Das Lübecker Modell – ein Vorbild für Wälder in Deutschland und Europa

Für alle LeserWenn der vor wenigen Wochen zur Abstimmung vorgelegte Forstwirtschaftsplan für den Auwald Leipzig in Kraft treten sollte, werden im kommenden Winter allein im Waldgebiet der „Nonne“ 2.295 Festmeter eingeschlagen werden. Eine solche Menge an Holz kommt nicht allein durch die Entnahme junger Bäumchen zustande, es ist absehbar, dass es vielen Starkbäumen ans Leben geht.

Im Forstwirtschaftsplan ist auch detailliert nachzulesen, dass an allen möglichen Stellen über 100-jährige Eschen und Eichen gefällt werden sollen. Zwar werden diese Entnahmen als „gering“ gekennzeichnet, aber wenn man fast im ganzen Auwald an so vielen Stellen hier und da und auch dort und da drüben ein „paar“ Bäume entnimmt, kommt letztlich doch eine große Menge zusammen. Und nächsten Winter wieder …?!

Teils wird die Entnahme mit Verkehrssicherungspflichten begründet, teils mit der sogenannten „Standraumregulierung“. Letztere ist forstwirtschaftlich durchaus nachzuvollziehen, rein ökologisch gesehen macht sie keinen Sinn – da können aber durchaus auch zwei Stieleichen nebeneinander wachsen und ganz natürlich „ökologisch wertvoll“ sein. Eine Fledermaus interessiert es nicht, ob der Schaft einer Eiche gerade oder krumm wächst, auch den Vögeln ist dies beim Brüten egal. Im Naturschutzgebiet und im FFH-Gebiet ist es somit ohne Belang.

Das Märchen von der Verkehrssicherungspflicht

Zu den Verkehrssicherungspflichten: diese bestehen lediglich an offiziellen Straßen und Wegen, welche auch im offiziellen Straßenkataster einer Stadt verzeichnet sind. Auf normalen Waldwegen besteht keine Verkehrssicherungspflicht. Zwar wird dem Leser des Forstwirtschaftsplans vermittelt, man müsse hier zum Schutz der Passanten eingreifen, aber laut aktuellem Gerichtsurteil des Bundesgerichtshofs von 2012 ist dies nicht pauschal so. Prinzipiell muss man als Waldbesucher in jedem Wald jederzeit mit waldtypischen Gefahren wie bspw. herabfallenden Ästen rechnen.

Allerdings ist im Waldgebiet der „Nonne“, welches man vor Jahren zu einem sogenannten „Erholungswald“ umgewidmet hat, die Lage durchaus etwas diffiziler, da es hoch frequentierte Rad- und Fußwege, Kinderspielplätze und zudem Sportstätten enthält. Doch viele Fällungen soll es auch in Bereichen geben, welche nicht so stark begangen sind und wo man als Leser des Forstwirtschaftsplanes ins Grübeln gerät: warum ist man hier seitens der Stadt so übervorsichtig? Oder ist die Verkehrssicherungspflicht nur ein herbeigezogenes Alibi?

Insgesamt sollen im kommenden Winter 7.736 Festmeter im Leipziger Stadtwald eingeschlagen werden:

Revier Leutzsch, nördlicher Auenwald: 838 Fm
Revier Leutzsch, Gottge: 532 Fm
Revier Leutzsch, Rosental: 177 Fm
Revier Connewitz, Nonne: 2.295 Fm
Revier Connewitz, Connewitzer Holz: 1.968 Fm
Revier Connewitz, Lauer-Cospuden: 1.926 Fm

7.736 Festmeter sind schon eine beträchtliche Menge an Holz.

Um sich nun vorzustellen, wie viel allein 1 Festmeter ist, eine kurze Erklärung: stellen Sie sich einen Würfel mit einer Kantenlänge von 1 Meter vor, prall gefüllt mit Holz und ohne Zwischenräume.

Solche Würfel stellen wir jetzt 7.000 Mal nebeneinander … .Siebentausend Meter sind es per Luftlinie von der Jahnallee bis zum Cospudener See. Kann das sein? Eine solche Menge? Aber es steht so im Forstwirtschaftsplan 2018, u. a. auf S. 13 im Überblick!

Beim Einschlag von Bäumen wird vor allem der wertvolle Stamm verwertet. Was nebenher anfällt, Äste und Krone, gehört zum Derbholz, und das bringt viel weniger ein. Der Gewinn steckt im geraden Schaft. Und je mehr gerade und dicke Schäfte man einschlägt, desto schneller und einfacher ist man am Ziel.

