Die Degrowth-Konferenz tagt seit vier Tagen in Leipzig und beschäftigt sich mit der Frage, wie die ins Wanken geratene Welt mittels einer Postwachstumsökonomie zu retten sei. Postwachstum oder Degrowth das ist, so der Grundtenor der Konferenz, der Versuch die auf ewiges Wachstum hin organisierte Industriemaschine zu "schrumpfen" und durch Reduktionsleistungen in allen nur erdenklichen Bereichen irreversible Schäden an Mensch und Natur zuvorzukommen.

Bereits im Vorfeld der Konferenz äußerte sich das communistische Labor translib aus Lindenau kritisch zum Ansinnen der Degrowth-Bewegung. Mit einem polemischen Seitenhieb äußerte man das Unverständnis bezüglich des Anwachsens der Konferenz auf eine stattliche Größe von 3.000 Teilnehmern (was von den Veranstaltern gern betont wird). Diese stünde in konkretem Widerspruch zur Idee der Schrumpfung. Auch seien die geistige Leere und “intellektuelle Konfusion” der key to success für eine Bewegung, die sich um jeden Preis aufblähen will. Wir haben mit den transliberInnen über Ihre Kritik an der Degrowth-Bewegung gesprochen.

Welchen generellen Vorwurf kann man der Degrowth-Bewegung Ihrer Meinung nach machen? Wie lautet Ihre Kritik der Schrumpfung?

Da ist zunächst ihr zentraler Begriff des Wachstums, der alles und deshalb zugleich nichts aussagt, weil er alle möglichen verschiedenen Phänomene unter ein Schlagwort packt: Das Bruttoinlandsprodukt wächst, die Produktion wächst, der Konsum wächst. Der Energieverbrauch “explodiert” sogar, während Profite und Schulden wachsen, genauso wie Ansprüche, Bedürfnisse und alltägliche Maßvorstellungen.

Märkte werden immer größer, Produktionsketten und Transportwege immer länger, und gleichzeitig wachsen Stress und Reizüberflutung und vieles mehr.

Die diesen Entwicklungen zugrundeliegenden ökonomischen Verhältnisse & Gesetzmäßigkeiten werden prinzipiell ausgeklammert und an ihrer Stelle ein “Wachstumsparadigma” bzw. ein “Wachstumsdenken” zur Ursache erklärt. Damit wird die Verantwortung für die ins Bild des Wachstums gebannte krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus individualisiert, da letztlich die überzogenen Ansprüche der Einzelnen zum Ursprung der Misere erklärt werden. Eine solche Kritik spielt dann sogar den Angriffen auf die wenigen materiellen Spielräume der Lohnabhängigen und Lohnarbeitslosen in die Hände.

Marx und Engels werden gern im Kontext der Wachstumskritik genannt. Ist die Bewegung eine kommunistische?

Sicherlich nicht, sie will es, hört man selbst ihren linken VertreterInnen zu, auch gar nicht sein. Selbst diesen geht es vielmehr um die Gesundschrumpfung des Kapitalismus. Keine der vermeintlich antikapitalistischen Strömungen im Degrowth-Spektrum, die einmal mit dem “Wachstum” auch das kapitalistische Privateigentum an den Produktionsmitteln infrage stellen würde.

Stattdessen werden ganz wunderbare Dinge über eine “alternative Ökonomie von unten”, ein “Bedingungsloses Grundeinkommen” oder Ähnliches geschrieben, die vor allem eins offenbaren: die Kapitulation der Linken gegenüber der herrschenden Realität. Keine dieser Initiativen weist über den kapitalistischen Modus der Reproduktion der Gesellschaft hinaus. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist selbst für sie die heilige Kuh, die besser unangetastet bleibt.

Gibt es Ihrer Meinung nach positive Aspekte des Degrowth?

Die Degrowth-Bewegung versucht, auf die zerstörerische Entwicklung des globalen Kapitalismus aufmerksam zu machen. Die ruinösen Folgen der durch Markt und Konkurrenz vermittelten gesellschaftlichen Reproduktion für uns und unsere Umwelt einzudämmen und sie in Zukunft abzuschaffen, dieses Interesse teilen wir selbstverständlich. Nur kommt der Degrowth-Bewegung der strukturelle Zusammenhang fast gar nicht in den Blick und alle Versuche “die Umwelt zu retten” ohne die Klassengesellschaft und den ihr inhärenten Zwang zur Profitmaximierung & Akkumulation abzuschaffen, enden zwangsläufig bei der Zurechtstutzung der ökologischen und ökonomischen Forderung auf die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals – der Green New Deal lässt grüßen.

Dass sich große Teile der Bewegung auf eine Kritik am Konsumverhalten der lohnabhängigen Masse der Bevölkerung kapriziert, ist in der jetzigen Situation, in der die Angriffe des Kapitals auf die gesellschaftliche Daseinsvorsorge, die Löhne und Arbeitsbedingungen immer massiver werden – siehe die Austeritätsprogramme der EU, die Millionen Europäer in den letzten fünf Jahren in krasse Armut gestürzt haben – blanker Hohn und offenbart die autoritäre Schlagseite der Bewegung.

Was muss getan werden, um die große Transformation zu realisieren? Ist die Revolution heute überhaupt noch möglich?

Zunächst offenbart die Degrowth-Bewegung in unseren Augen die totale Konfusion der Linken gegenüber den bestimmenden gesellschaftlichen Verhältnissen und gegenüber der Frage wie eine Gesellschaft aussehen müsste, in der die freie Entwicklung eines jeden Einzelnen, die Bedingung für die freie Entwicklung Aller ist. Um zu dieser Einsicht zu kommen, müsste die Herrschaft der bürgerlichen Ideologie dahingehend aufgebrochen werden, dass erkennbar wird, wie die Produktion und Verteilung jenseits von Geld, Markt und Konkurrenz bewusst-gesellschaftlich organisiert werden könnte.

Und zwar nicht indem wir die kapitalistischen Errungenschaften zurücknehmen, zurückkehren zu Subsistenzwirtschaft und direktem Tausch, sondern auf dem heute möglichen Niveau materieller Produktion. Mit einer solchen theoretischen Kritik allein ist es natürlich nicht getan, sie muss von einer politischen Assoziierung begleitet werden, die gewonne Erkenntnisse über die destruktive Dynamik des Kapitalismus auch praktisch wirksam werden lassen kann. Ob eine Revolution möglich ist? Wollen wir es hoffen, denn ohne sie ist unser Planet bald für menschliches Leben unbrauchbar.

Heute Abend findet in den Räumlichkeiten der translib eine Vortragsveranstaltung der Interessengemeinschaft Robotercommunismus statt. Unter dem Titel “Bhutan: Fluchtpunkt der Postwachstumsbewegung” erwartet den Besucher ein Ideologiekritischer Kommentar anlässlich der Degrowthkonferenz. Beginn 20 Uhr in der Goetzstraße 7.

http://translibleipzig.wordpress.com

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