es sind mitnichten nur “die Dresdner”, die da stehen und gehen.
Was die Menschen in den Aufzeichnungen am Mikrophon zu sagen haben, zeigt diese Ambivalenz, die allmähliche Spreizung der Probleme in Reinform. Es ist die Sprache derer, die sich schon länger, vielleicht noch nie ernst genommen fühlten. Die aber auch eine Erwartungshaltung gegenüber einem Staat äußern, die dieser noch nie erfüllen wollte und konnte. Obwohl? Wieso gibt es eigentlich Kinderarmut in Deutschland und in Sachsen? Weil sie noch nicht “verwertbar” sind, weil sie noch Geld kosten, bevor sie welches bringen sollen? Da schiebt sich eine Ebene ins Bild, die tiefes Misstrauen gegenüber einem Staat ausdrückt, der Bildung und Sicherheit als Sparpotential erkannte, nicht genügend Lehrer und Polizisten einstellte, TTIP heimlich verhandelt. Fraglich bis heute auch, warum der Konflikt mit Putins Russland so eskalieren musste und Europa sich so rasch aufblies, dass wohl kaum einer hier sagen könnte, wie viele Staaten denn nun heute zur EU gehören. Wenn Entwicklungen zu schnell gehen, verstehen sie irgendwann nur noch die Spezialisten und beruflich damit Befassten.

Deshalb scheint es einigen Interviewten egal, wer ihnen gerade die Bühne bereitet hat, welche die Presse herbeiholte und sie selbst nun vor dieses Mikrophon führte. So egal, dass nahezu alle um manche Radikalisierten im Demozug wissen und auch deshalb betonen, keine Nazis zu sein. Auch in den Reaktionen auf bisherige Beiträge auf der L-IZ trat diese unaufgeforderte Eigenverneinung immer wieder auf. Man muss es gar nicht behaupten – viele bringen das Thema selbst immer wieder mit ein. Auch ein Zeichen von Verunsicherung, fast so, als ob einige seit Jahren zu nichts mehr etwas geäußert und alles runtergeschluckt haben. Eigentlich muss man ihnen dankbar sein, dass sie es jetzt in ungeübten Brocken aufs Dresdner Pflaster werfen. Vielleicht gibt es tatsächlich etwas zu lernen voneinander.

Also lassen wir das Wort “Nazi” einfach mal weg, dann haben wir es für die in petto, welche es wirklich sind. Zum Beispiel für die Leipziger NPD-Aktivisten, die Bilder aus Dresden auf ihrer Facebookseite posten.

Denn die am Mikro wollen eigentlich erzählen, was sie wirklich bewegt. Manchmal, von der Seite brüllend, unterbrochen von Menschen, denen man die Abscheu vor allem Anderen geradezu aus den Augen springen sieht. Der Hass, welcher latente Gewaltbereitschaft zeigt, ist bei den Interviewten eher die Aufgeregtheit gefilmt, gefragt zu werden und zu sein. Vorsichtig tasten einige sich in ihre Antworten hinein, sie wollen ernst genommen werden. Und darin liegt für beide Seiten derzeit die Chance.

Andere plauzen mit allem heraus, was sie als Problem sehen und wollen dann keine weiteren Fragen mehr hören. Manche Männer im Hintergrund wollen mit niemandem mehr reden – die wollen eigentlich am liebsten alles kurz und klein schlagen – ganz gleich, was danach folgt. Es könnte auch die Angst sein, eh nur vorgeführt zu werden. Einige am Mikro sind sichtbar verzweifelt, dass es für ihre Fragen bislang keine Antworten gab. Und sie selbst haben eigentlich auch keine.

“Transformationsverlierer” oder gar “Mittelschicht” hießen sie in den ersten Tagen der medialen Betrachtungen. Wer beim Gesamtvermögen in Deutschland kein eigenes Haus besitzt und 3.000 Euro brutto im Monat verdient, ist in einem der reichsten Länder der Erde schlicht unterm Schnitt, keine Mitte, der ist Proletariat mit Aussicht auf einen eher unangenehmen Lebensabend. Auch das eine Wahrheit, die in den letzten Jahren nicht ausgesprochen wurde.
Und deshalb werden sie weiterdemonstrieren, das ist klar, die, die sich selbst für die Mittelschicht halten. “Ganz normale Dresdner”, wie eine Frau betont.

Doch das Nicht-Gesprächsgebot mit der Presse, ausgerufen von den Organisatoren um Lutz Bachmann, von Anfang an ein Selbstschutz und diktatorische Attitüde zugleich, bröckelte an diesem 15. Dezember deutlich. Weil es bröckeln muss, denn man kann nicht nichts kommunizieren, wenn man eine gemeinsame Lösung will. Und so schälen sich unter der irritierenden Annahme einiger, mit “den Ausländern”, oder in Variation “den Muslimen” verschwänden alle Alltags-Probleme, die wirklichen Themen heraus. Die offengebliebenen Themen, die wütend machen, die sich im Leben der Menschen aufgestaut haben, die sie das Vertrauen in die Politik haben verlieren lassen.

