Es ist eine der Top-Schlagzeilen des Tages in Sachsen: Aus dem heute veröffentlichten Sachsen-Monitor – eine von der Staatskanzlei zum fünften Mal in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage – geht hervor, dass ein Großteil der Menschen im Freistaat rassistische und verschwörungsmythische Auffassungen unserer Welt teilt.

Nur ein paar Auszüge aus dem Sachsen-Monitor 2023 (über den wir übrigens morgen noch etwas ausführlicher berichten werden): 55 Prozent der Befragten stimmen mehrheitlich der Aussage zu, dass „die Regierung der Bevölkerung die Wahrheit verschweigt“, 35 Prozent sind davon teilweise überzeugt. 44 Prozent der Befragten stimmen „voll oder eher zu“, dass die regierenden Parteien die Bürger*innen „betrügen“. Ebenfalls „voll oder eher“ stimmen 43 Prozent der Aussage zu, dass „Politiker nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“ seien.

Ein Drittel der Befragten denkt, dass Deutschland mehr einer Diktatur als einer Demokratie gleiche. Und 42 Prozent bejahten die Aussage, dass „Medien und Politik unter einer Decke stecken“.

Auch die Ergebnisse der Befragung im Bereich „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und nationalistische Einstellungen“ sind grausig. Zum Beispiel: 64 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Bundesrepublik „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ sei.

Überschriftenwahl der LVZ irritiert

Wie auch für l-iz.de werden die Ergebnisse des neusten Sachsen-Monitors heute und in den kommenden Tagen als Stoff für viele Debattenbeiträge in den sächsischen Medien herhalten. Die ersten Artikel sind schon längst veröffentlicht, so titelte beispielsweise der MDR heute auf seiner Website „Sachsen-Monitor offenbart miese Stimmung im Land“. Und „Sachsen-Monitor: Enormer Vertrauensverlust“ kommentierte Andrea Schawe auf saechsische.de.

Irritierenderweise prangte auf der Website der Leipziger Volkszeitung (LVZ) heute die Überschrift „Sachsen-Monitor: Viele haben Angst vor Überfremdung und fühlen ‚Maulkorb‘“. Kurze Zeit später wurde die Überschrift leicht abgeändert in „Sachsen-Monitor: Von ‚Maulkorb‘-Gefühl bis Überfremdungs-Angst“.

Das Problem an diesen Überschriften ist die unkritische Übernahme des Konzepts der „Überfremdung“, ein Kampfbegriff der rechtsextremen Szene. Schon 1933 sprach NS-Propagandaminister Joseph Goebbels von einer „Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum“, später machte die NPD mit dem Begriff Wahlkampf und heute schüren Politiker*innen der AfD damit Hass.

Das Wort suggeriert, dass vermeintlich Fremde unsere Gesellschaft kulturell, sprachlich und ethnisch aushöhlen würden und sich dadurch die Menschen, „die schon immer hier waren“, „fremd im eigenen Land“ fühlen würden.

Gleichzeitig wird das Wort unserer komplexen, multikulturellen, globalisierten Einwanderungsgesellschaft nicht gerecht. Denn die Schwarz-Weiß-Malerei von dem „Wir“ und „den Anderen, den Fremden“ lässt Feindbilder in den Köpfen der Menschen entstehen, die den einzelnen Individuen unserer Gesellschaft Unrecht tun. Das wissenschaftliche Konzept hinter diesem Denken heißt „Othering“.

Medien werden durch unkritische Übernahme rechter Schlagwörter zum Teil des Problems

Wenn Menschen davon lesen, dass „Viele Angst vor Überfremdung haben“, dann wird diese angebliche „Überfremdung“ als gegebene Tatsache hingestellt und dieses rassistische Konzept ein bisschen weiter normalisiert. Und genau an der Stelle werden Medien zum Teil des Problems.