 

Wieviele Bäume gefällt werden müsen, um auf die geplanten Festmeter zu kommen. Grafik: Gerken / Hansmann

Wieviele Bäume gefällt werden müsen, um auf die geplanten Festmeter zu kommen. Grafik: Gerken / Hansmann

Wie die Abbildung zu Stammlänge, Durchmesser und Volumen zeigt, ist es sofort einleuchtend, warum unsere Förster gerne auch starke Bäume aus dem Wald holen. Das Volumen geht mit dicker werdendem Stamm steil nach oben. Je dicker der Kerl ist, umso steiler gehen die Erlöse nach oben. Genau die starken Bäume bestimmen aber auch den Wert des Leipziger Auwalds als Naturschutz-, FFH- und Vogelschutzgebiet! – Zwickmühle. Der Forst müsste sich zurückhalten, sonst ist das Schutzgebietssystem bald perdu.

Der Schutzstatus des Auenwaldes wird abgeholzt

Bäume mit über 70 cm Durchmesser sind schon ökologische Wertträger für allerlei seltene Arten. Und die alten Bäume werden mit jedem Jahr für seltene Elemente der Fauna und Flora attraktiver. Bäume ab 30 cm Durchmesser zählen zum Nachwuchs, den das Schutzgebiet dringend braucht, denn die Vögel, Fledermäuse und Insekten brauchen auch in 20, 30, 40 und 50 Jahren Starkbäume. Aber auch solche Exemplare werden gefällt, weil sie angeblich anderen im Wege stehen, andere im Wuchs behindern, an einem kaum begangenen Weg ein Verkehrsrisiko seien usw.

Die Wirtschaftlichkeit, wenn es um gerade Schäfte geht, fängt bei 50 cm an. Bäume mit über 110 cm Durchmesser haben bei uns schon Seltenheitswert, z.B. finden Sie ganz vereinzelt (noch) welche in der Burgaue … . KennerInnen wissen, wo weitere stehen. Jedoch, es sind nicht mehr viele … sie nehmen schon seit Jahren wie klammheimlich ab! Das wirtschaftliche Argument sollte jedoch in einem Schutzgebiet – und auch in einem Erholungswald – eine nachrangige Rolle spielen.

Bei einer der nächsten Sitzungen im Stadtrat Leipzig wird darüber abgestimmt, ob diese neue Forstplanung wirklich durchgeführt werden soll. Wenn der Stadtrat ja sagt … dann werden allein in der Nonne wieder sehr viele alte und dicke Bäume gefällt werden.

Beachten wir: Das ist der Vorschlag der Leipziger Stadtforsten. Wir bezweifeln, dass die Bürger das wollen! – Wir glauben aber auch, dass sich keiner so richtig vorstellen kann, was diese Zahlen für das künftige Bild des Waldes bedeuten. Deswegen haben wir die obige Rechnung dazu aufgemacht. Wir haben in den vergangenen Jahren x-fach erlebt, dass Bürger sich beschweren, warum so viel gefällt wird. Wir fanden auch mehrfach kritische Leserbriefe aus den vergangenen 5-8 Jahren.

Geld verdient Leipzig mit dem gefällten Baumriesen keines

Wenn diese Bäume erst einmal gefallen sind, dann ist es gleich, ob jemand aus dem Forstamt, aus Wissenschaftlerkreisen oder aus Verbandskreisen sagt, das sei so recht – dem Schutzgebiet fehlen diese Bäume!

Konkret werden die starken Bäume den Schmetterlingen, Käfern, Fledermäusen, Flechten und Moosen fehlen – und den Menschen! Wenn Menschen befragt werden, die durch einen Wald wandern, was ihnen dort am besten gefällt, dann tauchen die dicksten Bäume auf den obersten Rängen auf.

Spaziergang im Auwald. Foto: Ralf Julke

Spaziergang im Auwald. Foto: Ralf Julke

Müssen die geplanten Fällungen im kommenden Winter überhaupt sein? Ist Leipzig die erste Stadt, die das Problem hat, Bäume zu finanziellem Gewinn zu machen, während Bürger sie erhalten wollen und alt werden lassen? Denn ein Problem ist es. Jedoch scheint das Stadtforstamt damit kein Problem zu haben. Es nimmt Geld ein. Toll!

Doch es muss davon die Arbeiter und die Förster und die Geräte und die Treibstoffe bezahlen. Und nun kommt’s: In der Bilanz kommt für die Stadt nahezu kein Gewinn heraus – immerhin gibt es keinen Verlust. Eine Wirtschaftseinheit, die genau das verbraucht, was sie einnimmt, gibt den übrigen Ressorts nahezu nichts. Konsequent könnte man sich in Leipzig den Stadtforst in dieser Betriebsart sparen!

