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Tanners Sommer-Special-Interview mit der Frontfrau der Punkband SAFI

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    Im Sommer sind auch mal andere Dinge wichtig. Da soll ausgeruht werden und wenn's schön ist, dürfen ein paar Gedanken freigelassen werden zum Selbst und zum Morgen der Welt. Deshalb fragt Tanner Menschen nach ihrer Eigensicht und bringt diese dazu, innezuhalten und darüber nachzudenken. Heute: Safi, die Frontfrau der Punkband SAFI.

    Wohin fahre ich dieses Jahr in den Urlaub?

    Ich war am Wochenende zwei Tage an der Ostsee, das dürfte für den Rest des Jahres genügen … (räusper, es gibt sehr wenig Zeit.).

    Welches ist mein Traumort und warum?

    Dort auf dem Darss finde ich immer wieder Spuren aus der Kindheit. Das Meer ist meine Droge zum Schnellauftanken! Am Weststrand ist alles silbrig gleißend. Der Raum ist aufgehoben, das Auge geht ins Unendliche, der Kopf fliegt weg.

    Welches Buch liegt derzeit auf meinem Nachttisch und warum? Und um was geht es darinnen?

    „Brecht – Der unbequeme Zeitgenosse“. Mich interessieren die Personen und Umstände, die Heiner Müller und sein Werk beeinflusst haben. Deshalb lese ich jetzt Brecht. Das Buch ist mir zugelaufen. Jemand hat es in einer Bücherkiste zum Verschenken auf die Straße gestellt. Ein JA und ein Griff.

    Heiner Müller hat, wie ich finde, eine hervorragend präzise Form gefunden, Inhalte in Sprache zu bringen – komprimiert Welten in wenige Worte, Situationen werden klar und scharf umrissen. Für mich hat seine Sprache eine große Anziehungskraft. Brecht hat ihn bis zu einem Grade beeinflusst, er ist dann aber auch über diesen Einfluss hinweg gestiegen und hat seine eigene Idee entwickelt.

    Wenn ich die Möglichkeit hätte, diese Welt gut zu machen, vielleicht sogar zu heilen – und ich würde es auch machen wollen, wie sähe diese Welt ab morgen aus?

    Irgendwie wie in meinen Träumen manchmal würde die Welt aussehen. Also irgendwie Science Fiction mäßig. Aber ganz friedlich und hell. Alle Menschen schwimmen, können unter Wasser atmen und Sonnenstrahlen tauchen durch die Wellen, oder sie fliegen oder laufen mit großen Sprüngen durch die Welt, die Gravitation ist gering, so wie auf dem Mond. Wenig Widerstand. Wenn es überhaupt noch eine Welt braucht …

    Ich glaube immer noch nicht, dass Menschen im Grunde wirklich böse sein können. Und wenn doch, dann würde ich den Menschen diese böse Wurzel ziehen. Die Menschen sollen keine Angst haben und sich nicht von anderen Wesen und der Welt getrennt fühlen, woraus sich nämlich Wut und Dummheit erst entwickeln. Wenn ich diese Heilkräfte hätte, würde ich die Welt und die Menschen einfach langsam im Raum auflösen. Dann gibt es aber auch keine Welt mehr.

    An was glaube ich oder an wen und warum?

    Beim Glauben gehe ich nicht von dem Glauben aus, welchen wir wie eine Blase um unseren Kopf herum tragen. Eher von einer Art Entscheidungswille, sich auf etwas zu fokussieren. Zuversicht und Zielgerichtetheit. Ich glaube an die Liebe zu dem, was man tut und an Demut und Dankbarkeit, wenn wir uns durch die Welt bewegen und etwas erschaffen. Ich glaube an das Schaffen. Das Schaffen setzt Glück frei und stillt den inneren Durst.

    Und ich glaube an alle Freunde, dass sie für sich das Richtige tun und stehe mit guten Wünschen hinter ihren letztendlichen Entscheidungen.

    Was mag ich an mir und was mag ich nicht an mir? Und warum natürlich!