Schon im Jahr 1993 – als anlässlich der Neonazi-Pogrome in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Co. 70.000 Menschen auf dem Leipziger Augustusplatz ein Konzert unter dem Motto „Gewalt ätzt“ besuchten – wählten Sprachwissenschaftler*innen das Wort „Überfremdung“ zum „Unwort des Jahres“, seitdem gefolgt von vielen Tarnphrasen der Neuen Rechten.

Kürzlich erst ernannte die Jury „Remigration“ zum „Unwort des Jahres“ 2023, ein Wort aus derselben rechtspopulistischen Sprachwunderkiste. Auch hier übernahmen viele Medien das Wort ohne Kontextualisierung oder Distanzierung, was wiederum kritisch in den Medien diskutiert wurde.

Dass Medien solche Begriffe weiterverbreiten, ist Alltag, und das mit einem guten Grund. Schließlich ist es eine der vielen Aufgaben des Journalismus, das gesellschaftliche Geschehen abzubilden und sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Doch genau an dieser Stelle hat die LVZ mit ihrer Überschrift versagt.

Denn Medien können sich von Begriffen distanzieren, beispielsweise, indem sie die entsprechenden Wörter in Anführungszeichen setzen oder ein „vermeintlich“ oder „angeblich“ davorsetzen. Noch besser: Zusätzlich erklären, weshalb der Begriff problematisch ist.

Dieser kritische Blick auf alles, auch auf die Entwicklung der Sprache, gehört zur Verantwortung von Journalist*innen. Denn sie tragen eine große Verantwortung, da sie Sprache und Denken mit ihrer Wortwahl prägen, die täglich unzählige Menschen erreicht.

Andere Medien berichten in diesem Fall verantwortungsvoller

Der MDR ist gewissenhafter an die Thematik herangegangen als die LVZ, hier ist von einer „vermeintlichen ‚Überfremdung‘“ die Rede. Und auch die Sächsische Zeitung setzt den Begriff „Überfremdung“ in Anführungszeichen. Beide benutzen den Begriff zudem nicht in ihren Überschriften.

Und auch die freie Journalistin Doreen Reinhard, die oft für Zeit Online aus Sachsen berichtet, machte durch Anführungszeichen deutlich, dass sie sich den Begriff „Überfremdung“ nicht zu eigen macht.

Die fehlende Distanzierung von solch populistisch-verschwörungsmythischer Rhetorik in der LVZ-Überschrift mag ein Flüchtigkeitsfehler gewesen sein. Es ist wahrscheinlich, dass die fehlende Distanzierung keine Absicht war. Ich kenne das selbst: Eine neue Meldung kommt rein, sie soll möglichst schnell „verarbeitet“ werden, damit der Bericht ebenso schnell auf der Titelseite erscheint, am besten immer schneller als die Konkurrenz.

Dazu kommt, dass sich die Möglichkeiten, mit Journalismus Geld zu verdienen, im Online-Bereich stark verändert haben. Viele Klicks bedeuten hohe Anzeigenpreise. Und wer in Suchergebnissen der großen Suchmaschinen auftauchen will, sollte möglichst die Schlagworte in Überschriften verwenden, nach denen die Menschen auch suchen.

Deshalb gilt es, sich unter Medienschaffenden gegenseitig immer wieder daran zu erinnern: Wer Journalismus mit Verantwortung machen möchte, muss stets gegen den geschäftsgetriebenen inneren Drang ankämpfen, so schnell wie möglich (denn damit gehen oft viele Flüchtigkeitsfehler einher) zu schreiben und womöglich noch sogenannte „Clickbait“-Überschriften zu wählen. Journalist*innen müssen sich stets selbst und gegenseitig kontrollieren.

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Heute dagegen völlig unnötig die NS-“Machtergreifung”. Bei Verwendung deren Propagandabegriffs “Machtübernahme” wären die Anführungszeichen ja noch nachvollziehbar. Warum man sich von der unverhüllten Bezeichnung distanziert, bleibt ein Geheimnis.

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