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Das Ausstellungsdesign auf der Festung Königstein: Vom Spiegelsaal bis zur Tarnbepflanzung

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    Die Reise in die Sächsische Schweiz ist vielleicht wieder nächstes Jahr drin. Aber träumen darf man ja. Und ein neues Buch macht das Reisen auch daheim im Lesesessel möglich und gibt schon einen Vorgeschmack für den Besuch auf dem Königstein, denn es würdigt das Ausstellungsdesign des Architekten Hans Dieter Schaal für die Festung Königstein in Sachsen.

    Mit einer Hoheit, der Weinprinzessin Anja aus Meißen, weihte die Festung Königstein im Mai 2011 in den Kellerräumen der Magdalenenburg eine Installation ein, die an das Riesenweinfass erinnert, das dort 1725 im Auftrag des sächsischen Kurfürsten, Augusts des Starken, eingebaut wurde. Sein Fassungsvermögen lag bei 238.000 Litern, 1819 wurde es abgebrochen.

    Wegen gravierender baulicher Veränderungen des Gebäudes im 19. Jahrhundert kam eine originale Rekonstruktion nicht in Betracht, Festungsdirektorin Dr. Angelika Taube aber wollte dennoch in angemessener Weise an das einst größte Weinfass der Welt erinnern.

    Sie beauftragte den in einem Dorf bei Ulm lebenden Architekten und Künstler Hans Dieter Schaal mit einer Reminiszenz an die barocke Handwerkskunst, die auf den Zwingerbaumeister Pöppelmann zurückgeht.

    „Ich hatte für meine Ideen vollkommen freie Hand“, erinnert sich Schaal, der bis heute als Gestalter von sechs Dauer- und zwölf Sonderausstellungen auf dem Königstein viel beachtete Spuren hinterlassen hat. Seine Rekonstruktion des Riesenweinfasses, gebaut von Männern des Filmstudios Babelsberg, ist ein Geniestreich. Sie besteht aus mehr als 12.000 leeren grünen Weinflaschen, von innen beleuchtet, gefasst in ein halbrundes Stahlkorsett und um eine Klangcollage des Komponisten Andreas Lehmann ergänzt.

    „Es ist die mir liebste Arbeit auf dem Königstein“, sagt Schaal und ergänzt nach kurzem Nachdenken: „Und eine meiner überzeugendsten überhaupt.“

    Der Riesenfasskeller ist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen, mit einer Verkostung sächsischer Weine. Ein guter Rebensaft indes könnte auch ein passender Begleiter sein, um in Schaals neuem Buch zu blättern, in dem sein grünes Wunderwerk eine zentrale Rolle spielt.

    „Festung Königstein – Ausstellungsdesign“ heißt der in der Edition Axel Menges erschienene Band, der Schaals Wirken auf dem Königstein in einer Weise zusammenfasst, dass die Dokumentation mit ihren großformatigen Fotografien, Grundrissen, Zeichnungen und Texten in Deutsch und Englisch selbst zu einem Kunstwerk gerät.

    Die Riesenfass-Installation auf der Festung Königstein. Foto: Matthias Hultsch/Festung Königstein gGmbH
    Die Riesenfass-Installation auf der Festung Königstein. Foto Matthias Hultsch / Festung Königstein gGmbH

    Schaal, 1943 in Ulm geboren, kommentiert und beschreibt seine Ausstellungen, erklärt seine Intentionen, die Schwierigkeiten bei der Umsetzung, aber auch den Findungsprozess mit der Mannschaft der Festung und den regen Gedankenaustausch insbesondere mit Geschäftsführerin Angelika Taube.

    Für sie ist Hans Dieter Schaal der „ideale Partner“, wie sie im Vorwort schreibt. Sein Interesse für historische Themen, seine Phantasie und Kreativität und sein inszenatorisches Geschick seien Garanten für attraktive Gestaltungen. Zudem kann Schaal auf einen reichen Erfahrungsschatz als Bühnenbildner zurückgreifen, er arbeitete für berühmte Opernhäuser und Theater unter anderem in Paris, Berlin, Zürich und Moskau.

