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Quartalsbericht Nr. 1 für 2012: Scheuklappenthema Demografie

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    Politiker empfinden sich ja gern als Notstandsverwalter. Selbst dann, wenn sie die Krisen selbst erzeugt haben. Ist ja nicht so, dass gesellschaftliche Entwicklungen nicht voraussehbar sind. Prognostizierbar sind sie in Teilen auch. Der Rest wäre ein bisschen menschlicher Sachverstand. Dann könnte man auch endlich die Alarmitis in Sachen demografischer Entwicklung beenden.

    Doch die Hoffnung hegen wohl nur Statistiker. Im September hatten die Leipziger Statistiker die Deutsche Statistische Gesellschaft mit deren Jahrestagung in Leipzig zu Gast. Dabei hielt auch Prof. Dr. Axel Börsch-Supan einen Vortrag zur Folgeabschätzung der demografischen Entwicklung. Da gibt es Spannbreiten. Irgendwo um 2040 endet freilich jeder statistische Horizont. Wahrscheinlich ist, dass der Anteil der Alten an der Gesamtbevölkerung noch deutlich steigt, weil immer mehr Jahrgänge mit einer hohen Lebenserwartung in den Ruhestand eintreten. Jungen, die 2011 in Leipzig geboren wurden, haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 77,3 Jahren, Mädchen eine von 83,3 Jahren.

    Vielleicht auch weniger. Das weiß niemand genau. Die moderne medizinische Versorgung sichert zwar eine längere relative Gesundheit. Doch parallel dazu müssen die Kosten des Gesundheitssystems von immer weniger Menschen im Berufsleben finanziert werden. Was ja bekanntlich jetzt schon Politiker zu Panikaktionen animiert – Leistungsbudgets werden zusammengestrichen oder gleich ganz dem Versicherten übergeholfen. Während die Kassen in Geld schwimmen, können sich Hunderttausende Geringverdiener gar keine Gesundheitsversicherung mehr leisten – weil der sture Gesetzgeber aber die Versicherung zur Pflicht gemacht hat, droht ihnen der Besuch der Schuldeneintreiber.

    Mit diesen Nebenwirkungen einer Politik, die die simplen Zusammenhänge zwischen Einkommensniveau und Umlagesystem nicht mehr wahrnimmt, beschäftigte sich Börsch-Supan nur am Rande. Aufs Rentensystem trifft das Dilemma ja genauso zu. Es ist nicht sein Lob für die freiwilligen Zusatzversicherungen (Stichwort: Riester), die seinen Beitrag, den er nun extra auf Wunsch der Leipziger Statistiker auch verschriftlicht hat, spannend zu lesen machen. Spannend ist, wie er noch einmal die Reserven herausarbeitet, die der deutsche Arbeitsmarkt eigentlich hat. Denn die Bundesrepublik, die mit ihrer hohen Produktivität alle Nachbarländer an die Wand wirtschaftet, hat eine der niedrigsten Beschäftigungsraten in Europa.

    Und viele dieser Menschen, die teilweise zwangsweise zur Nicht-Beschäftigung verdammt sind, sind gesund, hochqualifiziert und durchaus in der Lage, nicht nur zu arbeiten, sondern auch das Bruttoinlandsprodukt so zu stärken, dass der Rückgang der wichtigen Jahrgänge zwischen 18 und 65 auch in den nächsten Jahrzehnten kompensiert werden könnte.

    Das mit den 18- bis 65jährigen ist natürlich geschwindelt. Aus diversen Gründen scheiden die meisten Deutschen mit unter 62 Jahren aus dem Arbeitsleben aus – obwohl sie gesund sind. Vielleicht nicht mehr so fit wie 22jährige. Aber das alte Denken, mit 50 Jahren würde ein Arbeitnehmer in Deutschland schon zum Alten Eisen gehören, sitzt so tief, dass selbst heute, wo der Nachschub für den Arbeitsmarkt knapp geworden ist, viele Unternehmen weiterhin nach „jungem Gemüse“ suchen und ältere Bewerber ablehnen.Dasselbe trifft auf eine andere Gruppe zu, die nicht nur gut qualifiziert ist, sondern auch jung und hochmotiviert: junge Eltern. Selbst junge Väter erleben bei Bewerbungsgesprächen immer noch, dass der Personaler kopfschüttelnd auf die Tatsache hinweist, er habe ja da noch Kinder … Die meisten Personaler denken sich gar nichts dabei. Sie denken nur an die möglichen Ineffizienzen im Unternehmen. Man hat in den vergangenen Jahrzehnten sämtliche Puffer wegrationalisiert, es fehlen Springer, die Projektzeiten sind auf Kante genäht. In der Regel so knapp, dass zum Beispiel simple Bauprojekte schon beim kleinsten Stocken finanziell völlig aus dem Ruder laufen.

    Bislang ging das immer noch irgendwie. Die Unternehmen haben die „Arbeitsmarktreserven“, die man seit zehn Jahren in Deutschland mit aller Unverfrorenheit „Humankapital“ nennt, beim Staat abgelagert. Das spart „Vorhaltekosten“ im Unternehmen. Sorgt aber dafür, dass gerade junge Eltern in den letzten Jahren als Störung für die „effizienten“ Unternehmensabläufe empfunden wurden. Sie passten auch nicht in die neoliberalen Träume von mehr Mobilität und Flexibilität. Und junge Arbeitnehmer hatten die Wahl: Auf ein vernünftiges Einkommen verzichten und dafür Kinder großziehen – oder auf Kinder verzichten, so, wie es viele – viel zu viele – Frauen in Westdeutschland seit den 1970er Jahren getan haben.