Von schlecht ausgestatteten Schulen ist auf einmal die Rede, von mies bezahlten Jobs der Kinder und Enkel und davon, dass die parlamentarische Demokratie viele Ansätze in den letzten Jahren verschluckt hat und kein sichtbares Ergebnis lieferte. Das sind ganz reale Einschätzungen – selbst Erlebtes, wie sie immer wieder betonen – es ist ihr Umfeld, was sie nicht mehr bereit sind, so wie es derzeit ist, einfach weiter hinzunehmen. Wenn da nicht immer wieder der angeblich schuldige “Ausländer” wäre. Fast möchte man sagen: Alle 4 Millionen Muslime verlassen mal für ein halbes Jahr das Land und wir schauen, wo die Renten, Krankenkassen und Sozialsysteme dann stehen. Dass die Renten heute und auch morgen noch so niedrig sind, hat jedoch eher etwas mit der politisch gewollten Veränderung des Rentenschlüssels zu tun, mit der Entlassung der Arbeitgeber aus ihrer Verantwortung – die Wirtschaft hatte immer Vorfahrt, das “Humankapital” musste billig sein, nun folgt der kalte Fahrtwind.

Ist es ein Wunder, dass dies im schönen Sachsen, in Dresden passiert? In einer Gesellschaft, in welcher alles nach Verwertungs- und Geldmaßstäben kategorisiert, eingestuft, bezahlt wird, wollen vor allem die sächselnden Interviewpartner der ARD nun auch die Flüchtlinge “berechnet” sehen. Nicht falsch also, wenn ein älterer Herr fordert, man solle nun endlich unter allen Flüchtlingen schauen, wer etwas kann und dann in Arbeit bringen. Das ist das, was diese Gesellschaft doch eigentlich immer macht und was sogar manchen im Asylantrag festhängenden Zuwanderer in den richtigen Bereich der deutschen Gesetze führen würde. Denn natürlich gibt es, entgegen mancher Behauptungen, ein “Zuwanderungsgesetz”, welches die Arbeitsmigration regelt.

Es schimmert immer wieder durch, das haben sie nach 89 gelernt: Wer nichts wert ist, fliegt auf den Müll – bestehend aus Hartz IV, schmaler Rente, sozialer Zurücksetzung. Dass dies auch zur, bis heute heilsartig angepriesenen, Freiheit gehört, haben sie nun verstanden. Und dass dies nicht für alle erreichbar ist, offenbar auch. Spät, aber immerhin. Nur was jetzt damit machen?

Zu diesem Klima der permanenten Verwertbarkeiten passt auch die jahrelange mediale Hetze gegen “die Hartzer”, gegen “die Pleite-Griechen”, gegen die “Schweine-Staaten” (PIIGS), gegen “den Islam” in der Boulevard-Presse, welcher sie nun nicht mehr vertrauen wollen. Und die sie dennoch unbewusst zitieren. Die Entsolidarisierung hat dazu geführt, dass sie hier Raum greift und gleichzeitig das “Wir”-Gefühl bei den Spaziergängen wie einen warmen Regen erscheinen lässt. Deshalb auch ein “Weihnachtslieder singen” am Montag, den 22. Dezember in Dresden. “Weihnachten mit PEGIDA” klingt fast wie “Frohes Fest wünscht IKEA”. Lutz Bachmann, BILD-Foto-Lieferant hat ein bisschen von Werbung und Vermarktung drauf. Und die Mechanismen greifen, weil sie bei realen Sorgen einhaken.

Mehr zum Thema:

HoGeSa, Salafisten und ein Leipziger in Köln: Ein Interview
Seit Tagen wogt nun die Debatte …

Leipziger Wahlstatistik 2014: Ergebnisbericht macht auch ein paar Wählerwanderungen sichtbar
Das Wahljahr geht zu Ende …

Fremdenfeindlichkeit: Zwei Fußballfans und AfD-Vertreter bei “Legida”-Demovorbereitungen – Gegenproteste geplant
Die Anti-Islam-Bewegung “Pegida” …

Landesschülerrat bringt es auf den Punkt: PEGIDA-Demos zeigen Mangel und Notwendigkeit politischer Bildung
Der LandesSchülerRat Sachsen …

PEGIDA, HoGeSa, Legida (3): Malen mit Zahlen in Sachsen
Ein paar Fakten wären eigentlich …

Thomaspfarrer i.R. Christian Wolff: PEGIDA – Ein Innenminister auf Abwegen
Einen “besseren” Aufruf zur …

Montagsdemo: Sonntagsausflug oder Spaltung?
Eigentlich von Beginn an stand …

Auch wenn in Dresden bereits massiv geschwäbelt, Bayrisch gesprochen und fränkisch debattiert wird, es ist – leider muss man das sagen – auch eine ostdeutsche Frage, wenn von massiven Abstiegsängsten die Rede ist. 25 Jahre reichten bei vielen schlicht nicht, einen Puffer zwischen sich und die Lebensunbill zu bringen. Keinen finanziellen und keinen in Sachen Toleranz. Also Schluss mit der Toleranz, irgendwas anderes ausprobieren? Wer weiß?

