Seit gestern Abend 20 Uhr halten nun Aktivist/-innen das Audimax der Universität Leipzig besetzt und haben zwei Forderungen zu einer „Lebenserklärung“ und dem Deinvestment der Uni Leipzig bei fossilen Ressourcen aufgestellt. Heute um 18:30 Uhr begann die mit Spannung erwartete Sitzung des Rektorats der Universität Leipzig. Seitens der Besetzer/-innen rings um die „Letzte Generation“ war die Hoffnung auf eine Kompromisslösung geäußert worden. Seit dem Morgen hatte man miteinander geredet, doch eine Pressemitteilung der Unileitung fordert nun die Räumung des Audimax.

Man habe in der Rektoratssitzung miteinander gesprochen, Dialogbereitschaft gezeigt und auf „demokratische Spielregeln verwiesen“, so das Statement des Rektorats. Es ist ein freundliches, aber bestimmtes Nein zu den Forderungen der Studierenden im Audimax. Von einer „Lebenserklärung“ oder Deinvestments ist keine Rede, von demokratischen Aushandlungsprozessen statt Besetzungen umso mehr.

Denn, so Rektorin Prof. Dr. Eva Inés Obergfell: „Die Aktivist/-innen sind dazu eingeladen, sich über die demokratischen Gremien, beispielsweise den gewählten Studierendenvertretungen und den Senat, einzubringen. Das Rektorat als demokratisch gewähltes Gremium der Universität Leipzig ist verpflichtet, Forschung und Lehre zu ermöglichen. Deshalb fordern wir die Aktivist/innen auf, das Audimax zu räumen, sodass dort wieder Veranstaltungen mit je über 500 Studierenden möglich sind. Wir müssen die präsenzstärksten Vorlesungen unterbringen können.“

Dennoch sei das neue Rektorat dabei, eine Nachhaltigkeitsstrategie für die Universität zu formulieren, erläutert Rektorin Obergfell: „Das neue Prorektorat Campusentwicklung: Kooperation und Internationalisierung ist so zugeschnitten, dass dort explizit das Thema Nachhaltigkeit betreut wird.“ Ob sich hier dann die Erklärung, aus allen fossilen Projekten auszusteigen, wiederfinden wird, ist also noch offen.

Die Rektorin betont weiter, dass dieser Prozess demokratisch und unter Einbeziehung aller Statusgruppen beschritten und nicht durch das Rektorat oder einzelne Mitglieder im Alleingang entworfen und umgesetzt werde. Dabei müsse der wissenschaftlichen Komplexität ebenso Rechnung getragen werden, wie dem gesamtgesellschaftlichen und politischen Kontext, so Obergfell.

Zu diesem „gesamtgesellschaftlichen Kontext“ gab es erst heute eine überraschend düstere SPON-Meldung aus der Industrie. Offenbar haben Unternehmen wie Quatar Energy, Gazprom oder ExxonMobil gar nicht vor, die Förderung von Öl und Gas zumindest auf dem heutigen Niveau zu halten, sondern wollen diese nach Recherchen des Guardian drastisch ausbauen.

195 sogenannte „Kohlestoffbomben“, Großvorhaben mit einem Ausstoß von über 1 Milliarde CO2-Ausstoß seien weltweit in Vorbereitung und 60 Prozent bereits finanziert. Gesamt gesehen sollen mindestens so viele neue Abbauvorhaben mit einem CO2-Ausstoß dazukommen, wie derzeit China in 10 Jahren verursacht. Betroffene Gebiete sind unter anderem so wertvolle Naturräume wie die Arktis und die Tiefsee – das Ziel, die Erderwärmung irgendwie noch bei 1,5 Grad zu stoppen, dürfte bei Umsetzung solcher Pläne klar verfehlt werden.

Angesichts dieses rein gewinnorientierten Verhaltens ein weiteres Signal, solchen Unternehmen wenn möglich die Absatzmöglichkeiten auf der Verbraucherseite einzugrenzen.

Im Konsens uneinig: Eine Frage der Geschwindigkeit

Von der geforderten Erklärung, die Universität Leipzig würde ab sofort auf Investitionen in Projekte verzichten, welche fossile Ressourcen nutzen, ist diese erste Rektoratserklärung bei aller Freundlichkeit jedenfalls weit entfernt. Auch von einem Appell an Wirtschaftsminister Robert Habeck ist keine Rede, die Dramatik, welche die Besetzer/-innen in den Fragen CO2-Ausstoß und Klimakrise sehen, findet sich eher weniger.

