Das hat gedauert. Das stellten dann am Mittwoch, dem 27. März, auch Axel Bobbe und Peter Wasem gemeinsam fest beim Ortstermin am Ratsholzdeich. Der eine für die Landestalsperrenverwaltung (LTV) Sachsen, der andere für das Amt für Umweltschutz der Stadt Leipzig. Denn endlich nimmt das Auenrevitalisierungsprojekt „Dynamische Aue“ im südliche Auwald Gestalt an.

Direkt zu besichtigen am 2022 fertiggestellten Flutungsbauwerk, mit dem an dieser Stelle Hochwasser in die südliche Aue fließen kann. Was 2023 sogar wieder passiert ist, wie die Landestalsperrenverwaltung melden konnte. Doch am Grabenabschnitt hinter dem Flutungsbauwerk wurde seitdem weiter gearbeitet, um ihn für die einströmenden Wasser durchlässiger zu machen. Denn darum geht es in der „Dynamischen Aue“.

Und eigentlich hätte man hier schon viel früher anpacken können. Denn: Die Projektrealisierung ist eine von mehreren Kompensationsmaßnahmen für die hochwasserbedingten Eingriffe der Landestalsperrenverwaltung auf dem Gebiet der Stadt Leipzig in den Jahren 2011 und 2013. Seit damals versuchten Stadt und LTV zusammenzukommen. Seinerzeit ließ die LTV großflächig gewachsene Baumbestände hinter den Deichen fällen, teilweise uralte Bäume, die schon vor dem Bau der Deiche standen.

Erste Teilmaßnahmen wurden bereits verwirklicht. Die Gesamtumsetzung soll schrittweise bis 2026 erfolgen. Die „Dynamische Aue“ ist ein Teil davon.

Statische Flutungen schon seit 30 Jahren

Ein nicht ganz unwichtiger. Denn hier betreibt die Stadt Leipzig schon seit 1993 ein wichtiges Flutungsprojekt: Seit 30 Jahren findet im Süden Leipzigs jährlich zwischen Februar und März auf rund 5 Hektar eine künstliche Flutung von Auwaldbereichen im Naturschutzgebiet „Elster-Pleiße Auwald“ statt, um die fehlende natürliche Auendynamik nachzuempfinden. Doch das hat mit einem natürlichen Überflutungsregime, bei dem immer wieder mal das Hochwasser der Flüsse durch den Wald strömt, nicht viel zu tun.

Herr Axel Bobbe (links) und Peter Wasem bei der Vorstellung des Projekts „Dynamische Aue“ am Ratsholzdeich. Foto: Ralf Julke
Axel Bobbe (links) und Peter Wasem bei der Vorstellung des Projekts „Dynamische Aue“ am Ratsholzdeich. Foto: Ralf Julke

Weshalb sich die Stadt des Längeren mit der Idee trug, in der südlichen Aue direkt im Paußnitzgebiet das Projekt „Dynamische Aue“ zu entwickelt. Ein Projekt, das jahrelang auch deshalb nicht zustande kam, weil man im Amt für Umweltschutz zwar viel vom Naturschutz versteht, aber praktisch nichts vom Wasserbau. Man brauchte also dringend die LTV als Partner mit im Boot. Was auch schnell dazu führte, dass man von millionenteuren Bauwerken in der Aue Abschied nehmen konnte.

Tatsächlich existieren auch im Ratsholz noch dutzende alter Rinnen und Lachen, die bis zum Beginn des Kohlebergbaus und der Kappung der Paußnitz von ihren natürlichen Zuflüssen praktisch jährlich mit Hochwasser wurden.

Zu den Bedingungen des Auwalds, wie sie bis zu Beginn des Kohlebergbaus bestanden, wird man nicht zurückkehren können. Da sind sich Bobbe und Wasem einig. Man kann mit möglichst geringen Eingriffen – beide benutzten das Wort minimalinvasiv – dafür sorgen, dass das Wasser in die alten Gerinne fließen kann. Übrigens nicht nur bei großen Hochwassern. Aber da steckt noch Zukunftsmusik drin.

