Es ist eine Frage, die tatsächlich seit dem Frühjahr 2020 die mediale Diskussion bestimmt: Warum sind in manchen Regionen die Corona-Infektionszahlen und die Todesraten höher als anderswo? Wer sich erinnert: Damals ging es um das große Wundern darüber, dass die Inzidenzzahlen in Ostdeutschland während der ersten Welle so auffällig niedrig waren. Heute kaum noch vorstellbar, wo ostdeutsche Bundesländer die Infektionsstatistik anführen.

Aber wo liegen die Ursachen? Damals wurde darüber orakelt, dass die Ostdeutschen aus DDR-Zeiten vielleicht doch einen besseren Impfschutz mitgebracht hatten. Dort gab es ja bekanntlich eine Impfpflicht, während im Westen vieles freiwillig war – und bis heute blieb.Aber spätestens seit der zweiten Welle ist das Bild gekippt, gibt es im Osten nicht nur mehr Infektionen und Todesfälle, sondern auch mehr Protest, erst recht seit dem Sommer 2021, als zwar bundesweit die Infektionszahlen zurückgingen, aber „Querdenker“ aus Süd- und Ostdeutschland geradezu den Aufstand probten, als würde auch nur die Mutmaßung über die Einführung einer Corona-Impfpflicht alle schwer errungenen Freiheiten bedrohen.

Ein Preis dafür sind tatsächlich deutlich niedrigere Impfraten in Ländern wie Sachsen und Thüringen, damit einhergehend deutlich höhere Inzidenz-Zahlen und mehr Todesfälle.

Könnte ein Grund für die höheren Erkrankungs- und Todesraten aber vielleicht auch mit einer höheren Deprivation in den entsprechenden Regionen zu tu haben, fragte hier Maren Wilczek in ihrem Artikel „Todesursache: Sachsen“, mit Verweis auf eine Studie, die im Dezember veröffentlicht wurde.

„In Gegenden, wo es Menschen wirtschaftlich nicht so gutgeht, hatten wir mehr COVID-19-Todesfälle“, zitiert sie Nico Dragano, Professor für Medizinische Soziologie in Düsseldorf.

Leipzig ist kein Ausrutscher

Aber dem widersprechen die Zahlen aus Sachsen, die wir hier einfach mal in einer Karte zusammengefasst haben, mit den aktuell registrierten Corona-Todesfällen in den Landkreisen und Kreisfreien Städten bis zum Jahresende 2021, hochgerechnet auf die Bevölkerung.

SarsCov2-Todesfälle in Sachsen auf 100.000 Einwohner. Grafik: LZ, erstellt mit DataWrapper
Sars-CoV-2-Todesfälle in Sachsen auf 100.000 Einwohner. Grafik: LZ, erstellt mit DataWrapper

Da fällt nicht nur Leipzig auf mit einer deutlich niedrigeren Sterberate, sondern praktisch ganz Westsachsen mit Todesraten, die vier bis fünf Mal geringer sind als die im Landkreis Bautzen oder im Landkreis Sächsische-Schweiz/Osterzgebirge.

„Wir haben vermutlich nicht im großen Stil Todesfälle gesehen, weil die Versorgung schlecht war, sondern weil Menschen, die sozial benachteiligt sind, oft Risikofaktoren mitbringen“, meinte Dragano.

Das kann zutreffen, scheint aber einen deutlich geringeren Einfluss zu haben als AfD-Wahlergebnisse und das Ausmaß der Corona-Proteste, die sich ja in Sachsen auch mit deutlich niedrigeren Impfquoten verbinden. Was gewissermaßen auch sofort Folgen hat, denn wo weniger Menschen geimpft sind, erkranken mehr, gibt es mehr schwere COVID-19-Verläufe und sind auch mehr vorbelastete Menschen betroffen, die dann auch an COVID-19 sterben.

Die Folgen demografischer Fehlentscheidungen

In der RKI-Statistik ist noch ein weiteres Problem: Die Zahlen zur sozialen Deprivation, die das RKI 2017 errechnet hat, stammen aus dem Jahr 2012. Das sind in jeder sozialen Statistik verdammt alte Zahlen. Auch Leipzig und sein Speckgürtel erlebten seitdem einen spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung mit steigendem Bruttoinlandsprodukt, wachsender Beschäftigung, höheren Einkommen und niedrigerer Arbeitslosigkeit.

Dazu kommt: Leipzig und Umgebung haben heute im Jahr 2022 den niedrigsten Altersdurchschnitt in Sachsen, während ländliche Regionen wie die Lausitz oder das Erzgebirge einen um über zehn Jahre höheren Altersdurchschnitt haben, also eine deutlich höhere Altenquote. Dafür eine viel geringere Jugendquote.

