Tanners Jahreswechselinterview mit dem Komponisten für zeitgenössische Musik Thomas Christoph Heyde

Zum Jahreswechsel sollte Zeit und Muße sein, zurückzublicken und in sich zu gehen, die Gedanken auf Reisen zu schicken und vielleicht auch eigene Sichten zu hinterfragen. Um dann ausgeruht und gestärkt weiterzumachen. Oder etwas zu ändern. Tanner fragte bei Menschen nach und ließ sie reden, frei nach Heinrich Böll (im Aufsatz "Die humane Kamera" 1964) "...dass die Menschen nicht überall gleich, sondern überall Menschen sind, deren Menschwerdung gerade erst begonnen hat."

2015 bimselt ja gerade aus. Welches Thema hat Dich denn in diesem Jahr besonders bewegt und warum?

Jahresrückblicke sind mir etwas fremd. Vielleicht weil Kriege erfahrungsgemäß selten am 01.01. beginnen und Frieden am 31.12. in der Regel nur kurzfristig geschlossen wird… Die Formensprache, die ich habe, die Kunst, verfugt sich jenseits aller kalendarischen Dekaden mit dem Leben… Ich studiere Börsenkurse ebenso gern, wie ich Medien beobachte, Eigendynamiken betrachte, Zusammenhänge lese, Essays studiere, Clubs besuche, Rückzug probe und scheinbar ausarte… in der Kunst. Ein einzelnes Ereignis hervorzuheben wäre oberflächlich.

Und von Deinen ganz persönlichen Erlebnissen. Welches war das Einschneidenste?

Ich habe im März dieses Jahres eine halbjährige Klausur beendet, in der ich Perspektiven geschärft und Neues kreativ vorangetrieben habe. Da ich, wie gesagt, nicht in Jahresdekaden denke, steht für mein inneres Kalendarium der Beginn und das Ende dieser Zeit im Mittelpunkt. Der Beginn war ein Besuch des KZ Ravensbrück. Das Ende ein übervoller Schreibtisch mit Ideen, die nach und nach in Form gebracht und zum gegebenen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangen werden. Ich kann zumindest verraten, dass dies nicht nur musikalisch geschehen wird.

Zum Leben gehört ja auch Entwicklung, wenn’s gut geht, sogar Geistige. Befindest Du Dich da gerade auf einem Weg? Besonders, da zwischen den Tagen und im Jahresumbruch ja gerne auch Zeit ist für Tiefgang? Berausch uns bitte mit Deiner Sicht der Dinge.

Tiefgang ist immer. Und sei es nur als Versuch, als Entwurf. Mir fiel neulich ein Tagebuch in die Hände, welches meine Mutter in meinen ersten Lebensjahren unregelmäßig geführt hat. Da steht am 12.04.1979 – ich war also 5 Jahre alt: „Thomas sagt: Ich muss immer etwas denken. Ich kann nicht gar nichts denken. Das geht nicht.“ Im Prinzip hat sich an dieser Erkenntnis, an diesem Zustand, seither nichts verändert.

Ein übervoller Schreibtisch mit Ideen. Foto: TCH PR

Ein übervoller Schreibtisch mit Ideen. Foto: TCH PR

Ich las gerade folgenden weisen Satz: „Dick macht nicht, was man von Weihnachten bis Neujahr isst, sondern was man von Neujahr bis Weihnachten isst“ Da sind wir beim Genusse. Wie war’s mit dem Speisen und Trinken bei Dir an den Tagen? Was gab es auf die Teller? Besonderheiten?

Es war tendenziell international und vorzugsweise asiatisch. Da ich einiges für Rituale übrig habe, Wiederholungen gleichwohl wenig inspirierend finde, darf das Kochen auch gern mal von Mittag bis Mitternacht gehen – durchsetzt von Gesprächen, Getränken und Ideen, was man kulinarisch noch „komponieren“ könnte. Gewissermaßen Kultur ohne hochkulturellen Anspruch … (Übrigens ist Kochen dem Komponieren gar nicht so unähnlich: man muss nur die richtigen Ingredienzien finden, damit die Synapsen in Erregung geraten. Und in beiden Fällen spielt man mit dem Feuer – so man denn einen Gasherd sein eigen nennt.)

Und welche Wünsche möchtest Du Dir selber 2016 erfüllen?

Wünsche sind heute zumeist Verheißungen der großen Verkündigungsindustrie, die sich Idioten und Konsumenten in die Tasche stecken, um die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr (resp. zwischen Neujahr und Weihnachten) dankbarer zu gestalten. Meine ernstzunehmenden Wünsche beschränken sich weitestgehend auf immaterielle Güter: dass dies oder jenes Werk gelingen möge und diese oder jene Menschen gut behütet sein sollen. Und: dass die, die mit Macht versehen sind, sensibler werden.

Bist Du glücklich? Fühlst Du Dich schön?

Ich habe das Glück, friedlich leben und mich frei entfalten zu dürfen (mal abgesehen von Sachzwängen, die mich gelegentlich ärgern oder traurig stimmen). Diesen biografischen (Glücks)Umstand empfinde ich zunehmend als Privileg, welches es energisch und nachdrücklich zu verteidigen gilt. Und „schön fühlen“ kann ich mich überraschenderweise auch allein in der kalten und kargen Halle eines Provinzbahnhofs, während ich auf den letzten Zug warte. Es gibt bei Rilke einen bedenkenswerten Satz, der den Widerstreit zum Ausdruck bringt: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.“

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