Verständnis haben sie dabei nicht wirklich zu erwarten, wenn nach wie vor westdeutsch geprägte, finanzierte und agierende Medien ihnen unbewusst Undankbarkeit entgegenhalten. Was sie nun mit menschlich ebenso unschöner Häme quittieren.

Natürlich ist das Zentrum von PEGIDA in Dresden nicht verwunderlich, liegt doch das Epizentrum schwarzer Politikverweigerung im Osten Deutschlands, in der Landeshauptstadt Sachsens. Energiewende? Brauchen wir hier nicht. Bürgerkommunikation? Warum, wir wurden doch gewählt? Billiglohnland und Werbekampagnen in aller Welt dafür machen – aber klar doch. Die lange Phase der Macht hat viele in der Landespolitik überheblich gemacht. So überheblich, dass ein CDU-Innenminister glaubt, nach einer mehr als schwachen Amtszeit nun fast automatisch Oberbürgermeister von Dresden werden zu können. Die Beteiligung an der MDR-Sendung “Fakt ist …” hat Markus Ulbig (CDU) in dieser Woche lieber abgesagt, Lutz Bachmann kam auch nicht. Man geht sich weiter aus dem Weg in Dresden.

Viele der Interviewten vom 15. Dezember wirken auch überfordert dabei, ihre Meinung zu artikulieren, zumal wenn im Hintergrund der zweite radikale Spruch eingefleischter Rechter ertönt “Lügenpresse, halt die Fresse” – auch das ist kein neuer Slogan. Ein Gang auf einem schmalen Grat, auch der Versuch der Instrumentalisierung durch AfD und NPD hat längst begonnen. Auch in Leipzig stellt sich der PEGIDA-Zweig “Legida” bislang eher im Tonfall von AfD-Sprech dar.

Noch funktioniert das alles auf dem Niveau der flachen, aber merkbaren Sprüche vom Rednerwagen aus. Medienbashing: Applaus, funktioniert, können wir wieder machen. Politikerbashing, mehr Applaus – geht immer. Eindimensionale Lösungen? Aber sicher: Alles raus, was keine Miete zahlt. Eigentlich müssten da einige im Publikum schon wieder den Tonfall ihres Vermieters und damit den Sound der Verwertungsgesellschaft hören. Harte Zeiten, harte Sprache, harte Forderungen.

Doch was am meisten auffällt: Konstruktive Vorschläge? Selten, mal am Rande in den Interviews. Es klingt manchmal eher nach Grenze dicht, Tür zu und fertig. Einige regt auch eher auf, dass die Einbruchszahlen steigen und wissen – mit den Asylbewerbern hat das nix zu tun.

Wenn die öffentlich-rechtlichen Medien schlauer geworden sind als bislang, zeigen sie vielleicht eine der nächsten Versammlungen am Montag einfach live, ungeschnitten und in Farbe. Interviews dazu, Meinung, Gegenmeinung, Fakten zu den aufkommenden Fragen – was wäre das für ein “Staatsfunk”, der keiner wäre. Der eben nicht DDR 1 heißt und einfach zeigt, was geschieht. Gern auch aus Leipzig – die Heldenstadt wäre der richtige Ort dafür. Ausgang offen, offenes Mikro – und wer keine Argumente hat, hält die Klappe.

Na dann LEGIDA – Welcome am 12. Januar 2015 in Leipzig und viel Spaß am kommenden Montag beim Weihnachtssingen in Dresden. Danach folgt eh erstmal die Zeit der Besinnung.

Nachtrag Erklärung NDR
:
Laut einer Meldung des NDR handelt es sich beim ersten Interviewten in Teil 1 um einen Reporter von RTL. Dieser hat seine Kollegen nicht auf seine Tätigkeit hingewiesen und möchte nun von der geäußerten Meinung Abstand nehmen. Zitat NDR: “Wie wir im Nachgang zur Sendung erfahren haben, handelt es sich bei einem der Demonstranten, die wir vor Ort in Dresden interviewt haben, um einen Reporter von RTL. Dieser Fakt war uns nicht bekannt. Im Interview äußerte er u.a. seine Sorgen bezüglich der Zahl der Türken im Straßenbild und des Bürgerkriegs in Syrien. Der Mann hat sich nun bei uns gemeldet und beteuert, dass er eigentlich anderer Ansicht sei und dass diese Aussagen nicht seiner Meinung entsprächen”.

RTL inkognito bei Pegida: So gefährdet man Glaubwürdigkeit
http://daserste.ndr.de/panorama/aktuell/RTL-inkognito-bei-Pegida-So-gefaehrdet-man-Glaubwuerdigkeit,pegida150.html

Pegida: Die Interviews in voller Länge, Teil I
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2014/PEGIDA-ROH-2,panorama5344.html

Pegida: Die Interviews in voller Länge, Teil II
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2014/Pegida-Die-Interviews-in-voller-Laenge,panorama5340.html

Zuwanderungsgesetz in Deutschland
http://www.auswaertiges-amt.de/DE/EinreiseUndAufenthalt/Zuwanderungsrecht_node.html

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Michael Freitag über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar