Unzählige Touristen bestaunen Jahr für Jahr Schloss Hartenfels in Torgau. Insbesondere der Schlosshof mit dem Großen Wendelstein vermittelt einen bleibenden Eindruck von der kurfürstlichen Pracht des 16. Jahrhunderts – zumindest äußerlich, denn die Innenräume wurden im Laufe der Zeit immer wieder umgebaut, renoviert und unterschiedlich genutzt. Doch restauratorische Untersuchungen im Flügel C haben jetzt beeindruckende Zeugnisse des ursprünglichen Zustands zutage gefördert.
In der Nachbarschaft des heute von Nordsachsens Landrat Kai Emanuel genutzten Büros legte Diplom-Restauratorin Nadja Kühne Ausschnitte von zwei Wandmalereien frei, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Wittenberger Cranach-Werkstatt zurückgehen. Beide Funde sind erstaunlich gut erhalten.
Während der eine – in nach 500 Jahren noch immer strahlende Farben eingebettet – einen Drachen zeigt, sind im anderen zwei Gesichter mit Blattmasken sowie Ornamente und Schriftzeichen zu sehen. „Der Erhaltungszustand ist so gut, dass man noch erkennen kann, wie der Künstler die einzelnen Pinselstriche geführt hat“, sagt Nadja Kühne.
Weil der Untergrund der Malereien sehr uneben sei, habe jeder Strich auf den Punkt sitzen müssen, so die Restauratorin. Ihre Schlussfolgerung: „Das muss ein Meister gewesen sein.“ Die finale Bestätigung, dass dieser Meister Lucas Cranach gewesen ist, steht noch aus. Die Vermutung liegt allerdings nahe, da die kursächsischen Schlösser zu den Arbeitsschwerpunkten der Wittenberger Cranach-Werkstatt gehörten.
Die Spiegelstube auf dem Großen Wendelstein zum Beispiel wurde nachweislich von ihr gestaltet. Außerdem nutzte „Meister Lux“, wie Lucas Cranach in den Inventaren und Rechnungen genannt wird, in den 1530er- und 1540er-Jahren offenbar ein Gemach im Bereich des stadtseitigen Torhauses am Bärengraben.
Dass die Wandmalereien nach 500 Jahren noch in dieser hohen Qualität vorhanden sind, gilt als Glücksfall. Die zum Schlosshof gerichteten Wände wurden von den Umbauten der Festungszeit verschont. Zudem befinden sich die Funde knapp unterhalb der sehr hohen Zimmerdecken. Dort konnten die Maler- und Putzarbeiten während der unterschiedlichen Nutzungsperioden offenbar weniger intensiv auf die Substanz einwirken.
Der Rest obliegt dem handwerklichen Geschick von Nadja Kühne. Mit Hilfe von Lupenbrille, Skalpell und professioneller Geduld schält sie sich Millimeter für Millimeter durch die Spuren der Zeit, bis die Urfassung freiliegt.
Gut möglich, dass die Mauern des Torgauer Schlosses in nächster Zeit noch weitere Überraschungen preisgeben. Dank bereits ausgereichter und avisierter Fördermittel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Freistaates Sachsen können die Untersuchungen weiter vorangetrieben werden.






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