Leipzig verändert sich. Das Bevölkerungswachstum lässt nicht nur die Einwohnerzahl wachsen. Es macht Leipzig auch bunter. 41,2 Prozent des Leipziger Bevölkerungswachstums beruht auf dem Zuzug von Migranten, schreibt Andreas Martin in seiner großen Analyse "Leipzigs Einwohner mit Migrationshintergrund 2013" im neuen Quartalsbericht.

In Ziffern: 4.500 von 10.808 neu hinzugekommenen Leipzigern. Das erhöht logischerweise nicht nur die Zahl der Leipziger mit Migrationshintergrund – von 49.323 auf 53.776. Es erhöht auch die Quote der Leipziger mit Migrationshintergrund von 9,3 auf 10 Prozent. Mit anderen Worten: Jeder zehnte Leipziger hat einen Migrationshintergrund.

Offiziell als Ausländer gelten davon 32.854 Personen. Der Rest sind schon Inhaber eines deutschen Passes, haben aber entweder Elternteile, die im Ausland geboren wurden, oder wurden selbst eingebürgert. Wer jetzt lauter griechische, italienische und türkische Fähnchen vor Augen hat, der irrt in gewisser Weise. Das sind zwar starke Leipziger Bevölkerungsgruppen, die Leipzig mediterraner machen – immerhin leben mittlerweile 1.307 Italiener an der Pleiße, 951 Griechen und 1.775 Menschen mit türkischen Pass, von denen sich viele eher als Kurden bezeichnen würden. Aber es sind nicht die maßgeblichen Gruppen, die das Bild der Leipziger Migrationsszene bestimmen. Die Hauptgruppen fallen im Straßenbild nicht mal auf. Denn Hauptzuwanderergruppe in Leipzig sind Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, meist Spätaussiedler. Allen voran die Leipziger aus dem Gebiet der russischen Föderation (7.053), Ukrainer (3.131) und Kasachen (1.976). Dazwischen findet man noch die zwei anderen Migrantengruppen, die für Leipzig nun seit 25 Jahren typisch sind: Polen (3.139) und Vietnamesen (2.833).

Insofern unterscheidet sich Leipzig natürlich wieder von vergleichbaren westdeutschen Großstädten, wo der Mix der Kulturen aus historischen Gründen ein anderer ist. Natürlich sorgen auch politische Veränderungen in der Welt dafür, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen aus anderen Ländern verstärkt nach Leipzig kommen. Trotzdem dominierten auch 2013 Russen das Zuwandergeschehen mit 411 Neuankömmlingen (und wenn Putin so weiter macht, wird der Strom garantiert nicht abreißen), 270 Polen siedelten nach Leipzig über, 261 Rumänen, aber auch 231 Syrer (zum größten Teil jene Ankömmlinge, um die ein paar völlig unbelehrbare Zeitgenossen im Herbst ein mehr als seltsames Theater veranstalteten). Aber auch für Spanier (169), US-Amerikaner (152), Italiener (199) oder Griechen (96) ist Leipzig ein lohnendes Ziel. Für die Ankömmlinge aus den Mittelmehrländer wohl auch eines, das Chancen auf einen wirtschaftlichen Neuanfang bietet.

Was da also zuwandert, ist eigentlich zum großen Teil genau das, was sich die Wirtschaftskammern wünschen: junge, in der Regel gut ausgebildete Menschen, die ihre Voraussetzungen als so gut einschätzen, dass sie im Hochtechnologieland Deutschland einen Anfang wagen. Sogar im etwas abgelegenen Sachsen, von dem man die alte Messestadt Leipzig aber kennt. Viele kommen auch zum Studium her. Der Anteil von ausländischen Studierenden ist in Leipzig im letzten Jahr um 4,6 Prozent bzw. rund 400 gestiegen. Davon hat besonders die Handelshochschule Leipzig profitiert (+ 45,8 %), aber auch an der HGB ist der Studierendenanteil aus dem Ausland nach oben geschnellt (+14,1), ganz ähnlich wie an der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig (+ 12 %).
Was dann alles möglicherweise mit dem gestiegenen Anteil von gebürtigen US-Amerikaner in Leipzig zu tun hat, mit dem gestiegenen Zuzug von Chinesen (+ 148), Franzosen (97) oder Koreanern (+ 51).

