Konrad Riedels Kritik saß: Als am 5. August die neue "Verteilerebene" eröffnet wurde, die künftig die Kleinen Willy-Brandt-Platz, die LVB-Haltestelle Hauptbahnhof, den Hauptbahnhof mit seinen Promenaden Hauptbahnhof und die unterirdische S-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof verbinden soll, kritisierte er die Unmöglichkeit, von der "Verteilerebene" barrierefrei zur Hauptbahnhofseite zu gelangen.

Mancher Leser argumentierte dann auch damit, dass die “Verteilerebene” an dieser Stelle – unterbrochen durch neun Stufen – ja “nur” die Promenaden direkt anbinden würde. Aber tatsächlich ersetzt die “Verteilerebene” auch den bisherigen Fußgängertunnel, der auch nicht barrierefrei war. Bei Neubauprojekten solcher Art sind aber alle Bauherren – egal ob öffentliche oder private – per Gesetz dazu verpflichtet, weitgehende Barrierefreiheit herzustellen. Nur irgendwie scheint man da bei den Planungen an dieser Stelle irgendwo mit den Schultern gezuckt zu haben.

Am Donnerstag, 8. August, griff Konrad Riedel, der Mitglied im Seniorenbeirat der Stadt ist und für die CDU im Stadtrat sitzt, zum Telefon und rief den zuständigen Minister in Dresden persönlich an. Danach resümierte er: “Staatsminister Morlok persönlich erläuterte mir heute am Telefon, dass die nicht nur von mir kritisierte nicht barrierefreie Strecke der Fußgänger-Unterführung zum Hauptbahnhof nicht Sache der Bahn ist, sondern von der Stadt Leipzig so bestellt, bezahlt und abgenommen wurde.”

Die Stadt Leipzig hat über 3 Millionen Euro für die “Verteilerebene” zugeschossen. Denn de facto ist die Herstellung einer direkten Fußgängerunterführung vom Kleinen-Willy-Brandt-Platz zum Hauptbahnhof (auch wenn als große Werbung “Promenaden Hauptbahnhof” über dem Treppenzugang steht) eine öffentliche Investitionsmaßnahme. Sie muss also auch den dafür geltenden Regeln unterliegen. Nur ist die aktuelle Planungsbürgermeisterin der Stadt Leipzig, Dorothee Dubrau, die am 1. August ihr Amt antrat, nicht wirklich die Verantwortliche. Da scheinen einige ihrer Vorgänger im Amt beide Augen zugedrückt oder gar nicht erst hingeschaut zu haben. Sind doch genug Aufzüge da, was will man also?

Riedel ärgert so etwas nur: “Nun ist dies erklärt, aber das nützt den Betroffenen leider gar nichts. Unverständlich ist, dass die Bahn gar nicht an einem barrierefreien Weg interessiert gewesen ist von und zu den Fahrkartenschaltern oder von den Geschäften zu den Zügen. Fakt ist vor allem, dass gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten wurden, und dieser Mangel muss umgehend beseitigt werden. Und das wohl in Verantwortung und auf Kosten der Stadt, wenn das Baudezernat bewusst neue Bauwerke nicht barrierefrei ‘bestellt’ hat.”

Die neunstufige Treppe, die behinderte Menschen an einem direkten Durchgang zum Untergeschoss des Hauptbahnhofs hindern, waren dann am 5. August bei der Einweihung der “Verteilerebene” nicht mehr zu übersehen.

Konrad Riedel: “Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht und ist bei Neubauten zwingend – übrigens auch nach Sächsischen Baugesetzbuch (!), was wir bei Stadthafen und Schleuse schon monieren mussten – einzuhalten. Für die Stadt Leipzig hat der Ex-OB Tiefensee das Abkommen von Barcelona zur Barrierefreiheit plus Integrationsgesetz unterzeichnet. Die Unterschrift eines Leipziger OB ist für die Stadtverwaltung aber wohl nicht mehr wert als eine Sonntagsrede.”

Oder anders formuliert: Das Selbstverständliche wird zwar in Sonntagsreden immer wieder beschworen, im alltäglichen Verwaltungshandeln aber nicht umgesetzt. Und das betrifft eben beim Thema Barrierefreiheit nicht nur körperlich behinderte Menschen, sondern auch junge Familien mit Kinderwagen, Senioren mit Rollatoren, selbst Reisende mit schwerem Gepäck.

“Vor solchen Verträgen und dem Gesetz sind jedoch alle gleich – die Stadt und auch Behinderte”, betont Riedel. “Deshalb bat ich Minister Morlok, den Landesbehindertenbeauftragten über diesen Vorgang zu unterrichten und die Lösung dieses Probleme zu unterstützen.”

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar