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Wenn die Psyche den täglichen Druck nicht mehr aushält

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    Die moderne Arbeitswelt macht krank. Zwar verschwinden körperlich schwere Arbeiten immer mehr aus unserem Leben. Dafür wurden immer mehr Jobs prekarisiert, müssen die Beschäftigten zunehmende Unsicherheit aushalten, während ihre Arbeit selbst immer engmaschiger kontrolliert wird und einem enormen Effizienzdruck unterliegt. Deswegen taucht der Öffentliche Dienst mit Fehltagen wegen psychischer Erkrankungen ganz an der Spitze auf. Ja, der „böse Staat“.

    Dieses Gebilde, das die Reichen und Schwerverdiener gern „verschlanken“ wollen, wie sie das in ihrem Jargon nennen. Die Betroffenen in den Verwaltungen, Krankenhäusern, Schulen, sogar in den Polizeidienststellen wissen, was das heißt: Immer weniger Leute müssen immer mehr Arbeit erledigen, von der ein Großteil immer sinnloser wird. Denn was die Bauherren als eine regelrechte Bürokratisierungswut erleben, die ihnen das Bauen verteuert, erleben die Verwaltungsmitarbeiter als eine blinde Regulierungswut der Gesetzgeber, die immer mehr Eigeninteressen spezieller Nutznießer in immer dickere und komplexere Gesetze und Vorschriften gießen.

    Das ganze irre System der „Liberalisierung“ läuft auf Verschleiß und lässt zuallererst die Menschen verschleißen, die es nicht mehr aushalten, wenn eine Arbeit, die sie eigentlich lieben, sich in ein System unzumutbarer Arbeitsbedingungen verwandelt.

    Kein Wunder, dass die DAK das Jahr 1997 als Ausgangspunkt ihrer Auswertung genommen hat. Das ist so ungefähr der Zeitpunkt, als der neoliberale Austeritätswahn im ganzen Land um sich griff und einen Berufszweig nach dem anderen einer Radikalkur unterzog.

    ***

    In Deutschland fehlte im vergangenen Jahr jeder 18. Arbeitnehmer wegen einer psychischen Erkrankung im Job. Ausgehend von den Daten der DAK-Gesundheit waren damit hochgerechnet 2,2 Millionen Menschen betroffen. Seit 1997 hat sich die Anzahl der Fehltage, die von Depressionen oder Anpassungsstörungen verursacht werden, mehr als verdreifacht. Am häufigsten fehlen Arbeitnehmer mit der Diagnose Depression. Fehltage wegen Anpassungsstörungen stiegen in den vergangenen Jahren besonders deutlich an. Das sind zentrale Ergebnisse des Psychoreports 2019 der DAK-Gesundheit.

    Entwicklung der Zahl der Fehltage im Vergleich verschiedener Krankheitsbilder. Grafik: DAK
    Entwicklung der Zahl der Fehltage im Vergleich verschiedener Krankheitsbilder. Grafik: DAK

    Der aktuelle DAK-Psychoreport ist eine Langzeit-Analyse, für die das IGES Institut die anonymisierten Daten von rund 2,5 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet hat. Demnach erreichten die Krankschreibungen von Arbeitnehmern aufgrund von psychischen Leiden im Jahr 2017 mit 250 Fehltagen pro 100 Versicherte einen Höchststand. 2018 gingen sie erstmals leicht um 5,6 Prozent auf 236 Fehltage pro 100 Versicherte zurück. Seelenleiden lagen damit im vergangenen Jahr bundesweit auf dem dritten Platz der Krankheitsarten.

    Der Blick auf die Einzel-Diagnosen zeigt, dass Depressionen und Anpassungsstörungen nach wie vor die meisten Ausfalltage verursachen. 2018 gingen 93 Fehltage je 100 Versicherte auf das Konto von Depressionen, bei den Anpassungsstörungen waren es 51. Auf Platz drei rangieren neurotische Störungen mit 23 Fehltagen je 100 Versicherte. Angststörungen kommen auf 16 Fehltage je 100 Versicherte.

    Aber die Beschäftigten reden jetzt häufiger über ihr Leid.

    Der aktuelle DAK-Psychoreport zeigt auch, dass vor allem Ausfalltage wegen Anpassungsstörungen in den vergangenen Jahren rasant zugenommen haben: Seit 2000 haben sie sich fast verdreifacht – auf jetzt 51 Fehltage je 100 Versicherte. DAK-Vorstandschef Andreas Storm führt diese Entwicklung auch auf einen offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen zurück, denn aus wissenschaftlicher Sicht sind diese seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet.

