Auch Leipzig muss beginnen, über seine Wachstumsstrategien nachzudenken. Denn viele Konflikte, die jetzt zwischen Wohnen, Bauen, Energiewende und Artenschutz auftauchen, sind nur deshalb Konflikte, weil die Stadt über große Teile des eigenen Territoriums nicht verfügen kann. Und wirklich belastbare Strategien etwa zum Erhalt wertvollen Grüns hat die Stadt nicht. Also ruft der NABU Leipzig wieder zur Mahnwache auf. Diesmal an der Neuen Messe.

Gemeinsam mit der Bürgerinitiative für Leipzigs Stadtnatur will der NABU Leipzig am Dienstag, 14. Juni, wieder eine Mahnwache zum „Grünflächenverlust in Leipzig – Leipzig schrumpft auch mit der Ausrufung des Klimanotstandes 2019!“ auf dem Neuen Messegelände an der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 16 veranstalten.

Die Mahnwache wird mobil und will die jetzt genau Plätze besuchen, an denen die Stadtnatur nach und nach verschwindet, teilt der NABU Leipzig mit.

Der erste Standort, der mit einer Mahnwache besucht werden soll, soll in der Nähe der Deponie Seehausen die Neue Messe sein.

„Denn wir wollen wiederholt auf die drohende Waldrodung (6,5 Hektar!) auf der Deponie Seehausen hinweisen und haben deshalb diesen Ort für die Mahnwache gewählt“, erklärt dazu Karolin Tischer vom NABU Leipzig.

„Hier vor Ort wird es verschiedenen Redebeiträge zum Thema geben. Die Entscheidung, die hier getroffen wird, ist wegweisend. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien darf nicht gegen die Biodiversitätskrise und den Artenverlust ausgespielt werden! Außerdem haben wir es hier mit Flächen zu tun, die den Klimawandel abpuffern können und damit relevant für die Klimawende.“

Daneben soll zur Mahnwache auch der Bebauungsplan 433, der eine vollständige Bebauung der Brachfläche östlich der Bremer Straße für ein neues Stadtquartier vorsieht, thematisiert werden. Dieser Bebauungsplan wurde im März von der Stadtverwaltung gebilligt.

Auf dieser ehemaligen Militärfläche in Gohlis-Nord konnte sich seit über 30 Jahren die Natur ungestört entwickeln. Durch die Teilversiegelung ist ein halboffener, strukturreicher Lebensraum entstanden, der anderswo nur mit aufwendiger Landschaftspflege erhalten werden kann.

Was entstehen soll, formuliert die Vorlage so: „In Gohlis-Nord soll ein lebendiges Stadtquartier entstehen. Damit wird dem Bedarf an innerstädtischem Wohnraum nachgekommen und ein Schulstandort gesichert. Angestrebt wird eine Nutzungsmischung aus verschiedenen Wohnformen, Gemeinbedarfseinrichtungen, Grün- und Freiräumen und bedarfsgerechtem Einzelhandel.“

Vom NABU wurden schon über 130 Tier- und Pflanzenarten auf dem 14 Hektar großen Areal nachgewiesen. Seltene Vogelarten wie Neuntöter, Grünspecht, Dorngrasmücke, Gartengrasmücke, Klappergrasmücke, Gartenrotschwanz und Gelbspötter haben in dem wertvollen Habitat einen Lebensraum gefunden. Sogar Wiedehopf, Feldschwirl, Pirol und Wendehals wurden schon festgestellt.

Denn natürlich ziehen sich die Tiere der Großstadt in solche über Jahre unberührten Refugien zurück, wenn anderswo durch Bautätigkeit ihre Lebensräume zerstört werden. Doch jetzt geht es in Leipzig auch immer öfter diesen Rückzugsräumen zu Leibe, ohne dass an anderer Stelle tatsächlich Ausgleich geschaffen wird.

Beim Tagfaltermonitoring Deutschland wurden auf dem Gelände neben 31 anderen Schmetterlingsarten der Große Fuchs und der Kurzschwänzige Bläuling festgestellt. Auch der Feldhase kommt hier noch vor, betont der NABU Leipzig.

Womit so nebenbei Leipzig auch als Rückzugsort für Tiere beleuchtet wird, die in den leergeräumten Landwirtschaftsflächen am Rand der Stadt keinen Lebensraum mehr finden. Und diese Rolle spielt eben auch die stillgelegte Deponie Seehausen, die sich in den vergangenen 20 Jahren schon von weitem sichtbar üppig bewaldet hat.

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