Vielmehr geht es auch im Weiteren der Erklärungen darum (hier online), was die neue Universitätsleitung bereits angestoßen hat und die am 16. Mai 2022 von den „Students for Future“ vorbereiteten 3. Public Climate School und den Forschungsschwerpunkt Klimawandel an der Uni.

Dennoch sollen noch gegen 21:30 Uhr neue Informationen aus dem Rektorat folgen, während die Besetzer/-innen weiterhin im Audimax ausharren und nicht gehen wollen.  Dass auch sie nicht ganz das bekommen würden, was sie forderten, war ihnen wohl schon vor der Rektoratssitzung klar.

So heißt es in einer Erklärung ihrerseits: „Wir werden den Hörsaal verlassen und freigeben, wenn uns hier und heute öffentlich ein Rektoratsmitglied erklärt, dass unser Appell mit entsprechender Forderung nach einer Lebenserklärung nächste Woche vom Rektorat in den Senat zur Diskussion und Abstimmung gegeben wird, da das Rektorat den absoluten Klimanotstand, in dem wir uns befinden, anerkennt!“

Sei das Rektorat nicht bereit, zumindest diese Zusicherung zu geben, wollen die Besetzer/-innen weiter im Hörsaal verbleiben. Was man heute schon weiß ist, dass sich morgen die Uni-Rektorin Dr. Eva Inés Obergfell die Zeit nehmen will, mit den Besetzer/-innen erstmals persönlich zu sprechen.

Update 22:05 Uhr: Eine weitere Nacht im Audimax

Es wird die zweite Nacht im Audimax der Universität Leipzig für die Gruppe Studierender rings um die Initiative „Letzte Generation“. In einem weiteren Schreiben seitens des Rektorates von etwa 21:30 Uhr am heutigen 12. Mai 2022 hat dieses von sich aus das Schreiben der Besetzer/-innen überarbeitet und so als Kompromissvorschlag ein beidseitiges Papier verfasst.

Was das Rektorat aus den Forderungen gemacht hat, ist im Video zum Nachhören aufgezeichnet. Ausreichend war es für die Besetzer/-innen nicht. Sie haben es sich zu einer zweiten Nacht im größten Hörsaal der Universität gemütlich gemacht und wollen nun das ebenfalls noch mögliche Gespräch mit Uni-Rektorin Dr. Eva Inés Obergfell abwarten.

Unterstützung für ihre Forderungen haben sie dennoch erhalten.

Angetan von ihrem Appell an die Bundesregierung und Minister Habeck, sich gegen den Ausbau neuer fossiler Infrastrukturprojekte auszusprechen, insbesondere Bohrungen nach Öl im Wattenmeer in der Nordsee, zeigten sich heute in eigenen Statements Prof. Dr. Dr. Helge Peukert der Universität Siegen sowie Prof. Nico Peach.

Update 13. Mai 10:33 Uhr: Die Besetzung ist Beendet

Die Besetzung wurde vor wenigen Minuten beendet, es gab eine Einigung. Dabei zeigten sich die Besetzer/-innen ebenso zufrieden über den gefundenen Kompromiss, wie die Universitätsleitung in Person von Kanzlerin Prof. Dr. Birgit Dräger. Im Wesentlichen umfasst dieser eine nun schärfer formulierte Aufforderung zur Kenntnis der Universität Leipzig und der Öffentlichkeit, dass die Zeit beim Ausstieg aus den fossilen Energien deutlich drängender ist, als allgemeinhin angenommen.

Darüber hinaus wies Dr. Dräger die Aktivisten im Rahmen der beidseitigen Beendigung der Besetzung darauf hin, dass die staatliche Universität Leipzigs im Gegensatz zu privaten Universitäten keine eigenen Investments vornehme und deshalb auch aus keinen fossiler Art aussteigen kann.

Hier kann man auf den Seiten der Uni Leipzig das Ergebnis der Vereinbarungen nachlesen.

Der Schlusspunkt einer 2.5-tägigen Besetzung des Audimax in Leipzig

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