Das Thema alternatives Wohnen ploppt jetzt gleich in mehreren Bereichen der Stadt auf. Die Chance, alternative Wohnformen ernsthaft zu diskutieren, hatte Leipzig in den vergangen 20 Jahren immer wieder - hat sich aber immer wieder gedrückt, beim Thema autofreies Wohnen genauso wie beim Thema Wagensiedlung. Doch jetzt, da das Bevölkerungswachstum auch die Bautätigkeit befeuert, beginnen Freiräume zu schrumpfen. Die Akteure werden nun selbst aktiv.

Am Samstag, 24. Mai, hat sich die Gruppe Trailerpark mit vielen Unterstützern, Wohnwägen und Zelten auf den Weg gemacht, um auf die ungenutzte Brachfläche in der Schulze-Delitzsch-Straße im Leipziger Osten zu ziehen. Diese Brachfläche rückte 2010 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als die Stadt hier die Vision eines Stadtteilparks entwickelte. Auch eine Kindertagesstätte sollte hier entscheiden – Fertigstellung bis 2013. Deren Fundamente kann man bewundern. Ansonsten ist nichts passiert.

“Wir sind eine Gruppe von Menschen, die sich zusammengefunden hat, um eine Brachfläche im Leipziger Osten zu besetzen und dort kollektiv in Wägen zu leben, draußen und trotzdem zentral in der Stadt. Wir wollen dieses Leben kollektiv gestalten, das meint das Wohnen genauso wie das Arbeiten ohne Lohnarbeitszwang: politisch, künstlerisch und sozial”, teilt die Gruppe von Wagenbewohnern mit. “Wir wollen einen Ort abseits von prekären Mietverhältnissen schaffen, wo wir und andere Menschen es sich leisten können, hierarchiefrei und losgelöst von herrschenden Mechanismen wie Sexismus, Rassismus, Homophobie und anderen Diskriminierungen miteinander umzugehen. Wir wollen einen Ort der gleichzeitig Lebensraum, Arbeitsraum, Gestaltungsraum, Spielraum, Schutzraum sein kann, und genauso privat wie öffentlich ist.”

Also alternatives Wohnen in der ganzen Breite. Doch die Freiräume in Leipzig schrumpfen. Großflächig wechseln alte Brachen ihre Besitzer, die damit natürlich eher teuren Wohnungs- und Gewerbebau vorhaben als die Schaffung alternativer Wohninseln.

So sieht es auch die Gruppe Trailerpark: “Die Situation von im Wagen lebenden Menschen in Leipzig ist nach wie vor äußerst prekär: Die bestehenden Wagenplätze sind überfüllt oder befinden sich in empfindlichen Schwebezuständen. Während die einen überteuerte Mieten zahlen, um nicht zu wissen, wie lange ihr Vertrag noch laufen wird, sind andere geduldet. Akut ist auch der Wagenplatz Focke80 von der derzeitigen Stadtentwicklung betroffen: das Liegenschaftsamt plant den Abriss von Gebäuden und die Entsiegelung des Geländes. Wie die weitere Nutzung durch die Bewohner_innen aussehen kann, ist noch unklar. Aus den Erfahrungen anderer Gruppen wissen wir, dass es mehr als schwierig ist als neu entstehender Wagenplatz eine geeignete Fläche zu finden, auf der sich dauerhaft leben lässt. Anfragen sowohl bei privaten Personen als auch bei städtischen Behörden bleiben unerhört und ergebnislos. So sind wir selbst auf die Suche gegangen und haben uns entschlossen, auf diese Fläche zu ziehen.”

Der Leipziger Osten hat noch viele Freiflächen und Leerstand. Doch das, was einige Medien derzeit als “Hypezig” anpreisen, kommt auch hier an. In einer Phase des Grundstücks- und Immobilienausverkaufs sind viele Bestände an professionelle und private Immobilienverwerter gegangen. Auch die Stadt hat sich nicht mit Grundstücken eingedeckt, die nun zu fehlen beginnen, wenn neue Orte für Schulen und Kindertagesstätte gesucht werden. Die Stadtratsfraktionen mahnen zwar eine strategische Flächenbevorratung an – aber als das große Kaufen begann, verkaufte Leipzig lieber, um den Haushalt zu sanieren. Die große Vision einer Stadt, die auch Freiräume braucht, fand auf Verwaltungsebene nicht statt.

