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Kassensturz: Leipzig und Dresden fallen im Arbeitsmarkt-Sommer mittlerweile aus dem Raster

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    Was man an der Olympia-Berichterstattung der deutschen Medien in den letzten Tagen so schön beobachten könnte, war die zirzensische Art der Herangehensweise: Eine Woche vorher begann die Zirkuskapelle zu Schmettern, wurden die deutschen Starter zu Gold-Aspiranten hochgejubelt. Und als sie dann nicht mal die Endläufe erreichten, ging die Kapelle in den Oweiowei-Modus über. So ungefähr ist es auch mit der Wirtschafts- und der Arbeitsmarktberichterstattung. Das Owei naht.

    Denn hier wie dort hat man nun ein paar Jahre lang geschmettert, was das Blech hergab – Deutschland wurde zum Überflieger Europas erklärt, seine Wirtschaft zur Wundermaschine und der deutsche Arbeitsmarkt war so herrlich reformiert, dass die Peter-Hartz-Truppe wohl noch im Nachhinein den Wirtschaftsnobelpreis verdient hätte. Dass die einschlägigen Politiker vom komplexen Wechselspiel der Wirtschaft keine Ahnung haben, zelebrieren sie ja gerade bei ihrer hilflosen „Euro-Rettung“.

    Einige von ihnen glauben ganz bestimmt immer noch, ihre Art Politik habe zum Abbau der Arbeitslosenzahlen seit 2005 beigetragen. Doch dass die Rezepte, die da angewendet wurden, keine nachhaltigen sind, das schwant zumindest den Arbeitslosen-Verwaltern in Nürnberg.

    „Saisonbereinigt ist die Arbeitslosigkeit im Vormonatsvergleich um 7.000 gestiegen. Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl der arbeitslosen Menschen um 63.000 ab. Allerdings wird der Vorjahresabstand von Monat zu Monat kleiner“, versuchen sie die neuen Juli-Zahlen zu erklären. „Die Unterbeschäftigung belief sich im Juli auf 3.847.000 Personen, 224.000 weniger als vor einem Jahr. Zur Unterbeschäftigung (ohne Kurzarbeit) zählen auch Personen, die z. B. an entlastenden Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik teilnehmen oder aus anderen Gründen nicht als arbeitslos gelten. Sie vermittelt somit ein umfassenderes Bild vom Defizit an regulärer Beschäftigung als die Arbeitslosigkeit. Die Entlastung durch arbeitsmarktpolitische Instrumente ist gegenüber dem Vorjahr rückläufig. Insbesondere bei der Förderung der Selbständigkeit gab es Abnahmen.“

    Entsprechend versucht auch die Arbeitsagentur Leipzig die Welt zu beruhigen. „Im Juli wuchs die Zahl der Arbeitslosen an. Diese Entwicklung im Juli kennen wir aus den Jahren davor. Das ist ein ganz typischer und sehr stark saisonal beeinflusster Anstieg. Das Anwachsen der Arbeitslosigkeit war aber nur unwesentlich höher als vor einem Jahr. In den davorliegenden Jahren war er drei bis viermal so stark. Die Hauptursache liegt bei der Situation in der Altersgruppe bis 25 Jahre“, erklärt Beate Beier, Geschäftsführerin Operativ der Agentur für Arbeit Leipzig.

    „Ganz besonders im Juli, aber auch noch im August melden sich viele junge Leute, die nach der Ausbildung nicht sofort eine Arbeit finden oder nach dem Berufsvorbereitungsjahr nicht nahtlos in eine berufliche Ausbildung kommen. Daneben gibt es auch noch andere Gründe für das Ansteigen der Arbeitslosigkeit. Ende Juni war Halbjahresende, ein typischer Entlasszeitpunkt. Diese Freisetzungen tauchen jetzt in der Julistatistik auf. Dazu kommt noch, dass im Juli und August eher wenig Einstellungen zustande kommen. Es ist Urlaubszeit, das trifft auch auf viele Personalentscheider zu. Im Saldo also mehr Zugänge in Arbeitslosigkeit als Abgänge aus ihr. Dennoch bleibt es dabei, die Arbeitslosenzahl war in den letzten Jahren noch nie so niedrig wie jetzt.“
    Dabei gibt es diesmal einen Effekt, der zumindest auffällt: Der Löwenanteil der Zunahme geht auf Leipzig selbst zurück. Hier stieg die gezählte Arbeitslosigkeit von 29.888 auf 30.349 – ein Plus von 461 Personen, im Landkreis Leipzig gab es ein kleineres Plus von 73, dort sind jetzt 12.941 als arbeitslos registriert. In Nordsachsen sank die Zahl sogar um 130 auf 11.810.