    Im Vorspann des Quartalsberichts 1 / 2012 wird eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung Rostock zitiert, nach der die Sterblichkeit von westdeutschen Frauen zwischen 55 und 65 Jahren verblüffenderweise um 10 Prozent höher ist als die von ostdeutschen Frauen im selben Alter. Ursache für ihre höhere Sterblichkeit sind Brust- und Lungenkrebserkrankungen. Die Studie scheint das auf das „andere Fertilitätsvehalten“ der Frauen der 68er-Generation zurückzuführen: Sie haben aufs Kinderkriegen verzichtet. Konservative Politiker(innen) würden das garantiert auf die Pille und die große sexuelle Freiheit schieben. Aber war es nicht eher der Zwang, für eine gewünschte wirtschaftliche und gesellschaftliche Karriere auf eine Familiengründung zu verzichten, die genau das zur Folge hatte?

    Welche Folgen der Nichtverzicht auch heute in Leipzig hat, zeigt die nach wie vor hohe Arbeitslosenrate bei Alleinerziehenden.

    Und noch eine Gruppe fehlt dem deutschen Arbeitsmarkt: Es sind die jungen Arbeitnehmer an sich. Es war nicht nur das bislang in vielen Bundesländern 13jährige Lernen bis zum Abitur und das lange Studium, das junge Leute vom Arbeitsmarkt fern hielt. Es waren auch all die neuen prekären Beschäftigungsmodelle, die selbst die staatlichen Arbeitgeber einführten, um junge Aspiranten nicht in gut bezahlte Tätigkeiten übernehmen zu müssen. Die Stichworte lauten: unbezahlte Praktika, Probezeiten, befristete Arbeitsverträge usw. – Auch in Leipzig war es noch bis vor Kurzem üblich, dass junge Leute, egal wie gut sie ausgebildet waren, auch noch Jahre nach ihrem Hochschulabschluss beschäftigt wurden wie Leiharbeiter.

    Im Ergebnis treten junge Arbeitnehmer in Deutschland heute immer noch zwei Jahre später ins Erwerbsleben ein als dänische. Deutschland müsste tatsächlich nur damit ernst machen, all den Menschen, die arbeiten wollen und können, auch eine bezahlte Tätigkeit zu gewährleisten. Auch den über 65jährigen, stellt Börsch-Supan fest. Es gibt überhaupt keinen Grund, vor den demografischen Veränderungen jetzt in Panik zu verfallen. Er sagt es nicht so, aber es klingt genau danach: Wenn tatsächlich daran gearbeitet würde, die Barrieren, die viele Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt künstlich ausschließen, abzubauen, könnte sich auch die Sichtweise auf das Thema deutlich verändern.

    Dass dafür eine ausgebaute Betreuungslandschaft für Kinder vonnöten ist, ist wohl selbstverständlich. Dass auch die Integrationsmodelle für Migranten besser werden müssen – auch keine Frage. Auch die stets so laut gerühmten Migranten werden in deutschen Jobcentern behandelt wie Bittsteller oder leider auch wie Betrüger, als würden sie sich in einen Reichtum einschleichen, den die ach so fleißigen Beamten mit ihrem täglichen Sitzmarathon erarbeitet haben.

    Haben sie nicht. Manche haben noch nicht einmal begriffen, dass all die „Instrumente“, die man ihnen in die Hände gegeben hat, nicht dazu da sind, Menschen nach Gutdünken zu quälen und zu bestrafen. Da braucht auch Leipzig endlich richtige Integrationsinstrumente, keine dumpfen Strafandrohungen. Denn auch das ist Fakt: Während die Arbeitslosenquote in Leipzig im letzten Jahr endlich unter 13 Prozent rutschte, ist die der Ausländer weiter hoch geblieben, doppelt so hoch.

    Und dabei braucht Deutschland – auch wenn es seine eigenen Reserven noch erschließen sollte – künftig weiterhin hohe Zuwanderungsraten für den Arbeitsmarkt. Schuld ist eine kleine Zahl: 1,4 heißt die. Das ist die aktuelle Durchschnittszahl an Kindern, die Frauen in Deutschland bekommen. Das reicht nicht zur Selbstreproduktion der Gesellschaft. Die Zahl verrät natürlich nicht, wie sehr auch hier wieder die deutsche Arbeitsmentalität und die Verkrustungen in der Einstellungspraxis ihre Folge zeigen. Auch hier vermischen sich ja die Entwicklungen – das Aufkommen der Pille in den 1960er Jahren, die den Familien die Planung des Nachwuchses erleichtert, und eine Arbeitswelt, die ihre sämtlichen Puffer wegen „Ineffizienz“ abgebaut, eingespart und wegrationalisiert hat.

    Es deutet auch hier einiges darauf hin, dass Deutschland eine andere Art des Wirtschaftens braucht, eine grundlegend familienfreundliche. Die – das ist dann möglicherweise für all die Fundamentalisten des Effizienz-Denkens eine Überraschung – sehr wahrscheinlich ohne Probleme finanzierbar ist, wenn man auch endlich akzeptiert, dass Arbeit menschenwürdig bezahlt werden muss und Besserverdiener sich mit angemessenen Steuerbeiträgen an der Finanzierung eines familienfreundlichen Landes beteiligen.

    Welchen Schatz Kinder eigentlich darstellen, das können die jungen Eltern am besten sagen. Bleibt also noch ein Beitrag über die Kinder und die Kinderbetreuung, der morgen an dieser Stelle zu lesen sein wird.

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