Immer fordernder äußern sich konservative Politiker, die Zuwanderung nach Deutschland zu begrenzen, all die flüchtenden Menschen irgendwo an den Grenzen Europas schon abzufangen und in irgendwelche Staaten „an der Fluchtroute“ abzuschieben. Das hat schon seit Jahren nicht funktioniert, denn es ändert nichts an der Fluchtursachen. Mit Migration müsse völlig anders umgegangen werden, fordern jetzt dutzende Initiativen in einem Offenen Brief.

Diesen Brief schrieb eine „Vielzahl von engagierter Akteur/-innen und Fachkräften der Integrations- und Sozialarbeit sowie Einwohnerinnen und Einwohnern im Landkreis Leipzig.“ Vor dem Hintergrund einer verschärften und von Misstrauen geleiteten Debatte um Migration wollen sie eine humanitäre Perspektive stärken, um Türen zu öffnen, statt sie zu verschließen.

Ziel sei es, auf die Chancen und Möglichkeiten von Migration für die Kommune und für den Landkreis Leipzig hinzuweisen. Auch wollen sie mit dem Brief das bereits Erreichte der letzten Jahre in den Fokus rücken und nicht einzig und allein Gefahren, Sorgen und Vorurteile mit dem Thema Migration verknüpfen.

Der Offene Brief

Türen öffnen statt verschließen
Für einen Perspektivwechsel in der Diskussion um Migration

Was würden wir uns für uns und unsere Familie wünschen, wenn wir flüchten müssten? Was für eine Gesellschaft würde es uns erleichtern anzukommen, uns sicher zu fühlen und uns motivieren uns einzubringen?

Die Geschichte von Migration ist eine Menschheitsgeschichte. Da zu uns Menschen in Not kommen, sind Hilfe und Solidarität die richtigen Entscheidungen – dass wir gemeinsam dazu imstande sind, haben wir 2015 und 2022 bewiesen.

Aus einer ablehnenden Haltung, in der das Geringste noch gut genug war, ist eine Praxis geworden, geflüchtete Menschen in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen. Trotz großer Unsicherheit und Ängste hat sich der Großteil der Bevölkerung des Landkreises geöffnet. Unsere Gesellschaft hat sich bedeutend entwickelt, indem sie Menschen, die in Not waren und sind, aufgenommen hat. Wir haben neue Kommunikationswege entdeckt, alte Verwaltungspraktiken hinterfragt und sind pragmatisch neue Wege gegangen.

Um diesen Weg fortzusetzen, müssen wir Menschen auch zukünftig eine Perspektive bieten, damit wir sie halten und für unseren Landkreis langfristig gewinnen können.

Was wir brauchen ist lebenswürdiger Wohnraum, unkomplizierter, wohnortnaher Zugang zu Schulen und Kindertagesstätte sowie Angebote zum Spracherwerb.

Nachdem der Landkreis im Jahr 2015 aus guten Gründen von Gutscheinen auf Bargeldauszahlungen umgestellt hatte, erfolgt nun mit der Einführung von Bezahlkarten für den täglichen Bedarf eine Gesetzesverschärfung. Solche Rückschritte sind auch mit sozialem Ausschluss verbunden. Menschen haben mit diesem Verfahren weniger Wahlmöglichkeiten; Einkaufsorte werden eingeschränkt und die Teilnahme am kommunalen Alltag, wie beispielsweise an Wochenmärkten, Stadtfesten und am Vereinsleben, ist nur begrenzt möglich. Gesellschaftliche Teilhabe wird so behindert.

Warum sprechen wir oft nur von Menschen, die unser Sozialsystem belasten, wo wir sie dringender bräuchten als je zuvor?

In der Betreuung, in der Pflege, im Handwerk, in privaten Betrieben sind wir alle in Not und auf motivierte Menschen angewiesen, wenn wir unsere Lebensqualität im Landkreis erhalten wollen. Der Zugang für alle Menschen zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist notwendiger denn je. Ohne diesen gibt es keine Integration. Lasst uns Türen für unsere neuen Nachbar*innen öffnen!

Wir alle profitieren von Migration, insbesondere, weil wir Menschen für unsere Infrastruktur brauchen und auch weil Beratungseinrichtungen oder die Erweiterung von Mobilitätsangeboten (beispielsweise die neue Buslinie vom Wohnort zur Schule) für uns alle ein Gewinn ist.

Lasst uns Lösungen finden, statt auf Problemen zu beharren! Es sind nicht nur die einen, die Unterstützung brauchen – wir benötigen sie alle.

Unser Brief soll diese fehlende Perspektive in die aktuelle Debatte einbringen: Es geht um Menschen, um ihr Recht auf Würde und humane Behandlung.

Unser Landkreis ist vielseitig und inklusiv. Wahrhafte Integration und Solidarität stärkt unsere Gesellschaft!

Die Unterzeichner

Wer den Brief mit unterzeichnen will, kann sich an die Mail-Adresse info@rtm-lkleipzig.de wenden.
Anonym unterschreiben kann man auch direkt auf der Website von chance.org.

Erstunterzeichner/-innen des Offenen Briefes sind:

Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V.
Arbeitsmarktmenor*innen Landkreis Leipzig
Between the Lines gGmbH
Bon Courage e.V.
Christin Lederer, KV Toleranz und Inklusion gGmbH, Ambulante Hilfen zur Erziehung
Daniel Peisker, Direktkandidat Wahlkreis 23 für DIE LINKE.
Diane Apitz, Kreisrätin Bündnis90/Die Grünen
Gertje Edelmann, Privatperson
IB-Jugendmigrationsdienst Leipzig/Borna
Infostelle für Asyl und Bildung
Interkultureller Begegnungsort Alte Rollschuhbahn Bad Lausick
Ireen Heidelbeer, Bereichsleitung umA und Integration für das BSW Muldental
Isabel Rößler, Psycholog. Psychotherapeutin
Jan Klement, Sozialarbeiter, Coach und Supervisor
Jens Kretzschmar, Kreisvorsitzender Die Linke Westsachsen
Kinder- und Jugendring Landkreis Leipzig e.V.
Konstanze Morgenroth, Privatperson
Kontaktstelle Wohnen
Kulturinitiative Zwenkau e.V.
Martin Lindenberg, Privatperson
Michael Neuhaus, Stadtrat DIE LINKE Leipzig, Direktkandidat Wahlkreis 21
Mosaik Leipzig – Kompetenzzentrum für transkulturelle Dialoge e.V.
Netzwerk für Demokratische Kultur e.V.
Opferberatung Support, RAA Sachsen e.V.
plus humanité e.V.
Refugee Law Clinic Leipzig e.V.
Regionale Netzwerkstelle für Demokratie im Landkreis Leipzig (RNW)
RosaLinde Leipzig e.V.
Wegweiser e.V.
Zwenkau ist bunt e.V.
Zukunftslabor Landkreis Leipzig

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