Und viele dieser Zuwanderer bleiben ja da, gründen ein Unternehmen oder finden einen Job. Darauf geht Andreas Martin nicht extra ein (auch die Studierendenzahlen stammen aus einem eigenen Artikel von Heidrun Schellbach). Aber wenn Menschen die Chance sehen, in einer Stadt wie Leipzig eine Zukunft zu begründen, und sie selbst auch noch jung sind, dann folgen Familiengründung und Kinder in Kitas und Schulen praktisch auf dem Fuß.

Denn auch dieser ökonomisch wichtige Faktor zeichnet die Leipziger mit Migrationshintergrund aus: Sie sind durchschnittlich 13 Jahre jünger als die Leipziger ohne Migrationshintergrund: 31,8 Jahre. Wenn in Leipzig eine funktionierende Integrationsmaschine existieren würde, hätte selbst die Industrie keinen Grund, über Mangel an Fachkräften zu klagen. Oder noch deutlicher: Sachsen wäre bestens beraten, wenn es das Thema Integration endlich ernst nehmen würde.

Denn einige Probleme mit Schulabschlüssen hängen mit dem Thema einer unvollkommenen Integration zusammen. Dabei müssen Sprachbarrieren bei Eintritt ins Schulalter nicht wirklich sein.

Und diese Kinder kommen nicht erst. Sie sind schon da. In der Gruppe der Vorschulkinder haben sie einen Anteil von 17,3 Prozent, in den Grundschulen machen sie 18 Prozent aus. Durchschnittlich. Im konkreten Fall – was dann die Schulen in den von Migranten bevorzugten Stadtteilen betrifft – steigt ihr Anteil in den Klassen schnell mal auf 30, 40 Prozent. Aber auch bei den 15- bis 18-Jährigen macht der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund schon 16 Prozent aus. Die Zukunft Leipzigs wird deutlich bunter. Und es ist nicht die Frage, wie die erschrockene Mehrheitsgesellschaft darauf nun restriktiv reagiert, wie es nun wieder mal die AfD fordert. Die Frage ist, wie es Leipzig gelingt, diesen Reichtum zum Wohle der Stadt zu nutzen. Insofern sind die beiden Ortsteile, in denen sich die Entwicklung jahrelang konzentrierte, auch Vorreiter. In Neustadt-Schönefeld und Volkmarsdorf liegt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile über 32 Prozent. Im Zentrum-Südost übrigens auch – aber dort hängt es konkret mit dem großen Studentenwohnheim zusammen.

Aber andere Stadtteile holen mittlerweile auf – so wie das Zentrum selbst (25,2 Prozent) und die Westvorstadt (18,1 Prozent). Was natürlich schon lange daran liegt, dass sich Leipziger mit Migrationshintergrund nicht auf zwei Ortsteile im Leipziger Osten beschränken, wenn sie einen Lebensmittelpunkt suchen. Im Grunde geht es ihnen wie den Studenten: Sie möchten gern zentrumsnah leben. Andreas Martin hat zwölf Karten zu seinem Beitrag getan, in denen sichtbar wird, dass sich die Menschen mit russischer Herkunft in den innerstädtischen Quartieren genau so wohl fühlen wie die Ukrainer, die Vietnamesen, Iraker, Ungarn und Südeuropäer.

Sie nähern sich also im Lebensstil den jungen Leipzigern an, die diese Viertel ebenfalls bevorzugen. Eines bereichert das andere.

Und noch einen Spaß haben sich Leipzigs Statistiker im Quartalsbericht diesmal gegönnt. Sie haben sich auch mal gefragt, ob die anderen Leipziger, die ohne Migrationshintergrund, nicht genauso eine Migrationsgeschichte haben. Nur dass ihre Herkunftsländer Brandenburg, Thüringen oder Hessen heißen.

Mehr dazu morgen an dieser Stelle.

Der Statistische Quartalsbericht I 2014 ist im Internet auf http://statistik.leipzig.de unter “Veröffentlichungen” einzusehen.

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