Mit Naturschutz hat der Forstwirtschaftsplan nichts zu tun

NuKLA appelliert mit einer Petition an den OBM, die Zerstörung des Leipziger Auenwaldes zu stoppen

Für alle LeserWas bleibt am Ende anderes als ein Appell an den Leipziger Oberbürgermeister, die Zerstörung des Auenwaldes zu stoppen? Denn was die Stadt jetzt mit dem neuen Forstwirtschaftsplan vorgelegt hat, bedeutet – genauso wie 2018 – einen massiven Eingriff in das Natura-2000-Gebiet Leipziger Auensystem. In einem kurzen Video bringt Deutschlands bekanntester Förster Peter Wohlleben die Schizophrenie des Leipziger Vorgehens auf den Punkt.

Denn spätestens mit den beiden Dürresommern 2018/2019 ist klar, dass auch die deutschen Wälder unter den Klimaveränderungen leiden. Und dass vor allem Wälder sich als robuster erwiesen haben, die noch eine naturnahe Laubbaumzusammensetzung haben und vor allem an ihren Standort angepasst sind. So wie das beim Leipziger Auenwald noch der Fall ist, auch wenn ihm seit rund 100 Jahren das Wasser fehlt.

Aber noch weist das Leipziger Auensystem seine auentypische Baumartenzusammensetzug auf, ist sogar eines der größten noch existierenden Auwaldsysteme in Deutschland, was dazu führte, dass es im Jahr 2012 einen wichtigen europäischen Schutzstatus als Fauna-Flora-Habitat bekam.

Was eigentlich im Leipziger Umweltdezernat zum Umschalten hätte führen müssen. Denn dieser FFH-Schutzstatus verbietet jede Verschlechterung am Zustand der geschützten Arten und Biotope.

Aber das Leipziger Umweltdezernat hat nicht umgeschaltet, sondern einfach weitergemacht, auch dieses FFH-Gebiet als bloßen Stadtwald zu betrachten. Was auch 2015 deutlich wurde, als sich das Dezernat vom Stadtrat die Forsteinrichtung bestätigen ließ. Die Forsteinrichtung bestimmt allein die forstwirtschaftliche Bearbeitung des Stadtwaldes. Nichts anderes.

Was die Leipziger ja dann 2018 selbst erleben durften, als auf einmal an hunderten Auwaldbäumen lauter bunte Zeichen auftauchen, die einen von den Leipziger Stadtförstern aufgetragen, die anderen von Mitgliedern verschiedener Naturschutzvereine, die manchmal auch ein §-Zeichen an den Stamm malten. Denn dann war auf diesem Baum eine der seltenen Tierarten nachweisbar, die im FFH-Gebiet unter besonderem Schutz stehen. Der Baum darf nicht gefällt werden.

Tatsächlich darf auch in der Nähe keine Baumfällung erfolgen, denn die Tierart zeigt ja nur an, dass hier ein wichtiges, artenreiches Biotop ist, von dem diese Tierart nur ein wichtiger Bestandteil ist. Im FFH-Gebiet sind nicht einzelne Tierarten geschützt, sondern ihr kompletter Lebensraum.

Doch darauf haben die Leipziger Forsteinrichtungen seit 20 Jahren keine Rücksicht genommen. Damals entwickelte die Verwaltung jenes seltsame Planwerk, das vorsieht, den kompletten Leipziger Auenwald binnen 300 Jahren umzubauen. So, wie es Stadtförster Andreas Sickert am Freitag, 8. November, schilderte: Jedes Jahr mindestens einen Hektar Wald auslichten und auf der frei geschlagenen Fläche die Bäume pflanzen, die – aus Sicht der Verwaltung – die richtige Baumzusammensetzung für die Aue sind. 40 Prozent Stieleiche sollen es einmal sein, aktuell sind es 21 Prozent, sagte Sickert. Und sprach auch von einem Erfolg seiner Waldstrategie.

21 Prozent? Das ist kein Erfolg. 2015, als der Stadtrat die fortgeschriebene Forsteinrichtung beschloss, waren es noch über 22 Prozent, genauer: 22,4 Prozent. Entsprechend deutliche Worte findet Peter Wohlleben für das, was in Leipzig passiert: „Geht’s noch? Ihr hackt alte Bäume ab, um Wald zu verjüngen? Waldverjüngung, das muss man ganz klar sagen, ist in diesem Fall ein Synonym für Waldzerstörung.“

Zum Video von Peter Wohlleben auf Facebook

 

Laubholzeinschlag als Minusgeschäft

Gepostet von Peter Wohlleben am Samstag, 9. November 2019

Aber was wird mit den ganzen Zeichen an den Bäumen? Die sind ja nicht willkürlich aufgetragen, sondern zeigen an, dass an diesem Baum mindestens eine der streng geschützten Tier- und Insektenarten gefunden wurde. Sie sind nachweislich da. Nicht nur in der Burgaue oder im kleinen Eichenwald am Cospudener See, wo die Abteilung Stadtforsten unbedingt neue Femellöcher anlegen möchte.

