Im Zeichen von Spinne und Schnecke

Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

Für alle LeserNa ja: Eine Spinne hat ihr Netz gesponnen und unseren Titelbildfotografen umgehauen. Es ist nun schon so lange Sommer, dass man fasst vergisst, dass es auch noch einen Altweibersommer gibt, in dem die Spinnen ihre Fäden fliegen lassen. Den haben wir jetzt. Und irgendwie klingt auch 60. „Leipziger Zeitung“ so, als hätte da eine fleißige Dame eifrig bis zur Rente durchgehalten – und macht trotzdem weiter. Denn: Gut Ding will Weile haben.

Wir hätten also auch wieder die Schnecke von der Klinke des Neuen Rathauses fotografieren können. Denn je länger wir uns die Stadt und das Land anschauen, umso deutlicher wird, dass alles, was irgendwann gut werden soll, verdammt viel Zeit braucht.

Mehr Zeit, als die üblichen schnellen Medien suggerieren, weil man dort gewohnt ist, die Dinger einfach hinzupfuschen. Schnell, schnell, fertig werden. Für brave sächsische Jungen und Mädchen gab’s dafür von Mama immer nur mahnende Blicke.

Denn „Schnell, schnell“ auf Sächsisch heißt nun einmal: Irgendwer muss das Ganze dann noch mal richtig machen. Und aufräumen. Meistens Mama. Vielleicht haben unsere besorgten Redakteurskollegen deswegen so eine Wut auf „Muddi“. Alles muss schnell fertig werden. Und so liest es sich dann auch. Wie hingeschmissen.

So kommt uns Journalismus in Sachsen mittlerweile manchmal vor.

Egal, ob es überdudelte Klimt-Geschichten aus dem Bildermuseum sind oder machohafte Kampagnen gegen ein Lichtfest, bei dem zum ersten Mal allein die Frauen im Mittelpunkt standen. Und weil man den Mumm nicht hat, nimmt man sich den auserlesenen künstlerischen Leiter vor, gegen den konservative Politiker zu Felde ziehen, als gelte es jetzt endlich ein Opfer zu bringen auf dem Altar des empörten Bürgers.

Ablenkungsmanöver für eine vergeigte Politik.

VÖ. am 19. 10. 2018. Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 60 vom Oktober 2018. KLICK zum Vergrößern.

VÖ. am 19. 10. 2018. Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 60 vom Oktober 2018. KLICK zum Vergrößern.

Womit wir wieder bei der Schnecke wären. Denn dutzendweise erzählen die Geschichten in der neuen Leipziger Zeitung davon, wie schwer es Vernunft und Einsicht gegen die Versteinerung unwilliger Herren im grauen Anzug haben. Zum Dauer-Thema Glyphosat (giftig für Mensch und Umwelt) gibt es gleich zwei große Geschichten in der LZ. Inklusive einem Interview mit einem Aktivisten, welcher mittlerweile den größten Selbsttest auf Glyphosat im Körper angeschoben hat. Mit teils erschreckenden Ergebnissen – auch in Sachsen und Leipzig.

Zur schwerfälligen Wohnungspolitik schreiben unsere Autoren, zur Adipositas-Forschung der Universität, die jetzt – schon wieder – im Exzellenzwettbewerb der Hochschulen gescheitert ist. Ist in diesem Wettbewerb überhaupt mit Objektivität und Unabhängigkeit zu rechnen? Im Fußball gibt es auch mal keine Antwort, wenn man nach den Erweiterungsplänen eines großen Clubs fragt, während ein anderer Club sich das Drama selbst organisiert hat.

Und natürlich spukt auch das Jahr 1918 wieder durch die Zeitung, Marko Hofmann ist mit dem Oktober nun endgültig am „Vorabend der Revolution“ angekommen. Während unsere zumindest geistig zerrissene Gegenwart auch vor irgendetwas Ähnlichem steht – aber wohl eher vor keiner Revolution.

Und natürlich darf das Dauerprojekt unter den Leipziger Museen nicht fehlen – das Naturkundemuseum, für dessen Zukunft jetzt doch eher vorsichtig nach einer neuen Form gesucht wird. Ein echtes Projekt für geduldige Menschen, seit den 90er Jahren geht das jetzt schon so. Dazu dann noch fünf Interviews mit spannenden Zeitgenossen (darunter Opferanwältin Tust, Sören Pellmann und Forscherin Körner) und ein „Sachsengespräch“ mit Ministerpräsident, das diesmal nicht so schrill geriet wie andernorts und ein erster Ausblick auf die Stadtratswahlen 2019 in Leipzig.

Leipzig ist eben ein besonderer Ort. Ein bisschen anders. Manchmal nicht so schnell, was in der Regel am fehlenden Geld liegt. Eine Kirchenmaus hätte also auch aufs Titelbild gepasst.

Aber gut Ding will Weile haben.

Oder vielleicht doch der Lieblingsspruch der Verwaltung: Wer langsam läuft, kommt auch ans Ziel.

Das ist Lesefutter für den nächsten Monat, jetzt natürlich wieder zu finden, wo man noch gute Zeitungen kaufen kann. Die neue „Leipziger Zeitung“ liegt an allen bekannten Verkaufsstellen aus. Besonders in den Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Oder einfach abonnieren und direkt im Briefkasten vorfinden.

Die Leipziger Zeitung Nr. 59: Zwischen Überalterung und verschärftem Polizeigesetz: Der Ostdeutsche, das völlig unbegreifliche Wesen


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