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Revitalisierung: „Man hätte den Fluss nie vom Auwald trennen dürfen“

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    Seit das sächsische Umweltministerium seinem Namen wieder Ehre macht, ist die Revitalisierung des Leipziger Auwaldes plötzlich in aller Munde. Und mit der Klimakrise steigt der Handlungsdruck. Wie groß sind Einigkeit und Wille, den Auwald wiederzubeleben?

    „Mit der Wahl der diesjährigen Leipziger Auwaldart möchte ich das Augenmerk auch auf die aktuelle Situation des Auwaldes lenken“, erklärte Leipzigs Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) anlässlich des Auwaldtages am 16. April. Die Gewöhnliche Esche, die 40 Prozent des Auwaldbestandes ausmacht, solle stellvertretend für den durch Hitze und Trockenheit der vergangenen Jahre gestressten Auwald stehen. „Deshalb arbeiten wir mit Projekten wie Lebendige Luppe oder Paußnitzflutung intensiv an der Auenkonzeption und der Wiedervernässung des Auwaldes.“Das mag alles stimmen, aber es ist doch grundfalsch. Auwaldrevitalisierung und -dynamik bedeutet: Kleinere und größere Hochwasser schaffen wechselhaft feuchte Bedingungen für spezialisierte Auwaldarten.

    Das sind bestimmte Schnecken- und Käferarten, aber auch Erlen, Feldulmen oder Schwertlilien. Der Spitzahorn als auwalduntypisches Gehölz hingegen ist auf der durch die Paußnitz alljährlich für 14 Tage gefluteten Fläche von fünf Hektar im Bestand deutlich und großflächig zurückgegangen. „Man hätte den Fluss nie vom Auwald trennen dürfen“, urteilte Uta Zäumer bei der Paußnitzflutung 2020, für die sie seit 1993 verantwortlich war. „Eigentlich sind die Dämme der 1930er Jahre vollkommen falsch angelegt worden.“

    Die Aue trocknet seit circa 90 Jahren aus. Also wie kommt Wasser in den Auwald? Helfen Forstmaßnahmen? „Kurzfristige forstliche Maßnahmen müssen in ein Gesamtkonzept zur grundlegenden Revitalisierung des Leipziger Auensystems eingebettet sein; sie dürfen dieses weder einschränken noch verzögern“, betont René Sievert. „Forstliche Maßnahmen allein können die fehlende Dynamik nicht ersetzen“, so der Vorsitzende des NABU Leipzig.

    Das bestätigt Robert Schimke vom Sächsischen Umweltministerium: „Lediglich das Anpflanzen auwaldtypischer beziehungsweise Entfernen untypischer Gehölze und Pflanzen wäre nicht zielführend.“ Erst die Wiederherstellung von wiederkehrenden Überflutungen im Auwaldgebiet mache eine Revitalisierung aus. Der Einstau beziehungsweise die Überflutung bewirke ein Zurückdrängen auwalduntypischer Gehölze und Pflanzen, „die sich entwickeln konnten, weil diese für den Auwald wichtigen Überflutungen unterbunden waren“.

    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 90, VÖ 30.04.2021
    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 90, VÖ 30.04.2021

    Dennoch geht es nicht einfach nur um Wasser in einer bestimmten Menge. „Das Leipziger Auensystem ist stark durch menschlichen Einfluss überprägt. Große Teile der Auenlandschaft sind vom Abflussregime der Flüsse entkoppelt“, urteilt auch das Amt für Stadtgrün und Gewässer in Abstimmung mit dem Amt für Umweltschutz.

    „Dadurch fehlen zentrale Elemente wie auentypische Wasserdynamik, hydrologische Vernetzung der Lebensräume und ein hinreichendes Wasserdargebot.“ Aufgrund der anthropogen verursachten Tieflage von Elsterflutbett, Neuer Luppe und Nahle sei es zu einer fortschreitenden Austrocknung weiter Gebietsteile gekommen. Negativer menschlicher Einfluss also – Flussregulierung, regelrechte Kanalisierung, Eindeichen.

    NuKLA – der Verein, der das Abholzen ohne Umweltprüfung und Beteiligung der Umweltverbände gerichtlich stoppte und am entschiedensten auf eine echte Revitalisierung drängt – spricht sich vehement für eine Dynamik der Fließgewässer und eine Dynamik der Aue aus. Und weil der Auwald nur ein Teil des größeren Ökosystems ist, wählt der Vereinsvorsitzende Wolfgang Stoiber den übergeordneten Begriff Auenrevitalisierung, der den gesamten Raum des Fließgewässers umfasst.