Das betrifft auch das Waldgebiet Nonne, wo viele Leipziger regelmäßig mit Hund, Kinderwagen oder zum Joggen unterwegs sind. Hier sollen 2.315 Festmeter Holz eingeschlagen werden. „Altdurchforstung“ nennt es die Stadt. Das heißt: Hier sollen an die 1.000 ältere Bäume gefällt werden und aus dem dicht gewachsenen Waldgebiet soll ein aufgelichteter Wald gemacht werden – mit folgerichtig großen Löchern im Blätterdach.

Viele Tierarten – zum Beispiel die diversen hier heimischen Fledermausarten – aber brauchen ein dichtes Kronendach. Und in diesem Waldgebiet stehen zahlreiche Biotopbäume. Und mittlerweile sind auch an vier Bäumen die seltenen und geschützten Eremiten nachgewiesen. In einem Waldgebiet, in dem die Stadt noch immer davon ausgeht, dass es sie hier gar nicht gibt.

Aber das hängt mit der Untersuchung des FFH-Gebietes zusammen, die großflächig niemals stattgefunden hat. Auch die von der Verwaltung ins Spiel gebrachten Experten kommen stets nur punktuell zum Einsatz. Die Stadt geht mit dem Leipziger Auensystem nicht um wie mit einem streng geschützten FFH-Gebiet. Bis heute gibt es den versprochenen Auenwaldmanager nicht.

Der Eremit im Rosental.

Zu Recht kritisiert der NuKLA e. V.: „Ohne im Detail im Einzelnen weiter darauf einzugehen, bleibt grundsätzlich festzustellen, dass es keine rechtskonforme öffentliche Einbeziehung der anerkannten Naturschutzverbände gegeben hat, die Forstwirtschaftspläne von Leipzig nicht nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen erstellt und umgesetzt werden und das Abholzen naturnaher Laubholzbestände zum Zwecke der Nachpflanzung von Forstpflanzgut weder mit dem Naturschutzgedanken noch der Zielstellung einer klimagerechten Wirtschaftsweise entspricht. Insbesondere vermissen wir in der gesamten Forstwirtschaftsplanung der Stadt Leipzig eine komplexe Herangehensweise zur Umsetzung ökologischer Belange, stattdessen herrscht individualistisches Klein Klein von Fachexperten (und solchen die sich dafür halten), welches die Störungs- und Nutzungsarmut als wertgebende Faktoren des Waldökosystems massiv behindert.“

Um die Zerstörung des Auenwaldes zu bremsen, hat der NuKLA e. V. eine Petition gestartet.

Darin heißt es unter anderem: „Der Leipziger Auwald ist einer der bedeutendsten Auwälder in Europa. Er zieht sich mitten durch eine wachsende Großstadt und ist gleich mehrfach geschützt. Als Naturschutzgebiet (NSG), Landschaftsschutzgebiet (LSG), als NATURA2000- und/oder Vogelschutzgebiet. Doch wirklich geschützt ist der Auwald dadurch nicht wie die massiven Baumfällungen der Vergangenheit und vor allem diejenigen, die geplant sind, zeigen. Seine großen alten Bäume sind gerade in Zeiten des Klimawandels unverzichtbar. Seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts wird zunehmend mit forstwirtschaftlichen Arbeiten in die alte Baumsubstanz eingegriffen. Auch im Winter 2019/20 sollen wieder insgesamt mehr als 11.000 Festmeter Holz eingeschlagen werden.“

Wobei ergänzt werden muss: Im FFH-Gebiet Leipziger Auenwald geht es um 7.500 Festmeter, die eingeschlagen werden soll. Das sind rund 2.000 Bäume. Der Leipziger Stadtrat täte gut daran, diesen Forstwirtschaftsplan nicht zu genehmigen und die Forsteinrichtung komplett auszusetzen.

Die übrigens nichts mit dem Landschaftsschutz zu tun hat, sondern eine reine forstwirtschaftliche Rahmensetzung ist, die lediglich mit der Obersten Forstbehörde Sachsens abgestimmt werden muss. Also eine Art Rahmenbetriebsplan.

Für das sowieso schon massiv gestörte Leipziger Auensystem ist diese Art Waldbewirtschaftung ein Eingriff in die lebende Substanz.

Der Eremit als Zeiger-Insekt für das FFH-Gebiet wurde übrigens auch 2016 schon im Rosental gefunden. Was keine Überraschung ist: Natürlich stellt sich in einem solchen Wald mit der Zeit die typische Artenzusammensetzung für den Auenwald ein. Normalerweise müsste deshalb jedes einzelne Waldstück von Sachkundigen begangen und jeder Baum einzeln begutachtet werden.

In wirklich nachhaltig bewirtschafteten Wäldern wird deshalb auch nicht so rücksichtslos eingegriffen wie in Leipzig. Dort werden nur einzelne, gut gewachsene Bäume herausgeholt – so wie in Lübeck. Da diese Bäume aber vorher schon zu einem guten Preis verkauft wurden, machen die dortigen Förster kein Minus. Weshalb auch Peter Wohlleben über die Leipziger Waldpraxis nur den Kopf schüttelt: Da werden tausende Festmeter Holz aus einem gesunden Wald geholt und dann auf dem Holzmarkt regelrecht verramscht. Da bleiben auch ihm nur die Worte weg.

Der Forstwirtschaftsplan geht jetzt in den Stadtrat

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