Der gewaltige Nachwuchsmangel macht sich sogar in der ostdeutschen Arbeitslosenstatistik bemerkbar

Sachsen als Nummer 1? Das soll vorkommen, sogar in Arbeitslosenstatistiken. Noch hat Sachsen mit 7,6 Prozent zwar nicht die niedrigste Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik - die hat Bayern mit 3,5 Prozent. Aber dafür führt Sachsen im Jahresvergleich die Liste an mit dem stärksten Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Minus 7,2 Prozent. Aber woran liegt das?
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Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) liebt ja solche Zahlen. Er schnappt sich immer, wenn die Arbeitsagenturen landauf, landab ihre Erfolge gemeldet haben, den ganzen Zahlensalat und stellt Tabellen zusammen, in denen ein bisschen mehr zur Entwicklung sichtbar wird.

Zum Beispiel die nicht ganz unwichtige Tatsache, dass jeder, der noch im Verfügungsbereich der Arbeitsagentur ist, deutlich höhere Chancen hat, wieder in Arbeit zu kommen, als die Klienten der Jobcenter. Kurz und trocken bringt er das in so einen Satz: „100.000 weniger registrierte Arbeitslose als im September 2014 – im Rechtskreis SGB III (Arbeitsagenturen) 86.000 (9,7 Prozent) weniger, im Rechtskreis SGB II (Jobcenter) 14.000 (0,7 Prozent) weniger als ein Jahr zuvor.“

Was schon einmal recht deutlich zeigt, dass nach wie vor die alten Regeln bei der Vermittlung gelten: Wer nur kurzzeitig arbeitslos ist, bekommt den Job eher als jemand, der schon in „Hartz IV“ abgerutscht ist. Wobei der Blick in Schröders Statistik noch etwas zeigt: Es sind vor allem ostdeutsche Unternehmen, die auch Bewerber aus dem Bereich der Jobcenter einstellen. Das hat nicht nur mit dem gestiegenen Fachkräftebedarf zu tun, sondern auch damit, dass viele reguläre Beschäftigungen für Entlassene eben sofort in den Weg zum Jobcenter münden. Das hat mit dem in vielen Branchen nach wie vor dominierenden niedrigen Einkommen zu tun.

Das Ergebnis

In Westdeutschland ist die Zahl der arbeitslosen Klienten der Jobcenter im Jahresverlauf sogar gestiegen – von 1,349 Millionen auf 1,351 Millionen, während sie in den sechs ostdeutschen Bundesländern von 573.938 auf 558.191 gesunken ist. Das ist dann nicht mehr nur durch Altersabgänge erklärbar, auch wenn vieles darauf hindeutet, dass im Osten derzeit ein Großteil des Abbaus der Arbeitslosigkeit mit dem Wechsel der Betroffenen in einen (prekären) Ruhestand zu tun hat.

Die Zahl, die das zumindest vermuten lässt, ist gerade die hohe Quote des Rückgangs der offiziell registrierten Arbeitslosigkeit im Osten. Nicht nur Sachsen (wo ja nun tatsächlich ein Aufbau von neuen Beschäftigungsmöglichkeiten stattfindet) ist in Schröders Tabelle ganz oben zu finden, auch Brandenburg (-6,8 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (- 5,1 Prozent) tauchen dort auf. Berlin kommt dann mit 4,2 Prozent Rückgang auf Platz 6, was natürlich wieder ein anderes Phänomen überdeckt, das man auch in Leipzig kennt: Immer stärker wirken die Metropolen in Deutschland als die eigentlichen Arbeitsmarktmotoren. Die vor allem dienstleistungsgeprägten Unternehmen siedeln sich hier an und verstärken den Pendlereffekt aus den umliegenden Ländern. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern partizipiert man direkt am Berliner Wachstum.

In Sachsen sind es dann Städte wie Leipzig, die die Entwicklung vorantreiben.

Ähnlich ist es in Hamburg, das scheinbar Arbeitsplatzverluste für die eigene Bevölkerung verzeichnet, aber tatsächlich für Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zur metropolen Jobmaschine wird. Es sind immer stärker die Metropolen, die die Entwicklung vorantreiben. Auch im Osten.

Und davon profitieren eben nicht gerade die Älteren, die oft schon eine lange Karriere in den Jobcentern hinter sich haben, sondern die Jungen. Sie profitieren sogar doppelt, denn nicht nur werden viele Arbeitsplätze frei, weil viele ältere Jahrgänge jetzt in Rente gehen, die halbierten Ausbildungsjahrgänge, die jetzt ins Berufsleben eintreten, können sich quasi aussuchen, was sie gern machen wollen. Und die ostdeutschen Unternehmen gehen zunehmend dazu über, auch junge Leute unter Vertrag zu nehmen, die eigentlich die nötigen schulischen Voraussetzungen nicht mitbringen.

Im Ergebnis führen dann eben auch drei ostdeutsche Länder die Tabelle bei den Rückgängen der Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen an: Brandenburg mit – 20 Prozent, Sachsen mit – 17 Prozent und Sachsen-Anhalt mit – 13,5 Prozent. Deutlicher ist der riesige Bedarf der Wirtschaft nach ausbildungsfähigem Nachwuchs eigentlich nicht in Zahlen zu fassen.

Der starke Rückgang der Arbeitslosigkeit im Osten erzählt also nicht davon, dass der Osten nun gar den Westen wirtschaftlich wieder einholt, sondern macht den zweiten großen Umbruch des Arbeitsmarktes nach 1990 deutlich. Damals wurden Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit entlassen, weil der größte Teil der ostdeutschen Wirtschaft abgewrackt wurde. Heute machen sich die halbierten Geburtenjahrgänge der 1990er Jahre bemerkbar, die nicht mal den ganzen Bedarf der heimischen Wirtschaft decken, was dann auch Jugendlichen neue Chancen eröffnet, die ihre schulische Karriere eigentlich schon versemmelt hatten.

JobcenterMetropolregionArbeitsagenturOstdeutschland
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