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Quartalsbericht Nr. 1 für 2012: Die Stadt wächst, die Zahlenbasis wird immer unsicherer

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    Der erste Quartalsbericht für 2012 ist da. Die vierteljährliche Krankenstandsmeldung des Amtes für Statistik und Wahlen für die Stadt Leipzig. Lebt der Patient noch? Ist er gar auf dem Weg der Besserung? - Die Zahlenbasis wird immer unsicherer. Doch die neuen Zahlengrundlagen aus dem Zensus 2011 gibt es erst 2013. Oder gar erst 2014, befürchtet Peter Dütthorn.

    Er ist/war der Leiter der Leipziger Zensusstelle. Am 31. Mai wird die Stelle offiziell aufgelöst. „Wir machen noch ein paar Restarbeiten“, sagt Dütthorn am Mittwoch, 23. Mai. Ein kleiner Abschlussbericht zum Leipziger Zensus findet sich im Quartalsbericht. Der natürlich wieder neugierig macht: Welche Zahlen wird das Landesamt für Statistik im November 2012 herausgeben für Leipzig, dem Zeitpunkt, für den eigentlich die ersten Zahlen versprochen sind?

    Vielleicht keine. Manches deute, so Dütthorn, darauf hin, dass man etwas zu viel versprochen hat, als man für November erste Zahlen versprach und für Mai 2013 den Abschlussbericht. Denn der Modus, mit dem diesmal Land und Leute gezählt wurden, ist ein neuer. Eingeführt auch, weil es in der alten Bundesrepublik in den 1980er Jahren heftigste Proteste gegeben hatte gegen das amtliche Datenerfassen. Dass die halbe Republik sich derweil im Jahr 2012 als schamloser Datenentblößer in den seltsamen Netzwerken entpuppen würde, die man so landläufig als „soziale“ bezeichnet, war vielleicht nicht zu ahnen. Vielleicht doch. Denn große Empörung heißt nicht immer, dass auch wirklich große Völkerscharen dahinter stehen.

    Nun hat man also einigermaßen komplexe Berechnungs-Algorithmen entwickelt. Und die scheinen in den zentralen Rechenzentren für einige Verzögerungen zu sorgen, so dass es keine Überraschung wäre, wenn die Zensus-Zahlen erst 2014 vorliegen. Vielleicht gleich mit dem amtlichen Eingeständnis: So geht’s eigentlich nicht.

    Deswegen zögert auch das Statistische Landesamt immer länger, überhaupt noch amtliche Bevölkerungszahlen herauszugeben. Der erste Leipziger Quartalsbericht erscheint nun zwar erst im Mai – bei der Bevölkerungszahl für Dezember 2011 glänzen aber drei kleine Pünktchen. Hier hätte man nur die vorläufige Zahl 531.014 eintragen können. Und würde trotzdem staunen. Denn im Jahr zuvor standen hier noch amtliche 522.883. Leipzig hat binnen eines Jahres um 8.131 Einwohner zugelegt. In etwa die gleiche Zahl hätte auch 2010 da gestanden, hätte es nicht die kräftige Registerbereinigung gegeben, die insbesondere viele Hundert längst fortgezogene Ausländer aus den Statistiken löschte.Die ganze Unsicherheit in der Datenbasis hat das Amt für Statistik und Wahlen jetzt dazu bewogen, auch die für 2012 geplante neue Bevölkerungsvorausschätzung zu verschieben. Mindestens auf 2013. Die letzte war 2009. „Und die Entwicklung hat alle unsere Prognosen übertroffen“, sagt die Amtsleiterin Ruth Schmidt. Für Dezember 2011 hatte man 2009 noch eine Bevölkerungszahl von 526.000 vorausgesagt, in der optimistischsten Varianten 527.000.

    Schon damals mussten Leipzigs Statistiker zugeben, dass sie die Entwicklung völlig unterschätzt hatten. Die Prognose von 2007 hatte für 2011 sogar nur 520.000 Einwohner vorausgesagt, im besten Fall 525.000. Die Prognosen des Landesamtes für Statistik braucht man dieser Stelle wohl gar nicht zu erwähnen – die lagen doch deutlicher daneben.