Es braucht den Stadtforst allenfalls für Sicherung an viel begangenen Wegen. Jedoch: Waldbegehen geschieht deutschlandweit auf eigene Gefahr! Es ist nur ein freundlicher Service, wenn die Stadt dazu etwas tut. Aber wünschen die Menschen diesen überhaupt, abseits der wenigen Hauptwege? Und wie viele Menschen werden in Europa pro Jahr von Bäumen in Wäldern erschlagen? Der normale, alltägliche Straßenverkehr ist weitaus gefährlicher, aber die Forderung nach der Abholzung von Autos hört man nie.

Wer will schon zuschauen, wie diese vielen Stämme aus dem Wald herausgeholt werden? Wer will beim Ausräumen eines Erholungswaldes zusehen, der zugleich nach deutschen und europäischen Kriterien ein großes Schutzgebiet für seltene und bedrohte Pflanzen und Tierarten ist? – Und soll das dann Jahr für Jahr so weitergehen?

Vorbild Stadtwald Lübeck

Offenbar lässt sich der Stadtforst bisher durch den Managementplan (MAP, von 2012) nicht beeinflussen. Der MAP ist eine Beschreibung der Aufgaben für die Stadt Leipzig, die die FFH-, Vogelschutz- und Naturschutzgebiete Leipziger Auwald zu betreuen hat. Auch durch Bürger, die dieses hinterfragen, lässt man sich nicht irritieren. Und jeder weiß, dass viele Bürger resigniert haben: „Die da oben machen sowieso, was sie wollen…“

Doch es muss nicht so sein. Es kann sich auch in Leipzig ganz schnell Neues auftun. Schauen wir mal über den sächsischen Tellerrand! Schon seit den 90-er Jahren gibt es z.B. für den Stadtforst Lübeck ein damals entwickeltes und bis heute verfeinertes Modell, welches außerordentlich erfolgreich ist – für die Bürger von Lübeck wie auch für die Artenvielfalt.

Der Stadtwald Lübeck ist ein kommunales Forstunternehmen, welches die Waldflächen der Hansestadt Lübeck verwaltet und bewirtschaftet. Wohlgemerkt tun die Forstämter das letztlich im Auftrag und zum Wohl der Bürger! Auch in Lübeck haben sich Bürger damals gegen den rein wirtschaftlich motivierten Umgang mit ihrem Stadtwald gewehrt. Heraus kam in zähem Ringen das Lübecker Modell, das durch sein Konzept der „Naturnahen Waldnutzung“ bekannt wurde.

Auwald nach einem Frühjahrshochwasser. Foto: Ralf Julke

Auwald nach einem Frühjahrshochwasser. Foto: Ralf Julke

Historisch wie auch flächenmäßig ähneln sich Lübecker und Leipziger Stadtwald sogar, und selbst kleine Auen gibt es entlang von Wakenitz und Trave. Natürlich wurde auch der Lübecker Stadtwald schon im Mittelalter genutzt, aber anstatt diesen Wald nun nach gängigen forstwirtschaftlichen Standpunkten mit modernen schweren Maschinen wie Harvestern – á la Leipziger Forsten – zu bewirtschaften, ging man hier schon früh einen anderen Weg.

Der Leitende Forstdirektor Lutz Fähser setzte ab 1994 im Stadtwald Lübeck seine Ideen der „Naturnahen Waldnutzung“ in ein Bewirtschaftungskonzept des Waldes um. Die Flächen erfüllten die Kriterien der Naturland-Zertifizierung und FSC-Zertifikats, noch bevor es diese Zertifizierungen überhaupt gab. Heute setzt der Forstingenieur Knut Sturm das Projekt fort.

Leipzigs Wald verfügt nicht über eine FSC-Zertifizierung, man hat diese (vielleicht auch wegen der intensiven Bewirtschaftung?) verloren.

Die Lübecker Bürgerschaft hatte das stadteigene Forstamt mit einstimmigem Beschluss beauftragt, dieses Konzept umzusetzen. Damit steht der gesamte Wald unter „Prozess-Schutz“. Für Leipziger Verhältnisse klingt das fast unerhört! Denn diese Regelung bedeutet den totalen Schutz eines Gebietes vor menschlichen Eingriffen.

Das Lübecker Konzept bedeutet, dass so gewirtschaftet wird, dass natürliche Abläufe in den Wäldern weitgehend zugelassen werden bzw. im Sinne der Wirtschaftsziele mitbenutzt werden (z. B. Naturverjüngung, natürliche Auslese, Windbruch usw.). Man kann auch sagen, es wird der wirtschaftliche Eingriff in den natürlichen Ablauf der Waldentwicklung eingebunden.

