Ist die AfD eine Partei für wütende junge ostdeutsche Männer oder steckt mehr dahinter?

Für alle LeserKurz vorm Frauentag haben sich die Soziologen der Uni Leipzig mal mit einem Phänomen beschäftigt, das einen ja – so nach 100 Jahren Frauenwahlrecht – auch beschäftigt: Was haben Frauen mit der AfD zu tun? Das ist doch nun sichtlich vor allem ein Verein alter grauer weißer Männer und wird – so kolportierten viele Medien – vor allem von jungen, weniger gebildeten Männern aus dem Osten gewählt. Das aber stimmt so nicht.
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Nach der Bundestagswahl 2017 war in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, dass der klassische AfD-Wähler der ostdeutsche Mann ist.

„Schaut man sich die Daten verschiedener Umfragen genau an, kommt man zu einem anderen Schluss“, sagt Prof. Dr. Holger Lengfeld, Soziologe der Universität Leipzig. Er hat die Wahlpräferenz und die Nähe zu einer Partei anhand von Daten aus drei repräsentativen Umfragen analysiert und kommt zu dem Ergebnis: Der Männeranteil unter den AfD-Anhängern ist in Ostdeutschland nicht größer als im Westen. Dort liegt er durchschnittlich sogar höher.

Bei der Bundestagswahl 2017 stimmten 25 Prozent der ostdeutschen Männer für die AfD – im Westen waren es 13 Prozent.

„Aus diesem Befund wurde in der Öffentlichkeit der Schluss gezogen, dass die AfD in Ostdeutschland eine reine Männerpartei sei“, so Lengfeld.

Zusammen mit seiner Mitarbeiterin Clara Dilger hat er sich die Datenlage genauer angesehen. Grundlage seiner Studie bildeten die bevölkerungsrepräsentativen Umfragen Soziooekonomisches Panel (SOEP), Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) sowie eine Sonderumfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap. Die Umfragen erheben regelmäßig, welche Partei die Befragten bei der nächsten Bundestagswahl wählen würden beziehungsweise welcher Partei sie nahestehen.

„Das ist eine sehr wichtige Unterscheidung, denn die konkrete Wahlentscheidung kann taktisch motiviert sein, die Parteibindung unterstellt hingegen eine emotionale Bindung zu den Zielen und der Parteiführung“, betont Holger Lengfeld.

Die Befragten wurden von den Leipziger Forschern zunächst danach aufgeteilt, ob sie die AfD wählen beziehungsweise ihr nahestehen oder einer anderen Partei. Für beide Gruppen sowie für die Gesamtstichprobe haben die Forscher dann den Anteil an Frauen und Männern bestimmt und nach ost- und westdeutschen Bundesländern differenziert.

Die Ergebnisse aus Sicht der Forscher

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass der Männeranteil an AfD-Sympathisanten in Ostdeutschland nicht größer ist als im Westen – dort ist er sogar durchschnittlich höher. Nach Auswertung der SOEP-Daten liegt der Männeranteil unter den AfD-Anhängern in Westdeutschland bei 75, in Ostdeutschland bei 58 Prozent. Bei den Werten aus der ALLBUS rangiert der Männeranteil im Westen geringfügig vor dem im Osten. Auch bei der Sondererhebung von Infratest dimap liegt der Westen vorn: Hier beträgt der Männeranteil unter den AfD-Anhängern 82 Prozent, bei den ostdeutschen Männern 48 Prozent.

„Alle drei Datenquellen belegen, dass in Westdeutschland der Anteil an Männern, die mit der AfD sympathisieren, zum Teil wesentlich höher ist als in Ostdeutschland. Das Bild in der Öffentlichkeit stimmt so also nicht“, resümiert Lengfeld.

Die Analysen zeigten zudem, dass in beiden Landesteilen Männer generell häufiger zur AfD neigen als Frauen. Im Vergleich zwischen west- und ostdeutschen Frauen sympathisieren jedoch mehr Frauen aus dem Osten mit der AfD.

„Wir können nur vermuten, wo die Gründe dafür liegen. Ein Gedanke ist, dass ostdeutsche Frauen mehr und länger arbeiten und dadurch andere soziale Netzwerke aufbauen. Sie können häufiger auch mit Bezugspersonen außerhalb der Familie über politische Themen sprechen und sind in ihrer politischen Willensbildung unabhängiger von männlichen Partnern“, versucht Prof. Dr. Holger Lengfeld eine Erklärung. Ob diese These zutreffe, müssten aber weitere empirische Studien zeigen.

Der kritische Blick auf Leipzig

Wer sich die AfD-Wahlergebnisse in Leipzig bei den Bundestagswahlen 2013 und 2017 anschaut, sieht, dass der Befund für ganz Ostdeutschland hier nicht zutrifft. Bei den Männern erreichte die AfD 2013 6,9 Prozent der Zweitstimmen, bei den Frauen nur 4,3 Prozent. 2017 waren die Werte zwar höher – aber auch hier galt: mehr Männer (22,8 Prozent) wählten AfD als Frauen (14,1 Prozent).