    Und die Unruhe der Statistiker deutet zumindest an, dass da demografische Prozesse im Gang sind, für die bislang die Rechenmodelle fehlen. Allein mit Geburten- und Sterberaten und erwarteten Zuwanderungen kommt man dem Trend nicht mehr bei. Ein Trend, der mit dem Wort Re-Urbanisierung auch nur halb umschrieben ist. Im Quartalsbericht 1 / 2012 gibt es ein ganzes Kapitel zur kleinräumigen Bevölkerungsentwicklung in Leipzig, in dem einige der wesentlichen Fragen beantwortet werden. Dazu aber morgen mehr an gleicher Stelle.Auch das Wissen um die deutschlandweite Abwanderung aus ländlichen Regionen in die großen, attraktiven Metropolen ist nur ein Teil der Wahrheit. Auch wenn Städte wie Leipzig mit einer kompakten und (noch) gut ausgestatteten Infrastruktur punkten können, die gerade junge Leute dringend brauchen, wenn sie eine Berufskarriere starten, eine Familie gründen und Kinder aufziehen wollen.

    Denn hinter aller demografischen Entwicklung, die die meisten politischen Akteure in Deutschland nur als Schreckgespenst begreifen, stecken stille, meist unausgesprochene Anpassungsprozesse von richtigen Menschen aus Fleisch und Blut, die in der Regel sehr gut wissen, was sie sich vom Leben und von ihrem Lebensort erwarten. Auch dann, wenn bräsige Politiker in jeder Sonntagsrede etwas anderes erzählen.

    Deswegen ist auch das Schreckgespenst „Überalterung“ nur ein Schreckgespenst in politischen Kneipenrunden. Natürlich ist es auch eine Chance, über die ebenfalls in einem Beitrag des Quartalsberichts erzählt wird. Aber nur dann, wenn die Regierenden der Nation begreifen, dass Altsein nicht gleich heißt, dass der Mensch mit 65 sofort senil, klapperig und pflegebedürftig wird. Das kommt auch. Später aber. Doch viel tragischer ist es, wenn eine Gesellschaft die Chance, dass Menschen auch nach dem 65. Lebensjahr noch quick und fit sind, nicht nutzt, sondern sie weiterhin aufs Altenteil abschiebt, als lebte das Land noch immer im Mittelalter.

    Eine Zahl im Bericht ist natürlich verlässlich: 519.422. Das ist die Einwohnerzahl mit Hauptwohnsitz aus dem Einwohnermelderegister der Stadt Leipzig Ende März 2012. So viele Leipziger sind tatsächlich da. Und es sind auch wieder 1.600 mehr als noch im Dezember. Da muss niemand rechnen oder komplizierte Formeln anwenden. Die Stadt wächst weiter und kann im Jahresverlauf wieder auf einen Bevölkerungszuwachs von 6.000 rechnen.

    Und weil die Zahl aus dem Register verlässlicher ist als mittlerweile alle amtlichen Bevölkerungszahlen, will das Amt für Statistik und Wahlen bei nächster Gelegenheit eine neue Bevölkerungsvorausschätzung für Leipzig machen auf Basis der Registerzahlen. Wahrscheinlich 2013, kündigt Ruth Schmidt an. Denn aktuell ist man gerade schon wieder in der Vorbereitung der OBM-Wahlen im Januar 2013, die noch viel unberechenbarer werden als die vor sieben Jahren. Denn wenn eine Stadt sich in so kurzer Zeit so deutlich verändert, dann verändern sich logischerweise auch die Wähler. Es kommen mehr junge Wähler hinzu, die schon von Natur aus ein anderes Wahlverhalten als die Älteren haben.

    Und die auch ein paar andere Erwartungen an die Zukunft dieser Stadt haben. Schon in der jüngeren Vergangenheit haben sie sich deutlich mit ihren Themen zu Wort gemeldet. Und das sind eine ganze Menge – von der Nichtverfügbarkeit gewünschter Kita-Plätze, schlechter Schulausstattung über den Verkehrslärm im Viertel bis hin zur Fahrrad- und Fußgängerunfreundlichkeit in wichtigen Teilen der Stadt, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

    Morgen geht’s hier erst einmal um die Stadtteile und die Veränderungen, die Leipziger immer stärker prägen.

    http://statistik.leipzig.de

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