Drei Leitideen sind dabei Eckpunkt des Konzepts:

  1. Die Wirtschaftswälder sollen sich in die risikoarme und produktive Erscheinungsform der natürlichen Waldgesellschaft entwickeln (Naturnähe)
    2. Die Leistungsanforderungen an den Wald (also die Entnahme von Holz) dürfen die natürliche Leistungsfähigkeit (also den natürlichen Zuwachs an Holz) nicht überschreiten (ökologisches Ertragsniveau)
    3. Der wirtschaftliche Einsatz erfolgt nach dem Prinzip des minimalen Eingriffs und dem Prinzip der Vorsicht (Minimierung)

Andere Großstädte in Deutschland haben in ihren Wäldern bereits dieses Konzept übernommen: Berlin, München, Bonn, Saarbrücken, Wiesbaden, Hannover und Göttingen. Nun, das wäre doch auch etwas für Leipzig! Den Bürgern würde es eine immer schönere Waldnatur präsentieren, und die Stadt müsste nicht mehr darum bangen, ob es wirklich bei schwarzen Zahlen aus dem Forstsektor bleibt. Wie bei Lübeck und den anderen Städten würde sich auch für Leipzig ein Prestigegewinn ergeben.

Leipzigs Stadtförster verhindert die Ansiedlung geschützter Tiere

Und auch der Artenschutz würde profitieren! Laut Mitteilung der Stadt Lübeck fühlen sich Schwarzstorch, Seeadler, Mittelspecht, Zwergschnäpper und andere recht wohl dort, auch vom Eremiten – einem echten „Urwaldkäfer“ – hört man, dass es ihm gutgeht. Die beiden Arten Schwarzstorch und Seeadler kamen übrigens erst nach der Einführung des Konzepts in den Stadtwald.

Solange in Leipzigs Auwald geholzt wird, werden sich diese wunderbaren Großvögel nicht niederlassen. Ob sich die erst kürzlich nachgewiesene Wildkatze damit anfreundet, ist ebenfalls fraglich.

Was wir an anderem Ort ausführlicher beschreiben, sei hier schon angemerkt: Auch die Mopsfledermaus als eine nach europäischem und nationalem Naturschutzrecht vorrangig zu fördernde Art ist direkt betroffen von den geplanten Hiebsmaßnahmen. Sie braucht Alt- und Totholz – und zwar in beträchtlichem Maß. Es kommt auf jeden Altbaum an, und solche, die es werden können!

Laut Naturschutzregelung für den Auwald Leipzig ist sie eine der Arten, denen besonderes Augenmerk und besonderer Schutz zuteil werden sollen. Dazu gehört u. a. ein richtiges Monitoring, das für den Auwald Leipzig bisher nicht vorliegt, obwohl es gesetzliche Forderung ist. Das Lübecker Modell – für den Leipziger Auwald fachkundig ausgestaltet – wird diesem Schutzauftrag gerecht werden. Denn noch ist das Potenzial da sowie der reale Bestand dieser sehr feinen fliegenden Säugetiere!

Naturschutzverbände könnten an einem Strang ziehen

Zahlreiche Natur- und Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, BUND und Robin Wood haben das Lübecker Modell mitgetragen, und seither wurde das Konzept mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

Das Lübecker Modell könnte auch in Leipzig Schule machen, sei es als Anregung wie auch als Signal, dass es auch anders geht und dass es eben durchaus auch Alternativen gibt zu dem, was man aktuell in Leipzig plant – und in den vergangenen Jahren auch ohne Forstplanung einfach getan hat.

Wir werden auch in Zukunft über solche Modelle und Ansätze berichten und ggf. auch Exkursionen für Interessierte anbieten, – und das gilt für Mitglieder und Ehrenamtliche anderer Naturschutzverbände und natürlich auch für Mitarbeiter der Stadt Leipzig und die Stadträte.

Es sei zum Beispiel erwähnt, dass sich auch die Kernzone im Biosphärenreservat Mittlere Elbe – ganz ohne das Wirken einer Motorsäge – weiterhin zu einem Hotspot der Artenvielfalt entwickelt. Hier kann man erleben, dass allein die Dynamik eines Flusses ausreicht, ein vielfältiges Mosaik von Lebensräumen für unterschiedlichste Arten zu schaffen, besser, als es ein Mensch je könnte und standortgerecht für einen Auwald mit wechselnden Wasserständen.

Für den Leipziger Auwald, welcher derzeit noch klassisch forstwirtschaftlich beackert wird, ohne angemessen auf diverse bedrohte Arten Rücksicht zu nehmen, wünschen wir uns eine Wintersaison, bei der wir nicht mehr von einer Hiebssaison, sondern von einem Aufatmen des Waldes und seiner Bürger sprechen dürfen!

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

AuwaldForstwirtschaftsplan
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