Neurodermitis: Sachsen hat die bundesweit höchste Betroffenheitsrate

Für alle LeserIn unserer von Chemie belasteten Umwelt ist ein Problem in den vergangenen Jahren immer stärker geworden: Immer mehr Menschen leiden unter Allergien. Und Dinge, die für frühere Generationen nicht mal spürbar waren, werden auf einmal zur Belastung – so wie der Pollenflug im Frühjahr, der seit einigen Jahren auch die Neurodermitis-Fälle in die Höhe schnellen lässt. Und Bundesländer wie Sachsen und Thüringen sind mittlerweile besonders betroffen.
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Bei mehr als 3,6 Millionen Menschen in Deutschland haben Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2018 Neurodermitis diagnostiziert, meldet jetzt zum Beispiel die Barmer Krankenkasse in Auswertung ihrer Zahlen.

„Die Betroffenheitsrate in Sachsen war bundesweit die höchste. Annähernd 226.000 Menschen mussten aufgrund des juckenden Ekzems einen Arzt aufsuchen“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen beim Blick auf eine Analyse seiner Kasse.

Allem voran waren Kleinkinder und hier besonders Jungen im Alter bis fünf Jahren betroffen. So stellten Ärzte bei 14,22 Prozent der ein- bis fünfjährigen Jungen eine Neurodermitis fest. Dies entsprach mehr als 13.600 sächsischen Jungen. Bei den Mädchen derselben Altersgruppe lag der Anteil mit 12,3 Prozent etwas niedriger. Etwa 11.200 Mädchen waren betroffen.

Neurodermitis ist Ausdruck einer geschädigten Hautbarriere. Die Haut ist anfälliger für Keime, sodass es schneller zu Infektionen, mit schlimmstenfalls lebensbedrohlichem Verlauf kommen kann. Auch wenn eine Neurodermitis nicht heilbar ist, sollte man frühzeitig den Arzt aufsuchen, um die Symptome zumindest zu lindern oder die symptomfreien Phasen zu verlängern. Das Ziel einer Neurodermitis-Therapie ist die Symptomfreiheit“, sagt Magerl.

Insgesamt mehr Frauen als Männer betroffen

Unter den Fünf- bis Neunjährigen lagen laut Barmer-Analyse die Betroffenenraten mit 9,91 Prozent bei Jungen und 9,81 Prozent bei Mädchen praktisch gleichauf. Ab dem zehnten bis zum 85. Lebensjahr litten dann allerdings Frauen häufiger unter atopischem Ekzem als Männer. Besonders eklatant war der Unterschied in der Altersklasse der 40- bis 45-Jährigen. Hier stellten Ärztinnen und Ärzte bei 2,47 Prozent der Männer und 4,43 Prozent der Frauen eine Neurodermitis fest.

Neurodermitis-Fälle nach Bundesländern. Grafik: Barmer

Neurodermitis-Fälle nach Bundesländern. Grafik: Barmer

„Das Auftreten einer Neurodermitis wird möglicherweise auch durch den Hormonhaushalt beeinflusst. So ließe sich erklären, dass vor der Pubertät häufiger die Jungen und danach verstärkt die Frauen betroffenen sind“, sagt Magerl. Mit der Pubertät würde bei jungen Männern die Talgproduktion in der Haut angeregt und es komme zu einer natürlichen Rückfettung. Das wiederum stärke die natürliche Schutzfunktion der Haut. Bei Mädchen allerdings steigerten Östrogene bei einer Neurodermitis das Risiko einer Symptomverschlechterung. Insgesamt würden mehr Frauen als Männer wegen Neurodermitis zum Arzt gehen.

Neurodermitis verstärkt in Ostdeutschland

Nach der Barmer-Analyse tritt Neurodermitis allem voran in den ostdeutschen Bundesländern auf. Im Jahr 2018 wurde die Krankheit bei 5,54 Prozent der Bevölkerung von Sachsen diagnostiziert, gefolgt von Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die niedrigsten Raten gab es in Bayern mit 3,82 Prozent und Schleswig-Holstein mit 3,83 Prozent. Niedersachsen mit 4,63 und Bremen mit 4,49 Prozent liegen im Mittelfeld.

„Die vergleichsweise häufigen Neurodermitis-Fälle in Ostdeutschland können auch mit einem verstärkten Flug vereinzelter Pollenarten vor Ort zusammenhängen, wie es im Jahr 2018 der Fall war. Bis zu 80 Prozent der Neurodermitis-Patienten reagieren empfindlich auf Umweltallergene wie Pollen, die einen Ekzem-Schub auslösen können“, sagt Magerl. Da Menschen mit Neurodermitis ohnehin eine sehr durchlässige Hautbarriere hätten, könnten Pollen leichter eindringen und dort eine Entzündungsreaktion auslösen.

Was das mit unserer Umwelt zu tun hat

Zu den Pollen, die auf der Haut besonders sensibler Menschen Ekzeme auslösen können, gehören zum Beispiel die Pollen von Birken, Hasel, Erlen, Gräsern und Kräutern.

„Es wird davon ausgegangen, dass die Betroffenen aufgrund genetischer Veranlagung stärker auf bestimmte Einflüsse reagieren als andere“, meint zwar ein entsprechender Wikipedia-Beitrag. Aber das begründet lediglich, dass einige Menschen besonders leicht auf solche Reizungen reagieren.

Dass es tatsächlich zu einem weit verbreiteten Phänomen geworden ist, liegt an etwas anderem. Auch dazu Wikipedia: „Das atopische Ekzem ist in Industriestaaten eine verbreitete Krankheit. 5–20 % der Kinder und 1–3 % der Erwachsenen sind von der Krankheit betroffen. In Deutschland erkranken bis zur Einschulung 8–16 % aller Kinder am atopischen Ekzem.“

Und: „Im Vergleich zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist heute von einem vier- bis sechsmal häufigeren Auftreten auszugehen. Die Gründe dafür sind noch nicht bekannt. Als mögliche Ursachen werden häufigere Allergien, veränderte Lebensumstände und verstärkte Hygiene (Hygienehypothese) diskutiert.“

Das heißt: Die Ursachenforschung steckt noch immer in den Kinderschuhen und es deutet vieles darauf hin, dass hier mehrere Erscheinungen unserer heutigen Zivilisation eine Rolle spielen: Hygieneartikel, die Hautbarrieren angreifen, Umweltgifte, falsche Ernährung … letztlich auch hier ein zerstörtes Gleichgewicht der Natur, bei dem in diesem Fall die Haut allergisch reagiert.

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