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Mit glühenden Augen immer schneller, nerviger und panischer

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    Irgendwann reicht es. Nicht nur neugierigen Menschen wie mir. Ich bin zwar gern gut informiert über all den Blödsinn, der da draußen in der Welt passiert. Aber für Hasenjagden bin ich nicht zu haben. Und was die Herren und Damen Kollegen da seit Dienstag veranstalten, das ist nur noch Kaninchenjagd. Kein Wunder, dass die Leute ringsum in hysterisches Kreischen ausbrechen. Seid Ihr völlig verblödet?

    Aufgefallen ist mir das schon länger. Ist ja nicht so, dass unsere großen altertümlichen Medien nicht mit aller Macht seit ein paar Jahren versuchen, sich selbst beim Rennen zu überholen. Egal, ob da ein Flugzeug vom Himmel fällt, ein Zug entgleist oder ein paar Kriminelle mit Bomben wüten – es wird getickert, aktualisiert, mit roten Banderolen so getan, als wäre unsereins nun endgültig direkt dabei. „EILMELDUNG!“ schreit es mir ins Gesicht. „EXKLUSIV!“ oder irgendwelch anderes Gedudel.

    Aber so richtig aufgefallen ist mir die Hasenjagd, als nun auch der „Spiegel“ noch nervte mit einem Aufplopper „DIE HOMEPAGE WURDE AKTUALISIERT!“. Als wenn ich drei Tage lang kein anderes Interesse hätte, als alle 3 Minuten neue Winzig-Details zu erfahren, was das für Typen in Brüssel waren, die sich unbedingt mit selbst gebastelten Sprengsätzen in die Geschichte bomben wollten.

    Das ist sowieso schon auf allen Kanälen präsent. Fernsehen kann man gar nicht mehr einschalten, weil vom Nachrichtenrausch regelrecht besoffene Moderatoren einem gar nichts anderes mehr erzählen, als dass das da in Brüssel schlimm ist, ganz schlimm, wirklich schlimm. Radio genau dasselbe, von den üblichen News-Kanälen ganz zu schweigen. Alle jagen mit immer irrer glühenden Augen der Sensation hinterher. Völlig vergessen, dass man nach Paris und London und Madrid und 9/11 mal anderes geschworen hatte.

    Alles wieder vergessen. Wieder belagern Meuten von Kamerateams die geschundenen Straßen von Brüssel, nerven die Passanten, tun so, als wären sie dicht dran an einem Geschehen, von dem sie gar nichts wissen. Hauptsache, es gibt neue O-Töne. Und die Zuschauer, Hörer, Leser bekommen so ein Gefühl: DAS IST HIER UNHEIMLICH WICHTIG!

    „Aber Leo, warum regst du dich so auf?“

    „Reg ich mich auf? Ich bin ganz ruhig, Mausiputzi.“

    „Dann mach doch den Computer aus. Du musst dir das alles nicht antun.“

    „Hast du auch Recht. Aber die anderen …“

    „Welche anderen?“

    „Hast du auch wieder Recht.“

    Was kümmern mich die anderen? Wären es bloß nicht so viele. Und würden sie nicht alle glauben, diese Hatz wäre richtig. Die Medienleute müssten den Katastrophen hinterher hecheln, als gäb’s nichts anderes, das wichtig ist.

    Wichtiger als Blut und Entsetzen! Splatterpunk!

    Dabei hätten wir von all dem Chaos noch vor ein paar Jahren gar nichts erfahren. Über Umwege nur. Es wären ein paar Zeilen unter Nachrichten. Drei Tage später vielleicht eine große Geschichte, weil auch die richtigen Reporter immer Zeit brauchen, rauszukriegen, was wirklich passiert ist.

    Aber die Zeit nehmen sie sich alle nicht mehr. Sie tun so, als wäre alles jetzt wichtig. Jetzt gleich. Sofort. Auf der Stelle. Alle ran an die offenen Kanäle! Es sind nicht die Kinder, die das Zappelphilipp-Syndrom haben, sondern die Erwachsenen, diese ganzen Eiligen, mit denen man sich schon lange nicht mehr unterhalten kann, weil sie nicht mal mehr verstehen, was man von ihnen will. Überall nur noch …

    „Ich weiß, Schnuckiputzi. Jetzt zieh brav deine Schuhe an.“

    „Aber wo willst du hin mit mir?“

    „Fruchtbomben kaufen, mein Lieber. Du brauchst mehr Vitamine.“

    „Aber ich bin doch ganz ruhig!“

    „Das sehe ich. Den Motorradhelm kannst du dalassen.“

    „Und wenn doch …“

    „Äpfel explodieren nicht. Das weißt du doch.“

    „Außer in deiner Bowle.“

    „Die gibt’s nur zu Silvester. Und nun komm schon …“

    Erstaunt gewahrte Leo an diesem sonnigen Tag zum ersten Mal die Schneeglöckchen und Narzissen vorm Haus, die da schon seit Wochen blühten. Aber er war nicht einen Tag bisher dazu gekommen, die Schönheit des beginnenden Frühlings zu würdigen. Er blühte selbst regelrecht auf, während aus zwei, drei offenen Fenstern das schwermütige Raunen von kenntnislosen Moderatoren waberte, die in irgendeiner Stadt Europas nun seit Stunden darauf warteten, dass irgendwas passierte, womit sie ihre Zuschauer würden erschrecken können …

    Und es passierte nichts.

    Und das vermeldeten sie natürlich sofort.

    „DIE HOMEPAGE WURDE AKTUALISIERT!“, sagte der Computer. Doch den hatte jemand einfach im Wäschekorb abgelegt, wo er verzweifelt versuchte, seine schrecklich wichtigen Nachrichten loszuwerden. Zwei, drei schmutzige Socken hörten ihm zu und kicherten leise, während ein grüngeflecktes Hemd von der Rache für den Silvesterpunsch träumte.

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    2 KOMMENTARE

    1. Mich regt das auch auf, dass alles so ausgeschlachtet wird. Das hat nichts mehr mit Information zu tun! Es ist alles sehr schlimm, was da passiert(e), aber dass das immer wieder mit „Genuss“ aufgewärmt wird, ist nicht mehr zum aushalten.

    2. Ich bin so froh dass ihr anders seid.
      Bis Dienstag hab ich im Autoradio immer den besten Songs hinterhergeschaltet. Jetzt muss ich vor den Terrorgeschichten in andere Kanäle flüchten.

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