Und wer glaubt, das wäre ein beruhigendes Ergebnis, der sollte auch vergleichen – denn damit war die AfD bei den Männern in Leipzig die erfolgreichste Partei. Und sie hat besonders bei männlichen CDU-Wählern und männlichen SPD-Wählern Stimmen geholt. Frauen haben dafür lieber CDU und Linke gewählt.

Es ist nicht zu verleugnen: Die AfD spricht mit ihrer brachialen Rhetorik besonders Männer an. Und zwar besonders Männer zwischen 45 und 69 – also die komplette Aufbau-Generation nach 1990, all jene Jahrgänge, die es mit Arbeitslosigkeit, prekären Jobs und „Hartz VI“ so richtig erwischt hat. Und für die es jetzt, wo es für viele auf die Rente zugeht, immer mehr wie ein Kartenspiel aussieht, bei dem sie so richtig übers Ohr gehauen wurden und immer nur Luschen bekommen haben – mit lauter Brüchen in der Job-Karriere, mit miserablen Einkommen und einer absehbaren Armutsrente.

Und mindestens die Frauenjahrgänge 45 bis 59 Jahre sehen es ganz genauso. Da hilft alles Arbeiten nichts, wenn die Belohnung ausbleibt, wenn am Ende von 27 Jahren Dienstbereitschaft die Botschaft steht, dass es für all das keine Belohnung geben wird. Was eben Frauen im Osten ebenso betrifft. Sie arbeiten ja nicht deshalb länger als ihre Schwestern im Westen, weil ihnen Arbeit irgendwie im Blut liegt, sondern weil sie anders nicht mal den Ansatz eines eigenständigen Lebens bekommen.

Es sieht ganz so aus, als ginge es tatsächlich um Respekt und Gerechtigkeit, von denen im Wahlkampf oft die Rede war – nur findet sich davon wenig bis nichts im neuen Koalitionspapier. Als hätten die drei alten neuen Regierungsparteien nicht mal die Monate nach der Wahl dazu genutzt herauszufinden, wie man wirklich – ehrlich und für alle nachvollziehbar – die Fehler repariert, die man gemacht hat. Was auch daran liegt, dass es der AfD gelungen ist, den Unmut ihrer WählerInnen umzulenken auf ein Thema, das damit nicht die Bohne zu tun hat: die Ausländer.

Man hat den Frustrierten ein Schwarzes Schaf gegeben – macht aber tatsächlich knallharte neoliberale Politik, in der die Sorgen der „Aufbaugeneration“ überhaupt nicht vorkommen.

Aber Wähler wählen nun einmal keine Wahlprogramme, sondern Köpfe und Protest.

Und man erinnert sich an jene Szene, als Angela Merkel höchstbesorgt eins dieser ostsächsischen Städtchen besuchte, in denen gegen Flüchtlingsunterbringung demonstriert wurde und am Rande enervierte junge Frauen skandierten: „Wir sind das Pack“. Das Wort vom „Pack“ hatte kurz zuvor Sigmar Gabriel benutzt, um die fremdenfeindlichen Vorgänge in Ostsachsen zu verurteilen.

Aber das traf augenscheinlich genau den wunden Punkt: Menschen, die sich sichtlich schon seit längerem als „Bürger 2. Klasse“ fühlen, dann auch noch als Pack zu bezeichnen. Das war wirklich von ganz oben herab und erzählte von ganzen Welten des Nicht-mehr-Verstehens.

Eigentlich eine Riesen-Aufgabe für die etablierten Parteien und gerade die SPD. Denn all den unerhörten Unmut, den holt sich auf die einfache Weise die AfD als Wählerschaft. Sie muss nur zwei Feindbilder ausreichen: die „Elite“ und die „Ausländer“. Sie ist der Gewinner einer Sprachlosigkeit, die nun seit mindestens 13 Jahren anhält.

Und mutmaßlich wählen Frauen nur deshalb etwas weniger AfD, weil ihnen diese Kraftmeierei nicht liegt und Konsens ihnen etwas wichtiger ist. Aber das ist nur eine Vermutung. Die psychologischen Motive hinter Wahlergebnissen bekommt man über die Statistik nicht heraus. Dazu muss man die Leute befragen.

Und was ist mit dem wütenden jungen Ost-Mann?

Leipzig ist natürlich als boomende Großstadt eine gewisse Ausnahme im Osten.

Zumindest die Leipziger Wahlergebnisse sehen die AfD auch bei jungen Männern nicht auf dem ersten Platz. Junge Männer in Leipzig (18 bis 34 Jahre) wählen lieber Linkspartei – was auf junge Frauen übrigens genauso zutrifft.

Was darauf hindeutet, dass in den ostdeutschen Ergebnissen eben noch ein zweiter Effekt steckt: das demografische Dilemma, das seit Jahren zum permanenten Fortzug junger Menschen mit höherem Bildungsabschluss aus den abgehängten ländlichen Regionen in die Großstädte führt. Die ach so klugen Politiker haben es hingenommen wie ein Klimaereignis und nur so eine Art „Schöner unsere Dörfer“-Programm aufgelegt.

Die Schönwetter-Politik aber ist eindeutig vorbei. Und wenn sie nicht vorbei sein sollte, werden uns die nächsten Wahlergebnisse arg überraschen.

Kommentar: Lehrernotstand in Sachsen oder Wenn das Kind im Brunnen ertrunken ist


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