Die Kritik an den Äußerungen Bettina Kudlas (CDU) zum Standort der ab Ende 2015 geplanten Leipziger Erstaufnahmeeinrichtung an der Max-Liebermann-Straße reißt nicht ab. Nach Linken, Grünen und Piraten hat sich nun auch jemand zu Wort gemeldet, der derzeit eher Seit an Seit mit der CDU im Bund schreitet. Nun versucht Wolfgang Tiefensee (SPD) es nach "fremdenfeindlich" seitens der Grünen mit dem Titel: "Leipzigs unbarmherzige Christdemokratin".

In einer Mitteilung Wolfgang Tiefensees (SPD) unter dieser Überschrift heißt es: “Mit ihrer Kritik an einer Flüchtlingsunterkunft im Leipziger Norden macht Bettina Kudla deutlich, wie viel ihr das ‘Christliche’ im Namen ihrer Partei bedeutet: Nichts.”

Ob dem so ist, kann man nicht sagen. Aber das “Not in my backyard”-Syndrom könnte es schon sein, welches immer so unerbittlich seine Furchen reißt, wenn Gesprochenes zur Tat werden soll. Christliche Nächstenliebe hingegen kann sich auch in einem “denen geht es doch zu Hause viel besser” manifestieren. Die Spielarten in solchen Debatten sind breit, doch Wolfgang Tiefensee ist spürbar erbost über die scheinbare Auslegung Bettina Kudlas.

“Indem sie die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft mit dem angeblich dadurch drohenden Niedergang eines Stadtteils verknüpft, stigmatisiert sie diejenigen, die eigentlich am dringendsten christlicher Barmherzigkeit bedürften.” Dabei sei laut Tiefensee Frau Kudlas Ansicht in mehrfacher Hinsicht skandalös: “Zum einen ist diese Haltung einer alten Volkspartei unwürdig, die für sich bis heute (wie redlich oder erfolgreich auch immer) in Anspruch nimmt, trotz schwindender konfessioneller Bindungen christliche Wählerschichten anzusprechen und christliche Werte in aktuelle Politik zu übersetzen.”

Nach freundlichem Miteinander in den Fluren des Bundestages klingt das nicht gerade. Eine weitere Interpretation zum Sinn oder Unsinn Kudlas Äußerungen folgt in Stufe 2: “Weiter bedeuten Frau Kudlas Äußerungen auch übersetzt: Die Bürgerinnen und Bürger in attraktiveren Stadtteilen sollten vor den tatsächlichen oder gefühlten Beeinträchtigungen durch ein neues Flüchtlingsheim möglichst verschont bleiben. Für Frau Kudla sind offenbar manche Leipzigerinnen und Leipziger gleicher als andere.”

Hier muss man kurz Stopp rufen und eine Frage hinterher: War das nicht schon immer das Privileg derer, die mehr hatten als Andere? Das ist das Problem mit der Moral und dem Fressen. Satt macht die eine nicht und vom dem anderen scheinen manche nicht genug zu bekommen – auch wenn es ebenso wenig “satt” macht. Abgeben ist schwer vermittelbar in einer Gesellschaft voller Ellenbogen. Dennoch gab es bereits ernst gemeinte Vorschläge von Bürgern aus Connewitz und Plagwitz, doch bitte da die Erstunterkunft einzurichten. Leider scheint der Freistaat dort jedoch keine Flächen zu finden.

Wolfgang Tiefensee endet mit seinem Hinweis: “Der eigentliche Skandal ist aber, dass Frau Kudla mit ihren Äußerungen zu erkennen gibt, dass sie Flüchtlinge für ein Übel und städtisches Ärgernis hält, die als vermeintliche Menschen zweiter Klasse einen ganzen Stadtteil abwerten.”

Nachtrag (Tiefensees): “Nach Art. 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen ist das Asylrecht ein Menschenrecht. Und die Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind Menschen. Sie verdienen Respekt, Aufmerksamkeit und vor allem unsere Hilfe.”

Womit man wieder bei der Nächstenliebe angelangt wäre.
Die Kritik von Wolfgang Tiefensee als PDF zum download.

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