Die Konflikte zwischen Naturschutz, Klimaschutz und Flächenbedarf in Leipzig spitzen sich immer mehr zu. Auch weil die Stadt immer noch keine Vision davon hat, wie eine klimatisch angepasste Stadt in Zukunft eigentlich aussehen kann. Es sind die Rezepte eines vergangenen Jahrhunderts, die am Reißbrett angewendet werden und mit jedem neu geplanten Stadtquartier als Konfliktstoff aufflammen – so wie jetzt an der Bremer Straße im Leipziger Norden.

Bevölkerungswachstum und Naturschutz

Der Bebauungsplan „Stadtquartier östlich Bremer Straße“ in Gohlis-Nord (hier als PDF) ist jetzt in der Öffentlichkeitsbeteiligung. Hier soll auf einer alten Konversionsfläche, die bis zur „Wende“ Kasernengelände war, ein neues Wohnquartier mit Kita und Schule entstehen. Alles wird dringend gebraucht, wenn Leipzig das Bevölkerungswachstum der nächsten Jahre auffangen will.

Aber in den vergangenen 30 Jahren ist hier längst ein artenreiches Biotop gewachsen, eine echte Grüne Lunge, die Leipzig genauso dringend benötigt. Doch genau dieses Biotop soll komplett verschwinden, was jetzt die Bürgerinitiative für Leipzigs Stadtnatur und den NABU Leipzig auf den Plan ruft. Sie kündigen für Mittwoch, 13. Juli, von 17 bis 18 Uhr die zweite mobile Mahnwache zum drohenden Grünflächenverlust an der Bremer Straße an.

Treffpunkt für die Mahnwache ist die Sylter Straße 49.

Naturverlust im Klimanotstand

„Im Mittelpunkt der Mahnwache steht dieses Mal der Bebauungsplan Nummer 433, der eine vollständige Bebauung der Brachfläche (14 Hektar) östlich der Bremer Straße für ein neues Stadtquartier vorsieht“, erklärt Karolin Tischer den Anlass der Mahnwache.

„Damit gehen wieder einmal klimaökologisch wertvolle Flächen für Leipzig verloren, und das, obwohl die Stadt Leipzig 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat und wir einen erneuten Dürresommer mit extremen Temperaturen durchleben müssen!“

Artenreiches Paradies entstanden

Auf der ehemaligen Militärfläche an der Bremer Straße konnte sich seit über 30 Jahren die Natur ungestört entwickeln. Hier ist ein halboffener, strukturreicher Lebensraum entstanden, der anderswo nur mit aufwendiger Landschaftspflege erhalten werden kann.

Vom NABU Leipzig wurden schon über 130 Tier- und Pflanzenarten auf dem Areal nachgewiesen. Seltene Vogelarten wie Neuntöter, Grünspecht, Dorngrasmücke, Gartengrasmücke, Klappergrasmücke, Gartenrotschwanz und Gelbspötter haben in dem wertvollen Habitat einen Lebensraum gefunden. Sogar Wiedehopf, Feldschwirl, Pirol und Wendehals wurden schon festgestellt. Beim Tagfaltermonitoring Deutschland wurden neben 31 anderen Schmetterlingsarten der Große Fuchs und der Kurzschwänzige Bläuling festgestellt. Auch der Feldhase kommt hier noch vor.

Bei der Mahnwache soll es nicht bleiben. Im Anschluss an die Mahnwache wird es eine geführte Exkursion auf der von Bebauung bedrohten Fläche geben.

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Es gibt 3 Kommentare

Da stimme ich markus zu.
Wir haben jetzt über 600K Einwohner. Wenn wir den Zuzug nicht stoppen (anscheinend nicht in Planung), dann müssen die irgendwo wohnen. Wenn wir nicht weiter zersiedeln wollen (wollen wir nicht), dann muss das durch Nachverdichtung passieren, innerhalb der Stadt.
Biotope gern anlegen – außerhalb der Stadt. Gern auch den Bau / die Genehmigung von Einfamilienhäusern überdenken und dort stattdessen Mehrfamilienhäuser errichten.
Sicher kann man sich über verlorene Natur in der Stadt, zu wenig Wohnraum in der Stadt, zu teure Mieten, zu vielen Leute, zu viel Verkehr aufregen – das kann man aber nicht alles ohne Kompromisse lösen.

Welcher Profit? Es werden Wohnungen , Schulen und Kitas in Leipzig benötigt. Eine Pflichtaufgabe der Stadt. Wenn anderswo Garagen für berechtigte Schulen weggerissen werden, dann hört man da auch nix. Eine Kaserne ist nun mal kein Biotop. Alle wollen in der Stadt leben. Also lieber verdichten, als die Landschaft zu zersiedeln. Eine Stadt ist nun mal in erster Linie für Menschen gemacht. Wer im Grünen leben will, kann ja aufs Land ziehen. Übrigens ist Leipzig eine sehr, sehr grüne Stadt.

Schwere Dürre, Rekordtemperaturen, Klimanotstand… da sollte doch Klimaschutz Priorität haben?

Das würde (u.a.) bedeuten: sofortiges Moratorium für alle Bebauungspläne. Leipzig muss nicht weiter “wachsen”, es gibt genug Leerstand, gerade im Umland.

Dieser ganze Bauwahn dient doch nur dem Profit von “Projektentwicklern”. Die und ihre Wegbereiter in der Politik und Verwaltung sind es, die den Planeten ruinieren.

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