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Die Einsamen im Dunkeln fühlen sich auch diesmal nicht gemeint

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    Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte am Mittwoch, 12. August, ein neues Umfrageergebnis in der längerfristig angelegten Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt 2020“, die schon mit einer Vorgängeruntersuchung 2017 begann. Da spielte logischerweise die Corona-Pandemie noch keine Rolle, dafür die Furcht, dass die zunehmenden Aggressionen im politischen Diskurs die Demokratie zerstören könnten. Corona hat nun augenscheinlich genau das Gegenteil bewirkt.

    Es hat das Vertrauen in die Regierung gestärkt (die ja nun einmal die meisten Wählerinnen und Wähler gewählt haben 2017, egal, wie sie mit der GroKo hadern oder auch nicht). Man konnte ja zeitweilig das Gefühl bekommen, dass die Bundesbürger 2017 alle etwas anderes gewählt haben – nur nicht CDU, CSU und SPD. Selbst der mediale Diskurs verlief so, als hätten die Krachmacher vom radikalen Rand schon das Ruder übernommen und das Verschrotten der Demokratie sei nur noch eine Frage der Zeit.

    Dafür zeigte die Bertelsmann Studie dann, dass die Bundesregierung über verschwindend wenig Vertrauen verfügte. In jedem anderen Land hätte es bei so einem miserablen Befund Neuwahlen gegeben. Obwohl Demokratie so nicht funktioniert. Auch große, scheinbar seriöse Medien haben immer wieder das falsche Bild vermittelt, dass demokratische Wahlen eine Art Wunschkonzert sind, bei dem am Ende jeder alle seine Erwartungen erfüllt bekommen muss – ohne sich weiter dafür anzustrengen.

    Wenn aber die so gern angefeindete Bundeskanzlerin Angela Merkel für etwas steht, dann für ein sehr genaues Gespür dafür, was dem ach so erzürnten Bürger tatsächlich an Veränderungen zuzumuten ist. Einem Bürger, dem schon das Sprechen über mögliche Veränderungen wie eine unzumutbare Gefährdung seines ruhigen Daseins mit allen Wohltaten vorkommt und der entsprechend lautstark und wutentbrannt protestiert: Ja nicht in meinen Vorgarten! Oder in meinem Dorf! Wo auch immer.

    Dieser tiefsitzende Wunsch, von den Veränderungen der Welt und den Zumutungen einer sich wandelnden Politik ja verschont zu bleiben, sprach sich in einem geradezu unterirdischen Misstrauen nicht nur in die Bundesregierung aus, die im Februar nur das Vertrauen von 19 Prozent der Befragten genoss, sondern ebenso in massivem Misstrauen selbst in die eigene Kreis- und Gemeindeverwaltung, der nur 37 Prozent der Befragten ihr Vertrauen aussprachen.

    Entwicklung des Vertrauens in den ersten Monaten 2020. Grafik: Bertelsmann Stiftung

    Kein Wunder, dass so viele enervierte Leute ständig von einer „Bananenrepublik“ reden, ohne die geringste Ahnung, wie Regierungen und Verwaltungen in korrupten Ländern tatsächlich funktionbieren – oder besser: eben nicht.

    In beiden Kategorien ist das Vertrauen gerade in der Corona-Zeit deutlich gestiegen. Im Mai und Juni attestierten wieder 45 Prozent der Befragten ihr Vertrauen in die Bundesregierung, das Vertrauen in Kreis- und Gemeindeverwaltungen stieg auf 47 Prozent.

    Natürlich ist die Befragung wesentlich komplexer. Und die Bertelsmann Stiftung fasst das aus ihrer Sicht wichtigste Ergebnis so zusammen: „In der aktuellen Krisensituation bestätigen sich diese sozialen Unterschiede. ,Wie unter einem Brennglas lässt Corona bereits bestehende soziale Verwerfungen noch deutlicher zum Vorschein kommen. Wer vorher schon benachteiligt war, für den stellt sich die Lage in der Krise noch schwieriger dar‘, erklärt Kai Unzicker.