Aber junge Menschen kommen selbst bei einer Corona-Infektion meistens glimpflicher weg als ältere. So betrachtet sind die östlichen und südlichen Landkreise Sachsens heute deutlich deprivierter als die Region um Leipzig.

Und dazu kommt die Proteststimmung in den ländlichen Regionen. Die auch deshalb ungehemmt ihren Lauf nimmt, weil Korrektive fehlen, die normalerweise für einen Ausgleich sorgen. Korrektive, die in weiten Teilen Sachsens nicht mehr existieren, weil der Freistaat wichtige staatliche Einrichtungen geschlossen hat – von Krankenhäusern über Schulen bis hin zu Polizeistationen.

Was nicht eben erst auch die gesellschaftliche Stimmung kippen ließ, und zwar – man betrachte nur die vielen Protestaktionen gegen Flüchtlingsunterkünfte ab 2015 – schon lange vor Corona, sondern auch Filterblasen bestärkte mitsamt dem Gefühl, abgehängt und nur noch „Bürger 2. Klasse“ zu sein. Der „Staat“ wird als eine entfernte und fremde Instanz wahrgenommen, wenn rechtsextreme Akteure das Heft der Diskussion in die Hand nehmen, geradezu als Feind und Besatzungsmacht.

Die alten demografischen Probleme verschränken sich also mit den gerade in Sachsen und Thüringen sichtbar werdenden Problemen einer schlecht kommunizierten Bewältigungsstrategie für die Corona-Pandemie. Was ein neues Thema aufmacht: das mediale Korrektiv, das in vielen ländlichen Regionen ohne funktionierende Regionalzeitung ebenfalls immer stärker als Fehlstelle zu erleben ist.

Die Diskussion, welche Faktoren tatsächlich zu erhöhten Sterbezahlen mit COVID-19 führen, dürfte also weitergehen. Sie ist komplex und macht sichtbar, dass sich auch Fehler aus der Vergangenheit deutlich bemerkbar machen, wenn Krisen wie die Corona-Pandemie auf eine Gesellschaft treffen, deren stabilisierende Elemente schon seit Jahren dem Sparzwang unterworfen wurden.

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Dieser Beitrag ist mal wieder eher ein Nachdenkergebnis unter der
Fragestellung: wie konstruiere ich einen Zusammenhang, der so richtig in
mein Weltbild passt, obwohl es nicht nachzuweisen ist.

Bereits bezogen auf 2021, wo Ostdeutschland noch so unerwartet “gut” da
stand, springt es einem ins Auge: die Impfpflicht im Osten, die der
Grund gewesen sein soll, bezog sich auf alles Mögliche, auf Grippe aber,
wenn denn irgendetwas von der Ostimpfpflicht bei C. hätte helfen können,
bezog sie sich nicht: diese Impfung unterlag der Freiwilligkeit! Damit
(wie gut doch eine Impfpflicht der Volksgesundheit dienen kann) an
dieser Stelle zu argumentieren, ist Propaganda reinster Form.

Aber es ist müßig und kontraproduktiv, sachlich zu widersprechen: das
forciert nur die Notwendigkeit, noch größere Geschütze aufzufahren, um
wacklige Denkgebäude vor jedem Windhau Zweifel zu schützen.

Deshalb, lieber Herr Freitag: Sie haben absolut recht, sie decken einen
Zusammenhang auf, der endlich der Wahrheit dient! Und genau darüber
sollten Sie sich doch nun von Herzen freuen (statt immer wütender zu
werden): Die bescheuerten Impfgegener-Neonazis-Aluhutträger aus Sachsen
und Thüringen, sie sterben aus, ganz von allein! Auch wenn in den
Krankenhausbetten inzwischen mehr Geimpfte als Ungeimpfte mit Corona
liegen und sich Geboosterte in ihren geschlossenen Veranstaltungen
untereinander anstecken: es wird in ein paar Monaten nur noch
Geboosterte, genesene Geimpfte und Gestorbene geben. Wer anderes
schwurbelt, verbreitet Verschwörungstheorien, die sich inzwischen sogar
in die Wochenberichte des RKI einschleichen: hier sollten Sie mal
investigativ eingreifen! Das wird nämlich gerade immer schlimmer!
(Ja, ich weiß, der Artikel stammt aus der Feder von R. Julke)

Ich ende mit eine Zitat aus Einsteins Munde: “Zwei Dinge sind für mich
unendlich: das Universum und die Dummheit der Menschen. Bei Ersterem bin
ich mir allerdings nicht so sicher.”

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