    Legendär ist sein „Sprungturm“ für die Ruth-Berghaus-Inszenierung der Oper „Elektra“ von Richard Strauss, die 1986 an der Semperoper in Dresden herauskam, dort bis 2009 fast 80 Aufführungen erlebte und 2017 in Lyon rekonstruiert wurde. Über Dresden ist Schaal auf den Königstein gekommen, allerdings erst zehn Jahre später. Er hatte den Auftrag erhalten, ein Entwurfsgutachten für das Militärhistorische Museum zu entwickeln. In diesem Rahmen musste er auch die Außenstelle des Museums im Neuen Zeughaus auf der Festung besuchen.

    „Als ich die 45 Meter hohe Felswand mit den Sandsteinmauern das erste Mal sah, war ich überwältigt“, erinnert er sich. Dass er im folgenden Vierteljahrhundert mehr als 200-mal den Königstein besuchen wird, konnte Schaal zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.

    Eine beinahe raumgroße, über dem Fußboden schwebende Spiegelfläche als Kunstinstallation im großen Saal der Magdalenenburg, eingeweiht mit einer Tanzperformance von Schülerinnen und Schülern der Palucca-Schule, begründete 1998 die bis heute währende Zusammenarbeit mit der Festung.

    Dazu gehören als Wechselausstellungen unter anderem „50 Jahre Museum Festung Königstein“ (2005), „Sachsen und Napoleon – ein Pakt mit dem Teufel?“ (2013), „Jugendwerkhof Königstein 1949–1955“ (2019) und „Viel früher als gedacht! – Der Königstein in der Bronzezeit“ (2021). Von der nächsten, die Eröffnung ist für Ende April 2022 geplant, ist dem Buch eine Entwurfsskizze beigefügt, die erahnen lässt, dass Schaal auch mit 78 die Ideen nicht ausgehen.

    Hans Dieter Schaal: Festung Königstein – Ausstellungsdesign. Cover: Edition Axel Menges
    Hans Dieter Schaal: Festung Königstein – Ausstellungsdesign. Cover: Edition Axel Menges

    Was Schaal, der unter anderem auch für das Haus der Geschichte in Bonn, die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen oder das Jüdische Museum in Berlin tätig war, an der Gestaltung von Ausstellungen reizt, ist deren deutlich längere Standzeit als die von Bühnenbildern.

    Das gilt insbesondere natürlich für die Dauerausstellungen, die er auf dem Königstein inszenierte. Oft sind es Projekte, mit denen der Architekt über längere Zeiträume befasst war, wie das Alte Zeughaus (2018–2020), das Neue Zeughaus (2014–2020), das Brunnenhaus (2015–2018) oder die Johann-Georgenburg (2015–2021).

    Zehn Jahre lang, von 2006 bis 2015, arbeitete Schaal an seinem Hauptwerk auf dem Königstein. Es befindet sich in dreißig Räumen auf 1.200 Quadratmetern Grundfläche im Torhaus und beleuchtet unter dem Titel „IN LAPIDE REGIS – Auf dem Stein des Königs“ 800 Jahre Leben auf dem Königstein.

    Schaal widmet der Ausstellung das längste Kapitel in seinem Buch und beschreibt die Schwierigkeiten, die historischen Themen dramaturgisch einleuchtend in die einstigen Wohnungen auf zwei Etagen einzufügen. Es ist ihm und allen Mitwirkenden, die er im Anhang namentlich aufführt, überzeugend gelungen.

    „Der Königstein ist für mich nicht eines von vielen Projekten, sondern ein wesentliches“, sagt Hans Dieter Schaal. Heutzutage sei es ungewöhnlich, über einen so langen Zeitraum mit so hohem Qualitätsanspruch für ein Haus oder Museum arbeiten zu dürfen. Im nächsten Jahr wird er für den Königstein erstmals eine Ausstellung sowohl drinnen als auch draußen einrichten, sie trägt den

    Arbeitstitel: „Zwischen Möhrenbeet und Tarnbepflanzung – Facetten des Festungsgrüns auf dem Königstein.“ Vielleicht findet er Zeit für eine Pause an seinem grünen Riesenweinfass – bei einem Gläschen Riesling aus dem Elbtal.

    Hans Dieter Schaal, „Festung Königstein – Ausstellungsdesign“, deutsch und englisch, 84 Seiten, reich bebildert, Edition Axel Menges Stuttgart/London, 2021, Preis: 29,90 Euro.

    Erhältlich im Online-Museumsshop der Festung Königstein unter www.festung-koenigstein.de

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