    „Es bestehen vielfältige Wechselwirkungen – ohne die Aue als Ganzes kann man den Auwald an sich nicht revitalisieren.“ Die Kanalisierung hat zu vertieften Flussbetten infolge erhöhter Strömungsgeschwindigkeit gesorgt, sodass Elster, Neue Luppe und Nahle wie eine Drainage wirken, den Grundwasserspiegel senken und das Auensystem entwässern. Dem stimmt auch Sievert zu: „Der Auwald braucht dringend eine Erhöhung der Grundwasserstände, regelmäßige Überflutungen und eine Bespannung trockengefallener Fließe in der Fläche.“

    Und wie sieht ein Hochwasser im Auwald aus? Revitalisierung bedeutet, dass in der Flussniederung das umgebende Land wieder regelmäßig überflutet wird, so Stoiber. Womit Dynamik der Fließgewässer durch den Wechsel von Niedrigwasser und Hochwasser gekennzeichnet ist.

    „Bei einem natürlichen Hochwasser fließt das Wasser flächig und langsam. Hierbei werden Sedimente eingetragen und umgelagert. Diese Umlagerung ist relevant für eine Vielzahl weiterer natürlicher Prozesse im Boden und für die Artenvielfalt.“ Die Fließgewässer müssten ihre Lage und ihre Gestalt ändern können – ohne Erosion und Sedimentation gebe es keine gesunden Fließgewässer.

    Die Sedimentation ist ein seltener angeführtes Argument für die Auenrevitalisierung, obschon eine Vielzahl von Organismen darauf angewiesen ist. Aber sie wird von Fachleuten und im Sächsischen Umweltministerium geteilt: „Weiterhin soll dadurch ein Beitrag zur Regeneration gesunkener Grundwasserstände sowie der auwaldtypischen Bodenbildungsprozesse geleistet werden.“

    Eine auentypische Dynamisierung der Wasserstände und eine vollständige Durchgängigkeit für Feststoffe und Organismen seien herzustellen, stellt das Umweltforschungszentrum fest. Und daraus folgt, dass „nur das Bespannen von Gewässerläufen in der Aue allein nicht ausreichend wäre“, so Schimke.

    Was eine indirekte Kritik am Projekt Lebendige Luppe darstellt. Hierbei sollen bis 2025 vier kleine Gewässer beziehungsweise Flussbetten in der Nordwest-Aue wiederbelebt werden: Burgauenbach, Bauerngraben, Heuwegluppe und Zschampertbett. Die Kritik von NuKLA wird deutlicher: „Maßnahmen, bei denen künstliche Fließgewässer ohne Dynamik geschaffen werden – das heißt: ohne wechselnde Hoch- und Niedrigwasser, ohne Sedimentation und Mäandrierung – und welche nicht in Wechselwirkung mit der umliegenden Landschaft stehen, bewirken auch sonst nichts.“

    Über Maßnahmen einer Revitalisierung wie Rückbau wasserwirtschaftlicher Anlagen und Anhebung einer durch Menschen vertieften Flusssohle herrscht hingegen große Einigkeit. „Eingedeichte Flüsse, die so tief liegen, dass sie dem Auwald das Wasser entziehen, anstatt ihn mit Wasser zu versorgen, müssen endlich der Vergangenheit angehören“, erklärt Stadtrat Michael Neuhaus (Die Linke). „Der Rückbau von Deichanlagen muss endlich vorangetrieben werden.“

    Genau dies soll beim Projekt Dynamische Aue als erweiterte Fortsetzung der Paußnitzflutung geschehen. „Leider konnte bislang noch keine abschließende Lösung über die tatsächliche Realisierung erwirkt werden“, räumt die Stadt Leipzig ein. Neuhaus vermutet bürokratische Hürden, rechtliche Unklarheiten und finanzielle Unsicherheiten.

    Das Umweltministerium sichert samt der nachgeordneten Behörden Landesumweltamt und Landestalsperrenverwaltung Unterstützung zu. Da die zentralen Punkte der Auenrevitalisierung auf Bestreben von Nukla jedoch bereits 2014 mit dem Landesumweltamt besprochen und allen Beteiligten vorgeschlagen wurden, ohne dass sich sichtbares Interesse zeigte, unterstellt Stoiber: „Es war politisch zu keiner Zeit gewollt. Nun werden wir sehen, wie ernst es dieses Mal gemeint ist.“

    „Revitalisierung: „Man hätte den Fluss nie vom Auwald trennen dürfen““ erschien erstmals am 30. April 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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