    Ich mag meine Gitarre an mir und dass singen wie weinen ist, ich also raus aus dem Körper kann damit. Dass ich fleißig und gewissenhaft und dabei stoisch wie ein Klavier, was die Treppe runterfährt, arbeiten kann, macht mir Spaß an mir. Ich kann mich immer auf mich verlassen. Und andere können das auch. Darüber haben sich in den letzten Jahren solide Netzwerke gebildet. Zusammen mit Leuten etwas aufbauen ist toll!

    Manchmal bin ich drüber, da ist mein Kopf zu dick, dann müssen mir die Leute sagen, Mädel komm mal runter, hör mal auf. Dann angehalten zu werden ist gut, denn immer Hörner mag ich nicht haben. Und trotz Sommer immer Schokolade essen müssen, gibt Flecken auf dem Shirt, das mag ich auch nicht so an mir dran.

    Wenn ich mich an meinen letzten Traum erinnere, welche Geschichte war das?

    Ich sitze im Flugzeug im Cockpit. Das ist offen wie bei einem Skilift. Wir rollen auf dem Beton. Dann fährt der Zug in einem Wald mit hohen Tannen. Die Sonnenstrahlen scheinen überall durch. Ich klettere vor zur Lok. Dabei muss ich auf dem Rand eines Bassins balancieren, welches mit dunklem Wasser gefüllt ist. Die Industriehalle sieht aus wie eine klassische Autowerkstatt und dort wo der Mechaniker unter dem Auto stehen kann, ist halt das Wasser drin.

    Ich versuche, nicht reinzufallen, weil ich meinen Rechner und alles dabei habe. Ich falle aber trotzdem rein, das sumpfige Wasser schlägt mir übers Gesicht. Beim zweiten Versuch ist das Wasser sehr viel klarer und die Menschen am Strand stehen oder sitzen da und schauen in Richtung Meer.

    Die U-Bahn kommt einfach nicht und so laufe ich zu Fuß durch die Turnhalle. Das Equipment steht schon aufgebaut auf der Bühne aber ich finde meine Bühnensachen nicht und wollte mich eigentlich noch schminken und einsingen. Da eh keiner da ist, ist es auch egal, wann wir anfangen. Ich laufe kreuz und quer durch die Halle, dann setze ich mich ans Klavier, das unspielbar ist, weil die Tasten so breit sind wie Paneele. Aber irgendwo kommt trotzdem schon seit Minuten ein Ton her. Das muss der Kuli in meiner Tasche sein.

    Ich versuche, ihn zu töten aber er hört nicht auf. Selbst, als ich versuche, ihn auseinanderzubauen, hört er nicht auf. Ich schraube den Schaft ab, breche dabei einen Zacken aus der Verzahnung im Griffrohr. Löse den Clip und die Druckhülse, ziehe die Miene heraus. Es hört nicht auf. Irgendwann tauche ich auf …

    Gibt es ein Motto, nach dem ich mein Leben gestalte? Und wenn ja, welches ist das und warum?

    „Ich mach das jetzt.“ Weil es Kräfte freisetzt und Türen öffnet.

    Was macht mich traurig?

    Wenn Leute traurig sind, die mir nah stehen. Traurig macht mich, wenn ich machtlos bin und nichts verändern kann. Ohnmacht, Stagnation und Blindheit machen mich traurig und wütend.

    Wann und in welchem Zusammenhang hat sich in letzter Zeit mein Mitgefühl geregt?

    Es ist dauernd da. Oft merke ich, dass wir so wie Kinder sind und bleiben werden. Eltern, Freunde. Kollegen … Das zu sehen, erweckt zu jeder Zeit spontanes reines Mitgefühl und man möchte sich öffnen und etwas geben. Zurzeit bin ich mental bei leider mehreren Freunden, denen es nicht richtig gut geht und versuche, so da zu sein, wie es am besten hilft …

    Was wollte ich schon immer einmal sagen? Aber es passte nie so wirklich – doch, da die Frage ja jetzt hier gestellt wurde, nehme ich die Chance beim Schopfe und sage es allen einfach mal:

    „Ist mir doch egal.“ Das würde ich gern einmal irgendwann sagen.

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