Mehr Wasser für die Paußnitz

Was mit dem 2022 gebauten Flutungsbauwerk erreicht wird, war dann 2023 beim ersten Hochwasser, das seit langem auch mal wieder das Hochflutbett der Weißen Elster durchströmte, zu sehen: Durch das Flutungsbauwerk im Ratsholzdeich kann das Wasser in regulierten Mengen in den südlichen Auwald gelangen und den Auwald gezielt fluten, bevor es über die Untere Paußnitz wieder in das Elsterflutbett zurückläuft.

Reguliert deshalb, weil man zwar die Fließgerinne wieder bespannen will, aber nicht den ganzen südlichen Auwald unter Wasser setzen möchte. Immerhin wären dabei zum Beispiel der Wildpark und Teile von Connewitz betroffen. Das könne nicht der Sinn der Sache sein, so Bobbe.

Der Blick über das Geländer des Flutungsbauwerks auf den neu profilierten Graben im Ratsholz. Foto: Ralf Julke
Blick über das Geländer des Flutungsbauwerks auf den neu profilierten Graben im Ratsholz. Foto: Ralf Julke

Das Projekt stammt ursprünglich aus der Feder der unteren Naturschutzbehörde des Amtes für Umweltschutz Leipzig und wurde in regelmäßiger enger, vertrauensvoller Abstimmung zwischen
Landestalsperrenverwaltung, unterer Naturschutzbehörde sowie weiteren städtischen Behörden und Ämtern weiterentwickelt. Auch wenn sich mittlerweile beide Seiten darüber ärgern, dass das Ganze über zehn Jahre gedauert hat, bis man in die Umsetzung kam. Was auch daran lag, dass es lange Zeit überhaupt kein Geld für die Auenrevitalisierung gab. Das hat sich erst vor zwei Jahren geändert, so Bobbe.

Zwischen 2020 und 2021 wurde von der Landestalsperrenverwaltung dann das Auenflutungsbauwerk im rechten Hochwasserschutzdeich des Elsterhochflutbettes am Ratsholz errichtet. 2022 und 2023 wurde dann der Verbindungsgraben zwischen diesem Bauwerk und dem Paußnitzsystem hergestellt. Und dann gab’s auch gleich das ganz große Geschenk: Beim Weihnachtshochwasser 2023 konnte so zum ersten Mal Wasser auf diesem Wege in den Leipziger Auenwald einströmen.

Dieser Verbindungsgraben ist jetzt noch im rohen Zustand zu besichtigen: Viele umgestürzte Bäume wurden beseitigt, darunter viele Eschen, die an der Rußrindenkrankheit zugrunde gegangen sind. Der alte Graben wurde vertieft, sodass das Wasser auch länger im Graben stehen kann, damit sich hier Amphibien ansiedeln können.

Die Baumzusammensetzung in der südlichen Aue wird sich absehbar deutlich ändern, betont Peter Wasem. Teilweise, weil traditionelle Auwaldbäume wie Ulme und Esche von eingeschleppten Krankheiten dezimiert werden. Teilweise aber auch, weil auch jene Baumbestände absterben, die nicht an die Aue und ihre hohen Wasserstände angepasst sind, in den vergangenen Jahrzehnten, als die Aue komplett vom Wasser abgeschnitten war, aber massiv eingewandert sind. Der Auwald wird auch wieder lichter, was aber beabsichtigt ist, so Wasem.

Drei Jahre für die Umsetzung

Und das freigelegte Grabenstück ist nur der Anfang. Noch ausstehend und in diesem Jahr angedacht sind unter anderem eine Optimierung der verschiedenen Fließstrecken der Paußnitz im Auwald, damit sich das einströmende Hochwasser bestmöglich im Auwald verteilen und eine positive Wirkung für die dort vorhandenen Biotopstrukturen und Arten entfalten kann. Auch hierzu sind das Amt für Umweltschutz und die LTV in enger Abstimmung, denn die Arbeiten übernimmt die LTV. Dafür wurden jetzt auch rund 700.000 Euro freigegeben, so Bobbe.

Darüber hinaus soll das Steuerungsbauwerk am Blümelsteig erneuert werden, welches die Aufteilung der Wassermengen zwischen der Paußnitz und dem Paußnitzabschlagsgraben steuert und für eine flächige Ausbreitung des Hochwassers im Auwald notwendig ist.