Die punktuell anziehenden Mieten machen nicht nur den betroffenen Mietern Angst.
“Raum, der konsumfrei, unkommerziell und unabhängig von Verwertungslogik genutzt werden kann, gibt es hier – so wie überall anders – viel zu wenig”, stellt die Gruppe Trailerpark fest. “Gerade im Osten von Leipzig leben jedoch viele Menschen am Existenzminimum, viele davon unfreiwillig. Egal ob sich diese bewusst dazu entschieden haben, ohne viel Geld auszukommen oder dazu gezwungen sind, werden sie nach und nach aus dem Viertel verschwinden müssen. Die Rede von den Freiräumen, mit denen sich die Stadt gerade europaweit einen Namen macht, bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn sie Freiräume für wenige bleiben; oder Freiräume für kurze Verschnaufpausen im täglichen Kampf um ein paar Krümel vom Kuchen.

Diesen kritischen Umständen möchten wir mit unserer Besetzung etwas entgegensetzen! Räume, die sich den Mechanismen der Leistungsgesellschaft entziehen und nicht konsumorientiert sind, sind wichtig für eine lebendige Stadt. Wir wollen Impulse zur kreativen statt passiven Mitgestaltung der Stadt geben.

Wir laden die Menschen aus der Nachbarschaft und der weiteren Umgebung ein, hier einen Raum zu finden, der Möglichkeiten für Alternativen schafft. Dafür wollen wir zum Beispiel offene Werkstätten, einen gemeinschaftlichen Hochbeetgarten, ein Recycling-Materiallager aufbauen. Außerdem werden wir Film- und Theatervorstellungen, Infoveranstaltungen, Workshops organisieren.”

Am Samstag, 24. Mai, zog die Gruppe auf die Fläche an der Schulze-Delitzsch-Straße. In den Folgetagen wurde eine Infrastruktur, d. h. mit Toilette, Freiküche und “Wohnzimmer”, aufgebaut. Am Wochenende kamen dann schon viele Besucher, um sich an der Aktion zu beteiligen und mit den Wagenbewohnern die Fläche zu genießen. Man saß am Lagerfeuer, es gab Musik und Essen für alle.

Am Dienstag, 27. Mai, nahmen drei Mitarbeiter der Eigentümerin, der DB Netz AG, Kontakt zu der Gruppe auf und kamen zu diesem Anlass persönlich in Begleitung der Polizei vorbei. Nach einer Begehung des Geländes wurde auf eine Zwangsräumung verzichtet. Die DB sprach eine Duldung aus, die an folgende Bedingungen geknüpft ist:

– Der Platz im aktuellen Zustand wird geduldet. Das Hausrecht für das Areal liegt weiterhin bei der Grundstückseigentümerin, der DB Netz AG, die jederzeit angekündigt das Gebiet betreten kann. Der Ist-Zustand wird in regelmäßigen Abständen von der DB-eigenen Sicherheitsfirma kontrolliert.

– Die Gruppe verpflichtet sich selbst, auf eigene Sicherheit zu achten.

– Aus Sicherheitsgründen werden die Gebäude auf der Fläche von der DB Netz-AG gesichert.

In einem Telefonat am Mittwoch, 28. Mai, wurde die am Tag zuvor getroffene Vereinbarung von der DB Netz AG nun bereits wieder infrage gestellt, womit die Gruppe Trailerpark wieder von einer Räumung bedroht ist.

So schnell werden Absprachen obsolet. Auch weil die Stadt selbst über eine vage Duldung solcher Wohnformen bislang nicht hinaus kommt.

Also haben die Mitglieder der Gruppe Trailerpark eine Forderung an die Stadt formuliert: “Wir fordern die Stadt Leipzig auf, umgehend mit der DB Netz AG und uns in Verhandlungen zu treten, um gemeinsam eine Lösung für die zukünftige Nutzung der Brachfläche durch die Gruppe Trailerpark zu finden. Wir fordern das Gelände in der Schulze-Delitzsch-Straße mietfrei und dauerhaft nutzen zu können. Alle Mitstreiter_innen, Nachbar_innen sind herzlich willkommen.

Wir fordern Toleranz und Unterstützung! Die Stadt sind wir alle! Wir sind hier. Wir sind nicht allein.”

Demonstration am Samstag

Da da das Thema Freiräume an mehreren Stellen in der Stadt akut wird, haben die Betroffenen am heutigen Samstag, 31. Mai, zu einer Demonstration unter dem Motto “Recht auf Stadt – Freiräume statt Investorenträume” aufgerufen. Diese Demonstration startet um 16 Uhr auf dem Augustusplatz und führt durch die Innenstadt bis schließlich zum Südplatz – mit Beiträgen rund um das Thema Stadtentwicklung/Gentrifizierung von verschiedenen selbstverwalteten Projekten aus Leipzig, Musik sowie unterschiedliche Aktionen/Performances.
Der Aufruf zur Demonstration als PDF zum download.

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