Schwarwels Fenster zur Welt: Schwarz-Weiß

"Du hast den Farbfilm vergessen." Ob Nina wusste, wie aktuell die Zeilen mal wieder werden würden? Ob Kurt Demmler und Michael Heubach damals genau das meinten, was man ostelbisch zwischen den Zeilen hörte? Wer weiß es schon und Nina heute danach fragen? Lieber nicht - längst wandelt die ehemalige Ostlolita mit Rammstein und Jesus gemeinsam übern See. Ganz ohne hölzerne Wurzel. Da sieht man wie sich Menschen so im Laufe der Zeit ändern. Wie bunt so ein Leben ist. Wenn man den Farbfilm hinterm Okular hat.
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„Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee“. Mutti wird ihn kennen, Gysi auch, die meisten grauen Männer westelbischer Geburt eher nicht. Nicht jeder durfte den Sanddorn sehen, mancher erfuhr von der Existenz des kleinen göttlichen Eilands Hiddensee erst nach der Kehre, doch die Promis des Ostens kannten es. Und den Sanddorn, die Vitaminbombe am Strauch – seltsamerweise gern mit Hochprozentigem gestreckt, damit’s nicht gleich zu gesund wird.

Gut, die FDJ-Sekretärin war noch kein Promi, der fleißige Gregor gerade auf dem Weg dahin. Beide mit Vätern im Hintergrund, die den Weg vorzeichneten – die Ost-Karrieren liefen bereits bestens.

„Micha, mein Micha, und alles tat so weh, die Kaninchen scheu schauten aus dem Bau, so laut entlud sich mein Leid in’s Himmelblau“ Ja, weh getan hat so manches. Wenn im Haus herumgefragt wurde, ob sich die Familie konform verhält. Wenn Achtklässler im Einzelgespräch kundtun sollten, ob sie ihrem Land in der NVA dienen wollen. Wenn beim Hinterhoffest der ganz persönliche IM mitten in der Runde saß. Und ein paar zuviel aufnotierte Zeilen dem sozialistischen Erziehungsziel entgegenstanden und man sich in der Schlosserlehre statt auf der EOS (erweiterte Oberschule / Begriffserläuterung für westelbisch Dummgebliebene) wiederfand.

Mutti und Gregor haben das Ziel beide schon vor 89 mit Bestnoten erreicht. Mutti muss sich mit diesem Teil ihrer persönlichen Geschichte nicht mehr befassen – Freispruch durch CDU-Beitritt, heute Kanzlerin mit Generalamnestie. Gregor muss eher aufpassen, wann er welche eidesstattliche Erklärung abgibt und welche westelbischen Juristen sich wann dafür interessieren. Und warum.

„So böse stapfte mein nackter Fuß den Sand, und schlug ich von meiner Schulter deine Hand, Micha, mein Micha, und alles tat so weh, tu das noch einmal, Micha und ich geh.“

Wer resolut war, ging. Wohin, wusste der Resolute zwar auch nicht so genau – aber aus heutiger Sicht bewies er angeblich Mut. Die angeblich Feigen blieben, auch wenn es manchmal mutiger war zu bleiben. Mutti und Gregor sind also feige, aber ehrgeizig. Gegangen sind beide nicht, Anpassung ist eine lockende Alternative, bis heute übrigens und immer schon.

„Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael, nun glaubt uns kein Mensch wie schön’s hier war ha ha ha, Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel‘, alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr.“

War es schön? Nun für Robert Havemann, Rudolf Bahro und Co. sicher auch eine Zeit lang. Bis ihre Gedanken zu frei wurden und sie „das System“ bestrafte. Havemann erlebte das übrigens zweimal – aber das interessiert DDR-Fixierte nicht. Sie halten es eben lieber mit der Debattenkultur heutiger Tage – wo die Kauders, Söders und Gröhes dieser Welt Allgemeinplätze in die Welt und die angeschlossenen Sofortübernahmemedien rülpsen. Apparatschiks wie ehedem mit ähnlichem Verfallsdatum in der Geschichte.

Ich hab da auch einen freien Gedanken. Wir werden im Namen des Fortschrittes ausgeplündert, niedergehalten, weggeredet und ruiniert. Im Namen der Gier, der persönlichen Bereicherung weniger auf dem Rücken aller und dies heute wie einst sauber gewürzt mit einem Versprechen: Dass ein jeder aufsteigen kann in den Himmel derer, die nur skrupellos genug sein müssen, eben jenes immer gleiche „System“ nicht nur verstanden zu haben, sondern auch nach diesen Regeln zu „spielen“.

„Landschaft und Nina und alles nur schwarzweiß.“ Eigentlich steht alles schon geschrieben.

(Dank an Michael Heubach und Kurt Demmler für die Zeilen aus dem Lied: Ihr seid genauso feige wie ich.)

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