Zu sehen ist eine der vielen Lachen im südlichen Auwald. Foto: Ralf Julke
Eine der vielen Lachen im südlichen Auwald. Foto: Ralf Julke

Im Umfeld der sogenannten Linie werden bestehende Gräben nachprofiliert und zwei Durchlässe gebaut, damit Hochwasser auch wieder problemlos aus dem Auwald abfließen kann und die Radwege weiterhin uneingeschränkt ganzjährig befahrbar bleiben. Denn während die kleineren Wege im südliche Auwald künftig bei Hochwasser ebenfalls unter Wasser stehen können, sollen Hauptverbindungen wie Die Linie dann weiter nutzbar bleiben.

Gleichzeitig wird das Wegenetz so angepasst, dass sensible Bereiche wie etwa Prozessschutzflächen beruhigt werden. Ein kleiner Fingerzeig für die vielen Querfeld-ein-Wanderer, Mountainbiker und Gassigeher, die ihre wilden Pfade mitten durch den streng geschützten Auwald geschlagen haben. Ohne auch nur zu ahnen, wie viel Störung und Zerstörung sie damit anrichten.

Dafür werden teilweise Wege zurückgebaut und Furten angelegt. Die Option, die Aue bei ausbleibendem Hochwasser auch weiterhin künstlich zu fluten, bleibe bestehen, so das Amt dür Umweltschutz. Dazu wird ja das alte Einlassbauwerk am Grenzgraben genutzt, das aber, so Axel Bobbe, längst erneuerungsfällig ist. Wofür dann eigentlich wieder der Bergbausanierer LMBV zuständig ist, der sich dabei aber bislang verweigerte. „Aber wir sind im Gespräch“, sagt Wasem.

Wissenschaftler dokumentieren die Umsetzung

Neben der Auenrevitalisierung verfolgt das Projekt auch eine ökologische Aufwertung von Laichhabitaten der aktuell besonders stark bedrohten Amphibien. Die Aufwertungsmaßnahmen für Amphibien werden vorrangig an bestehenden temporären Kleingewässern (Lachen) stattfinden, welche in Verbindung mit der Paußnitz stehen. Sechs solcher Lachen hat das Amt für Umweltschutz dafür ausgeguckt.

Diese Aufwertungsmaßnahmen gehen zurück auf ein im Auftrag der unteren Naturschutzbehörde erstelltes sogenanntes Lachenkonzept. Die Lachen im Leipziger Auwald haben einen hohen ökologischen Wert, sind aber gleichzeitig durch die Austrocknung des Auwaldes stark gefährdet. Mit dem Lachenkonzept wurden notwendige Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen erarbeitet, von denen ein Teil nun im Rahmen der Kompensationsmaßnahme „Dynamische Aue“ umgesetzt werden.

Die erste Maßnahme aus diesem Paket wurde bereits im Januar 2024 realisiert. Dabei wurde eine bestehende Lache an zwei Bereichen vertieft, um eine verlängerte Wasserhaltung für die Entwicklung von Amphibienlaich zu gewährleisten. Zusätzlich wurden Ablagerungen aus der Lache entfernt sowie stark beschattete Bereiche aufgelichtet.

Begleitet werden diese Maßnahmen im Projekt „Dynamische Aue“ durch das Institut für Vegetationskunde und Landschaftsökologie (IVL) sowie das Department Naturschutzforschung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Von ihnen wird die Entwicklung des Grund- und Oberflächenwassers im Auwald zwischen Elsterflutbett und Pleiße hochaufgelöst gemessen. Zusätzlich ist die Erfassung von Amphibien und der Vegetation geplant. Das Monitoring soll auch helfen, Schwachstellen im Projekt zu identifizieren und zeitnah gegensteuern zu können.

Die Kosten für die Umsetzung der Maßnahmen betragen rund 700.000 Euro und werden aus dem Sofortprogramm „Rückgewinnung von Auenflächen, gewässerökologische Strukturverbesserung und naturnahe Flächenbewirtschaftung“ durch Landesmittel finanziert.

