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Zwischen Betonblöcken und Hakenkreuzen: Yasemin Said über ihr Stadtteilprojekt „Perspectives“ in Grünau

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    Als ich mit Yasemin Said durch Grünau laufe, erzählt mir die Leipzigerin, dass sie als kleines Kind immer in den Sommerferien zu ihrer Großmutter hierhergekommen ist. Damals habe der Stadtteil auf sie wie ein Urlaubsort gewirkt. Doch mit den Jahren und ihrer politischen Arbeit kam die Einsicht, dass auch Grünau nicht frei von Problemen ist. Gerade Grünau nicht. Deshalb hat sie im April 2020 das Projekt „Perspectives“ auf die Beine gestellt. Sie und ihr kleines Team sind Teil des „Heizhauses“, einer Skatehalle nahe dem Allee-Center.

    Warum habt ihr das Projekt „Perspectives“ gerade in Grünau gegründet?

    Es gibt in Grünau relativ erschwinglichen Wohnraum. Vor allem für Personen, die Sozialhilfeleistungen empfangen. Also zum Beispiel Erwerbslose, Rentner/-innen, Personen mit einem Aufenthaltsstatus, der es nicht zulässt, dass man arbeitet, einkommensschwache Haushalte. So setzt sich das Viertel zusammen. Und wir wollten uns hier auf eine Zielgruppe konzentrieren, um ihnen Perspektiven zu ermöglichen. Wer ist eure Zielgruppe?

    Unsere Zielgruppe sind Leute, die sich als migrantisch, Schwarz oder jüdisch identifizieren beziehungsweise migrantisch markierte Personen. Migrantisch markiert heißt, dass eine Person aufgrund äußerlicher Attribute oder ihres Namens bestimmte Negativ-Zuschreibungen erhält. Was dann für betroffene Menschen mit sozialem Ausschluss, Rassismuserfahrungen und schlechterem Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt einhergeht. Das ist ja mittlerweile durch unzählige Studien belegt, dass man beispielsweise mit einem migrantisch gelesenen Namen viel häufiger nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wird.

    Diese Leute sind marginalisiert und werden marginalisiert. Aber sie leben auch hier in Grünau, sie haben auch Visionen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten möchten. Und durch „Perspectives“ sollen sie handlungsfähiger werden, den Stadtteil mitgestalten können.

    Welche Angebote wollt ihr für diese Personen schaffen?

    Ich hatte keinen Bock, Angebote zu schaffen ohne zu wissen, ob Leute darauf Lust haben. Es gab hier im Stadtteil zwar auch schon vor „Perspectives“ Projekte, aber ich habe mich manchmal gefragt, wie die zustande gekommen sind. Haben sich da drei Leute zusammengesetzt und sozusagen beschlossen, worauf die Personen, die zu ihnen kommen, bestimmt Bock haben? Oder sind sie zu der Zielgruppe gegangen und haben gefragt, ob sie darauf Bock haben?

    Bei „Perspectives“ hat die Vorbereitungszeit letztes Jahr ziemlich lange gedauert. Ich habe mich mit Trägern in Verbindung gesetzt, um zu schauen, was eventuell gebraucht wird. Dann habe ich eine mehrsprachige Umfrage erstellt, um von den Leuten zu erfahren, woran es fehlt.

    Und welche Projekte setzt ihr jetzt nach der Umfrage um?

    Wir haben gerade mit einer Serie gestartet, die sich „Pocket Rights“ nennt. Das sind Taschenkarten, spricht also eher die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an. Wir fangen jetzt mit dem Verteilen an. Im Prinzip geht es um das Thema Polizeikontrollen. Was sind deine Rechte, wenn du von der Polizei kontrolliert wirst? Also was darfst du sagen? Wozu bist du verpflichtet und was darfst du vorenthalten? Und was darf die Polizei? Außerdem werden Anlaufstellen vorgestellt, wenn bei einer Polizeikontrolle irgendwas Uncooles gelaufen ist.

    Im Spätsommer sollen dann endlich die Filmreihe und der Debattierclub starten, im Herbst die erste Ausgabe des Magazins. Im Heizhaus bauen wir das Foyer um, in dem dann Besprechungen stattfinden können, in dem es eine Bar und einen kleinen Shop geben soll. Außerdem bauen wir gerade einen Projektladen im Allee-Center. Eine Sache, die ich dann so schnell wie möglich dort etablieren will, sind offene Sprechzeiten.

    Leute können einfach reinkommen, wir lernen uns kennen und vernetzen uns, wir sprechen über Probleme. Ein weiteres Format, das wir anstreben, ist, dass man regelmäßig zusammenkommt, um über Diskriminierungserfahrungen zu sprechen. So kann man auch Personen, denen gewaltvolle Sachen passiert sind, an Beratungsstellen weiterleiten. In Grünau wird das Thema echt klein gehalten, deswegen müssen wir da unbedingt ein Angebot schaffen.

    Ist Diskriminierung hier im Stadtteil ein sehr präsentes Thema?

    Wenn du als weiblich gelesene Person mit Kopftuch durch Grünau läufst, kann es schon passieren, dass dir mehrmals am Tag gesagt wird, dass das scheiße sei. Hier werden im öffentlichen Raum auch oftmals Symbole von rechtsextremen Gruppen und Parteien angebracht. Wenn man diese Zeichen sieht und weiß, was sie bedeuten, verändert sich ja auch dein Gefühl für das Viertel. All das lässt sich – glaube ich – besser ertragen, wenn man sich austauscht und mitbekommt, dass man nicht die einzige Person ist, die das sieht, dumm angemacht wird und mit alltäglicher Diskriminierung konfrontiert ist. Das muss dann aber natürlich auch definitiv pädagogisch begleitet werden.

