Zwischen Überalterung und verschärftem Polizeigesetz: Der Ostdeutsche, das völlig unbegreifliche Wesen

Für alle LeserDa ist sie: Diesmal mit zwei tanzenden Polizeipferden und einem originalen Steinar aus der sächsischen Provinz auf dem Titelbild. Man glaubt ja mittlerweile, die wütenden Ost-Deutschen kommen nun überall hervor und zeigen jetzt das wahre Gesicht des Ostens, wie ja nun schon reihenweise auf Expedition geschickte Kollegen größerer Zeitungen aus dem verschonten Westen meinten feststellen zu können. So bestätigen sich Bilder. So liegt man falsch.

Eher bestätigt sich jetzt etwas anderes: Wie sprachlos der Osten nun die ganze Zeit war. Ein Thema, auf das ja nicht nur Petra Köpping in ihrem Buch „Integriert doch erst mal uns!“ einging – aus ihrer Perspektive. Sie ist ja nun einmal Integrationsministerin in Sachsen. Und sie hat recht. Wenn Menschen 28 Jahre das Gefühl haben müssen, dass sie nur verwaltet, aber nicht gemeint sind, dann reagieren sie nicht nur sprachlos, sondern eruptiv.

Und die Rezepte, mit denen die eher vom Verwalten beherrschten Regierenden glauben, dem Lande beikommen zu können, sind dann folgerichtig schärfere Polizeigesetzte.

Womit wir die „Leipziger Zeitung“ diesmal eröffnen.

Und falls ein kluger Leser aus westlicheren Gefilden mitliest, darf er auch darüber nachdenken, warum ausgerechnet das reiche Bayern noch schärfere Polizeigesetze braucht.

Nur so als kleine, stachlige Frage: Kann es sein, dass Jahre fröhlicher Desintegration auch im Westen nun Folgen haben? Blaue zum Beispiel?

Oder schwarze, wenn man auf die selbstgefälligen Eiertänze der Kohlekonzerne schaut, die jetzt noch einmal alle Muskeln spielen lassen. Eine Drohkulisse für eine gerade gestartete Kohleausstiegskommission? „Kampf um die Kohle“ also, im doppelten Sinn.

Denn wenn man „den Markt“ alles regeln lässt, wie es Angela Merkel 2003 bei ihrer Rede auf dem CDU-Parteitag in Leipzig ins Zentrum stellte, dann gibt es überall dort, wo der Markt in die Daseinsvorsorge eingreift, Probleme. Wie bei Mieten in der Großstadt: „Wie können Mieten gesenkt werden?“ fragt Tobias Bernet deshalb mit gutem Recht, bevor die ersten Blitzlichter aus der Stadtratsdebatte auftauchen, wo gleich mehrere Initiativen diesmal gegen falsche Politik demonstrierten – von der Kulturszene bis zu den Aktivisten der Seebrücke.

Man lässt Menschen nicht ertrinken, sondern rettet sie.

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 59 vom September 2018. KLICK zum Vergrößern.

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 59 vom September 2018. KLICK zum Vergrößern.

Und man bevormundet sie nicht und wundert sich dann wie Brezel, dass sie sauer werden. Sind die Ostdeutschen zu Recht sauer? Eine Frage, die sich Michael Freitag in „In einem anderen Land“ stellt.

Und weil alles miteinander zusammenhängt, ältere Geschichtsholperstrecken mit neueren, gibt es natürlich auch wieder Marko Hofmanns Zeitreise in den September 1918 in Leipzig. Ein brisanter Zeitpunkt: „Krieg als Normalzustand und eine Schulreform“.

Und indirekt geht es auch in „Die Geschichte der Roten Villa in Großzschocher“ um Krieg und historische Schlaglöcher – diesmal bei einem Spaziergang, der zur einst prägenden Mühlenbesitzerfamilie Zickmantel in Großzschocher führt.

Lucas Böhme hat gleich mehrfach tapfer im Gerichtssaal ausgeharrt, um heutige Leipziger in ihren Wirrungen zu erleben. Olav Amende hatte den TiMMi ToHelp e.v. besucht. Und Marko Hofmann erklärt, warum Sachsen heute viel zu wenige Lehrer und völlig überalterte Lehrerkollegien hat. Ein politisches Scheitern in Serie, könnte man sagen.

Jens-Uwe Joop spannt in zwei Beiträgen gleich den ganz großen Bogen zwischen „Kollektiven Egoisten“ und dem „Gefühl der Zeit“ – der Unsicherheit. (Was natürlich etwas mit den wütenden Ostdeutschen von Seite 1 zu tun hat, aber wem sagt man das?)

Marko Hofmann bat einen Chat-Forscher zum Interview und Konstanze Caysa beschäftigt sich mit der Frage, wie wir künftig noch unseren Hintern retten können – so als Spezies. Brauchen wir da nicht endlich ein ökologisches Ethos?

Und wenn Jan Kaefer und Marko Hofmann sich dem Leipziger Sport widmen, kommen sie fast zwingend zu dem seltsamen Eindruck, dass alles, was hier schon einmal mit Müh und Fleiß aufgebaut wurde, immer wieder ramponiert wird, weil das Geld fehlt, und dann wieder mühsam aufgebaut werden muss. Im Schwimmsport zu Beispiel.

Das ist Lesefutter für den nächsten Monat, jetzt natürlich wieder zu finden, wo man noch gute Zeitungen kaufen kann. Die neue „Leipziger Zeitung“ liegt an allen bekannten Verkaufsstellen aus. Besonders in den Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Oder einfach abonnieren und direkt im Briefkasten vorfinden.

Leipziger Zeitung
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