    „Vor allem beim Arzt-Patienten-Gespräch sind psychische Probleme heutzutage kein Tabu mehr“, so Storm. „Deshalb wird auch bei Krankschreibungen offener damit umgegangen.“ In Betrieben sehe dies aber oft noch anders aus. Storm fordert deshalb: „Auch Arbeitgeber müssen psychische Belastungen und Probleme aus der Tabuzone holen und ihren Mitarbeitern Hilfe anbieten.“

    Aber: Unsere Arbeitswelt ist auf ältere Erwerbstätige gar nicht eingerichtet.

    Seit 2012 hat die Zusatzdiagnose Burnout im Krankheitsgeschehen deutlich an Relevanz verloren. So halbierte sich die Anzahl der Fehltage in den vergangenen sechs Jahren nahezu. Allerdings wurde Burnout 2018 im Vergleich zum Vorjahr wieder etwas öfter auf Krankschreibungen notiert (5,3 Fehltage je 100 Versichert zu 4,6 Fehltage je 100 Versicherte). Beim Blick auf das Alter fehlten Arbeitnehmer „60plus“ mit neun Fehltagen je 100 Versicherte am meisten wegen Burnout im Job. Insgesamt steigen die Fehltage aufgrund von Burnout mit dem Alter an. Erst vor kurzem hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Burnout als Syndrom eingestuft. Dieses entstehe aufgrund von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet werde.

    Wie der DAK-Report zeigt, nimmt die Zahl der Fehltage für psychische Erkrankungen bei beiden Geschlechtern mit dem Alter kontinuierlich zu. Frauen waren 2018 knapp doppelt so oft wegen Seelenleiden krankgeschrieben als ihre männlichen Kollegen (298 Fehltage je 100 Versicherte gegenüber 183 Fehltage bei Männern).

    Die Folgen von Personalkürzungen im Öffentlichen Dienst: Mehr Fehltage beim verbliebenen Personal.

    Die Branchen „Öffentliche Verwaltung“ sowie „Gesundheitswesen“ weisen überproportional viele Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen auf. So verursachten 100 Beschäftigte in der Öffentlichen Verwaltung im Jahr 2018 358 Fehltage. Im Gesundheitswesen waren es 321 Ausfalltage. Im Schnitt über alle Branchen hinweg kam es zu knapp 236 Fehltagen.

    Die Bundesländer nach Fehltagen der Erwerbstätigen wegen psychischer Belastungen. Grafik: DAK
    Die Bundesländer nach Fehltagen der Erwerbstätigen wegen psychischer Belastungen. Grafik: DAK

    Bei den Fehltagen durch psychische Erkrankungen gibt es deutliche regionale Unterschiede: Während im Saarland im vergangenen Jahr 312 Fehltage je 100 Versicherte mit den entsprechenden Diagnosen begründet wurden, waren es in Bayern lediglich 193. Auch die Baden-Württemberger blieben mit 214 Fehltagen je 100 Versicherte vergleichsweise selten mit psychischen Problemen der Arbeit fern.

    Bremen und Berlin belegen mit 218 und 279 Fehltagen je 100 Versicherte die Plätze zwei und drei der Statistik. Die ostdeutschen Bundesländer bewegen sich bei den Ausfalltagen aufgrund von psychischen Erkrankungen im Mittelfeld, meint die DAK. Wobei Berlin hier mit 279,6 Fehltagen eindeutig die Spitze einnimmt. Sachsen folgt mit 238,1 Fehltagen deutlich dahinter.

    ***

    Wobei auch immer zu bedenken ist: Die gut bezahlten Vollzeitjobs im Osten sind rar. Die Zahlen können auch direkt mit dem Bedürfnis der Beschäftigten zu tun haben, lieber ihre Arbeitsstelle nicht zu riskieren, als sich einer therapeutischen Behandlung zu unterziehen, eben weil viele Arbeitgeber für die psychischen Belastungen ihrer Beschäftigten kein Ohr haben.

    Also sollte man zumindest die Tabelle mit den Länderzahlen mit Vorsicht anfassen. Wenn die Fehltage im Osten geringer sind als im Westen, heißt das nicht, dass die Arbeit psychisch weniger belastend ist.

    Warum immer mehr Menschen trotz Krankheit zur Arbeit gehen und dafür auch noch handfeste Gründe finden

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