    Während über 90 Prozent der Teilnehmer der Wiederholungsbefragung angeben, mit der Corona-Situation gut klarzukommen, zeigen sich bei genauerem Hinsehen deutliche Unterschiede. So weisen diejenigen Personen, die bereits vor der Krise einen hohen Zusammenhalt erlebten, im Frühsommer geringere Sorgen um ihre eigene Zukunft oder die ihrer Familie auf, fühlen sich seltener einsam und haben weniger den Eindruck, die Pandemie belaste das Zusammenleben.“

    Die Befragung zeigt sehr deutlich, dass das Erleben von Zusammenhalt (also auch von Unterstützung und elementarer Absicherung) von ganz altvertrauten Faktoren abhängt:

    – prekärem oder hohem Einkommen
    – niedriger oder hoher Bildung/Qualifikation
    – Migrationshintergrund
    – Diversität

    Und von so einschneidenden Dingen wie dem Alleinleben oder die Existenz als Alleinerziehende – wo man nun einmal die direkte Unterstützung im eigenen Haushalt nicht hat und oft völlig auf sich allein gestellt ist. Das ist auch für Bertelsmann-Studien eine durchaus bemerkenswerte Feststellung, wie sehr sich die altbekannten Formen des Benachteiligt- und Ausgegrenztseins jetzt auch in Corona-Zeiten als echter Nachteil erwiesen.

    Was die Studie zeigt, die Auswertung aber nicht extra betont: Besonders negativ erlebten Menschen die Corona-Zeit, die sowieso schon unter latenten Ängsten und Befürchtungen leiden, also ein sehr verängstigtes Verhältnis zu ihrer Mitwelt haben.

    Was die Studie aber nicht bestätigt, waren die üblichen Ost-West-Gegensätze. Im Gegenteil: Sie machte noch deutlicher, dass die Gefühle des Abgehängtseins wenig mit dem tatsächlichen Wohnort zu tun haben, dafür eine Menge mit den oben erwähnten sozialen Faktoren. Denn natürlich bedeuten Wohlstand, gesicherte Arbeit und hohes Einkommen auch Unabhängigkeit und mehr Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen und Unterstützung.

    Das ist den Menschen, die über all diese Möglichkeiten verfügen, oft gar nicht bewusst. Ganz zu schweigen davon, dass sie auch medial stärker wahrgenommen werden, während die eher prekär Lebenden in Deutschland kaum eine Stimme haben, kaum Aufmerksamkeit bekommen und auch mit ihren Bedürfnissen kaum wahrgenommen werden.

    Das klingt ein wenig an, wenn die Studie formuliert: „Zusammenhaltsunterschiede zwischen städtischen und ländlichen oder zwischen ärmeren und mehr wohlstandsgeprägten Gemeinden ergeben sich also eher aus der Zusammensetzung der dortigen Bevölkerung und nicht aus der Lage oder dem Regionstyp. Obwohl über die Richtung und das Zustandekommen dieses Effekts hier nicht datenbasiert entschieden werden kann, hat diese Beobachtung eine wichtige inhaltliche Bedeutung.

    Personen, denen es individuell wirtschaftlich schlecht geht oder die ein niedriges Bildungsniveau aufweisen, können auch in wohlhabenden Wohngemeinden gesellschaftlichen Zusammenhalt als gering empfinden. Und umgekehrt: Personen in wohlhabenden größeren Haushalten, die in abgehängten Gebieten leben, kann im Schnitt ein höheres Zusammenhaltsempfinden attestiert werden als ihrer Wohngemeinde als Ganzes.“

    Was eben auch bedeutet, dass sich eine prekäre Existenz in unserer Gesellschaft auch als Erfahrung von direkter Ausgrenzung und Benachteiligung niederschlägt. Wichtige Wege zur gesellschaftlichen Teilhabe sind verstellt oder schlicht nicht bezahlbar. Und das betrifft selbst junge Leute mit hoher Bildung und geringem Einkommen.

    Die Warnung der Bertelsmann Stiftung ist an dieser Stelle berechtigt. Denn die wirklichen Sorgen und Bedürfnisse dieser Menschen werden immer wieder negiert oder kleingeredet. Sie haben keine Lobby, eher stecken sie in einer ewigen Legitimationsschleife, in der sie begründen müssen, warum sie eventuell die Unterstützung der Gesellschaft brauchen.

    Also eine Position des Bettelns, die der Mensch in der Regel vermeiden möchte. Und in Krisenzeiten dann dennoch erlebt, dass man doch wieder allein dasteht mit seinen Problemen und nicht das nötige Geld auf dem Konto hat, um eine Lösung der Probleme in irgendeiner Form zu organisieren.

    Die Parteipräferenzen zeigen dann, dass sich diese Menschen auch eher nicht zu CDU, SPD und Grünen hingezogen fühlen, sondern wohl eher nicht zur Wahl gehen. Was sie folgerichtig doppelt sprachlos macht.

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