    Du hast gerade von einer Filmreihe, einem Debattierclub und einem Magazin geredet. Was ist da genau geplant?

    Durch die Coronakrise wurden die Arbeitsprozesse ja leider verlangsamt. Eigentlich wollten wir schon letztes Jahr mit der Filmreihe anfangen – in Kooperation mit dem Cineplex. Dort sollten Filme aus dem Iran, Ägypten und vielen anderen Ländern gezeigt werden – mit deutschen Untertiteln. Die Debattierclub-Idee ist durch Schüler/-innen entstanden, die sich dieses Angebot selbst gewünscht haben. Das wird dann in Kooperation mit der Volkshochschule umgesetzt. Wir wollen da verschiedene Themen bearbeiten und Kompetenzen vermitteln, wie man argumentiert und diplomatisch diskutiert. Es soll zum Beispiel um Alltagsrassismus oder den Klimawandel gehen.

    Mitte Juli starten wir einen Open Call für die erste Ausgabe des Magazins. Das wird in die Bereiche kreatives Schreiben, analytisch-wissenschaftliches Schreiben, Zeichnungen und Fotografie unterteilt. Wir verarbeiten die eingeschickten Sachen aber nicht nur wie Leser/-innenbriefe, sondern stehen dann im ständigen Kontakt mit den Urheber/-innen, ob ihnen das Layout so gefällt, ob sie das so veröffentlichen möchten oder noch Änderungsvorschläge haben. Die Leute sollen das Magazin aktiv mitgestalten und werden natürlich auch dafür bezahlt. Wir streben dann an, alle sechs Monate eine Ausgabe zu bringen.

    Auf eurer Seite bietet ihr auch einen Infoflyer zum Thema „How to protest“ an. Wo wird Personen mit Migrationshintergrund die politische Teilhabe erschwert?

    Natürlich ist es für politische Teilhabe essenziell, das System zu verstehen und die Sprache zu beherrschen. Aber was ist, wenn du noch nicht an dem Punkt bist? Was ist mit Leuten, die noch in dem Prozess sind, die Sprache zu lernen? Man muss diese Leute irgendwie mitnehmen und nicht erst involvieren, wenn sie perfekt Deutsch reden. Und um eine Sprache zu erlernen, muss man ja auch erst mal an Sprachkurse kommen.

    Das ist nicht so niedrigschwellig, wie es oft wirkt. In Grünau gibt es beispielsweise keinen Deutschkurs, der für die Arbeitssuche anerkannt ist. Wir müssen weg von der Vorstellung, dass der Status darüber entscheidet, wie viel eine Person sagen darf. Sobald Leute hierherkommen, müssen Möglichkeiten geschaffen werden, wie sie teilhaben und mitgestalten können.

    In dem Rahmen: Was hältst du von dem Prinzip der Integration?

    Das Verständnis von Integration ist ziemlich fehlleitend, weil es nahelegt, dass integriert bedeutet, dass Migration abgeschlossen sei. Wir wollen mit der Vorstellung brechen, dass Migration einen Anfangs- und einen Endpunkt hat. Integration ist in Deutschland ja auch krass gekoppelt an Erfolgsfaktoren: Du hast die Sprache gut gelernt, du hast einen ordentlichen Job, man sieht dir nicht zu offensichtlich an, dass du Einflüsse aus einem anderen Kulturkreis hast.

    Integration sagt damit: Wir wollen, dass die Personen, die hierherkommen, so und so leben, so und so arbeiten, so und so sind. Und dann sagen wir, dass sie Teil von uns sind. Nach diesem Verständnis von Integration bedeutet das, dass ein Subjekt in eine Gesellschaft kommt und sich einfügt. Ich denke mir: Es kommt einfach nur eine Person hinzu. Fertig. Deshalb arbeite ich nicht mit dem Wort Integration, weil ich diese Vorstellung nicht unterstütze. Ich will, dass die Leute, die hierherkommen, selbst entscheiden, wie sie leben, arbeiten und aussehen.

    Zum Abschluss: Was wünschst du dir für den Stadtteil Grünau und die hier lebenden Menschen?

    Wir werden ja insgesamt drei Jahre vom Sozialministerium Sachsen gefördert und von der Sächsischen Aufbaubank finanziert. Natürlich hoffe ich, dass der Projektladen im Allee-Center, der ja auch irgendwie ein Herzstück des Projektes ist, nach diesen drei Jahren trotzdem weitergetragen werden kann. Dass er selbst organisiert ist von der Zielgruppe.

    Ich hoffe auch, dass der Stadtteilbeirat irgendwann divers aufgestellt ist. Damit gewisse Forderungen es auch bis in den Stadtrat schaffen oder von der Verwaltung bearbeitet werden. In Leipzig gibt es ja schon eine BIPoC-Gruppe – es wäre schön, wenn sich so was auch in den einzelnen Stadtteilen zusammenfinden würde. Und wenn ich noch viel weiter träumen könnte, würde ich mir wünschen, dass es hier in Grünau ein Café abseits des Allee-Centers gibt, das von einem diversen Team geführt wird. Zum Kennenlernen, Vernetzen und Wohlfühlen.

    „Zwischen Betonblöcken und Hakenkreuzen: Yasemin Said über ihr Stadtteilprojekt ,Perspectives‘ in Grünau“ erschien erstmals am 25. Juni 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 92 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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