    Auch in ganz Sachsen sank die Arbeitslosigkeit insgesamt um 356 Personen auf nunmehr 198.637.

    Was ist da los? – Die Demografische Entwicklung schlägt zu. So deutlich war das in der Arbeitslosenstatistik noch nie abzulesen. Denn auch in Dresden stieg die gezählte Arbeitslosigkeit um 519 auf nunmehr 23.985.

    Die Vermutung, man habe es bei der Zunahme vor allem mit jungen Leuten, die sich nach ihrer Ausbildung wieder beim Amt melden, zu tun, trifft also augenscheinlich zu, denn genau in den beiden Städten, wo sie die Zahl der Schulabgänger nun langsam wieder berappelt, stieg der statistisch ermittelte Wert. Was natürlich für all jene Regionen, in denen jetzt die Arbeitslosigkeit sogar sank, schon bald einen recht deutlichen Nachwuchsmangel signalisiert. Firmen sichern sich die immer rareren Abgänge aus den Schulen immer früher. Der Zeitraum, in dem die jungen Leute in einen Job vermittelt sind, verkürzt sich Monat um Monat.

    Nicht alle jungen Leute sind freilich in Leipzig bei der Arbeitsagentur gelandet. Etliche saßen doch wieder auf den Fluren des Jobcenters, wo die Zahl der arbeitslosen Arbeitslosengeld II-Empfänger im Monat Juli leicht auf 24.131 Personen gestiegen ist. Das sind 70 Personen mehr als im Vormonat (24.061) aber 3.971 weniger als noch vor einem Jahr (28.102).

    „Der leichte Anstieg der Arbeitslosenzahlen in den Sommermonaten überrascht uns nicht und hängt vor allem mit saisonalen Effekten zusammen“, betont auch Dr. Simone Simon, Geschäftsführerin des Jobcenter Leipzig, zur Erläuterung der jüngsten Arbeitsmarktzahlen. „Mit Blick auf die langfristige Entwicklung wird aber deutlich, dass die Richtung stimmt. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um 4.000 erreicht – das ist ein sehr gutes Ergebnis, an das es anzuknüpfen gilt. Wir werden alles daran setzen, um vor allem auch diejenigen auf dem Weg in das Erwerbsleben zu unterstützen, die vor größeren Hürden stehen als andere, etwa lebensältere Arbeitslose oder Alleinerziehende.“

    Mit Blick auf die verschiedenen Personengruppen hat sich die Arbeitslosigkeit unterschiedlich entwickelt. Die Zahl der langzeitarbeitslosen Männer und Frauen ist um 72 Personen auf nun insgesamt 10.000 Personen gesunken. Im Vergleich zum Vorjahresmonat konnte die Zahl der Langzeitarbeitslosen sogar um 1.566 Personen reduziert werden. Die Zahl der arbeitslosen Personen über 50 Jahre ist mit aktuell 6.650 im Vergleich zum Vormonat um 57 gefallen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist die Zahl um 413 zurückgegangen. Die Zahl der arbeitslosen Frauen liegt aktuell bei 10.675. Das sind 125 arbeitslose Frauen mehr als im Juni dieses Jahres aber 1.666 weniger als im Juli 2011.

    Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 2.278 Jugendliche unter 25 Jahren. Das sind 100 Jugendliche mehr als im Vormonat und 820 Jugendliche weniger als im Juli 2011.

    Der sächsische Arbeitsmarkt ist aufnahmefähiger geworden. Aber eben nicht, weil die Wirtschaft mehr lukrative Arbeitsplätze geschaffen hätte. Der Arbeitsplatzzuwachs in den letzten Jahren erfolgte zum größten Teil im Dienstleistungsbereich und mit durchaus diffizilen Bezahlmodellen. Sonst wäre Beate Beier ganz bestimmt nicht die Sache mit dem Halbjahresende „als typischer Entlasszeitpunkt“ eingefallen. Immer mehr Leipziger arbeiten mit befristeten oder gar befristet geförderten Arbeitsverträgen. Sechs Monate Päckchenpacken, dann heißt es oft Adieu, bis zum nächsten Mal.

    Da ist keine nachhaltig tragende Arbeitsmarktlandschaft entstanden. Mal ganz zu schweigen, dass kein Wirtschaftspolitiker im Land sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, wie ein nachhaltiger Arbeitsmarkt (der zwangsläufig nachhaltig intakte Wirtschaftsstrukturen voraussetzt) aussehen könnte. Man lässt die Zirkuskapelle spielen, so lange es gut geht, feiert sich als Olympiasieger, bevor man noch ins Becken gesprungen ist.

    Und hinterher …

    www.leipzig.de/jobcenter

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