Irgendwann mal eine richtige Dynamik

Geplant ist die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen für die nächsten drei Jahre. Wobei Axel Bobbe längst auch schon von einer richtig großen Lösung für die Südaue träumt, denn die Hochwasser in der Weißen Elster sind nicht planbar. Gab es 2013 das letzte große Hochwasser, passierte zehn Jahre lang praktisch gar nichts. Der Klimawandel macht auch die Hochwasser unberechenbarer.

Im Dezember 2023 kam dann endlich mal wieder Wasser in Mengen die Weiße Elster herab. Aber um das Hochwassergeschehen im Paußnitzgebiet auch ohne Hochwasser simulieren zu können, wäre durchaus überlegenswert, das aufgestaute Pleißewasser oberhalb des Connewitzer Wehres oder Wasser aus dem Floßgraben zu nutzen. Und zwar möglichst bald, wie Bobbe sagt. Denn der Auwald sitz schon viel zu lange auf dem Trockenen.

Peter Wasem, Leiter des Amtes für Umweltschutz der Stadt Leipzig: „Die intensive Arbeit der letzten Jahre hat sich gelohnt: Mit minimalen Anpassungen des natürlichen Landschaftsraums gehen wir einen großen Schritt hin zu einer wassersensiblen, ökologisch fruchtbaren Auenlandschaft. Neben der Artenvielfalt stärken wir den natürlichen Wasserhaushalt und die Leistungsfähigkeit der ‚grünen Lunge‘ unserer Stadt.

Das Geheimnis unseres Erfolges liegt in der engen, wertschätzenden und ergebnisorientierten Zusammenarbeit zwischen Landestalsperrenverwaltung, Stadt Leipzig sowie den weiteren Beteiligten aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Alle haben ihre Expertise und ihre besonderen Fähigkeiten in bester Weise eingebracht und damit auch eine Grundlage für weitere, umfangreichere Projekte für den Erhalt unseres Auwaldes gelegt.“

„An diesem Vorhaben zeigt sich, dass die fachlich gute und enge Zusammenarbeit zwischen der Landestalsperrenverwaltung und der Stadt Leipzig positiv für den Erhalt und die weitere naturnahe Entwicklung der Leipziger Auen ist“, fasst Axel Bobbe, Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung zusammen. „Die im Leipziger Ratsholz geplante Kombination aus dem für das Stadtgebiet erforderlichen Hochwasserschutz und der ökologischen Auenentwicklung ist für weitere Maßnahmen beispielgebend.“

Und er nutzte den Termin auch noch, um ein weiteres Projekt anzukündigen: den Rückbau des rechtsseitigen Deiches am Elsterflutbett, den Stadt und LTV lieber schon heute als erst in ferner Zukunft rückgebaut hätten. Aber die Landesdirektion Sachsen habe als Auflage zur Entwidmung des nicht mehr benötigten Deiches mitgegeben, dass er erst dann abgebaut werden dürfe, wenn das Projekt „Dynamische Aue“ umgesetzt ist. Das wäre dann in drei Jahren der Fall.

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Es gibt 2 Kommentare

“…Gleichzeitig wird das Wegenetz so angepasst, dass sensible Bereiche wie etwa Prozessschutzflächen beruhigt werden. Ein kleiner Fingerzeig für die vielen Querfeld-ein-Wanderer, Mountainbiker und Gassigeher, die ihre wilden Pfade mitten durch den streng geschützten Auwald geschlagen haben. Ohne auch nur zu ahnen, wie viel Störung und Zerstörung sie damit anrichten….”

What?
WO soll denn das sein…? Der Trampelpfad an der Paussnitz ist doch seit Coronatagen gesperrt? Am Flossgraben ebenso?

Mal eine Frage an die Ureinwohner des Auwalds:

In verschiedenen Landkarten gibt es sehr unterschiedliche Bezeichnungen der Auwaldgebiete im Süden.
Z.B. werden die Probstei als auch das Pfarrholz mal links und mal rechts der Linie verortet.
Auf der LSG-Karte wird sogar der ganze Südliche Auwald ab Schleussiger Weg als “Leipziger Ratsholz” bezeichnet, nicht nur der westliche Teil am Deich.

Was stimmt den nun und wer hat die Originalkarte?

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