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Corona-Folgen trafen Soloselbstständige und marginal Beschäftigte sofort

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    Krisen machen sichtbar, wer in einer Gesellschaft eigentlich besonders bedroht ist und besonders schnell sein Einkommen und seine Existenz verliert. Und es sind nicht die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst, auch wenn der Streik dort für höhere Einkommen partiell berechtigt ist. Obwohl völlig andere Streikthemen dran wären, denn nicht die Löhne sind das Schlimmste, sondern die zusammengesparten Personalausstattungen. Aber andere wurden vom Corona-Shutdown noch heftiger getroffen.

    Das Landesamt für Statistik hat am Freitag, 23. Oktober, eine erste Bestandsaufnahme für das erste Halbjahr 2020 vorgelegt, also jene Zeit, in der der Shutdown das Land kurzfristig fast komplett lahmlegte, für einige Berufsgruppen aber sofort die Beschäftigung und die Einkommen wegfielen.

    Im 2. Quartal 2020 gab es reichlich 2,0 Millionen Erwerbstätige in Sachsen, teilt das Statistische Landesamt mit. Das zweite Quartal reicht vom April bis zum Juni.

    „Im Vergleich zum Vorjahresquartal sank deren Anzahl um 1,3 Prozent bzw. rund 27.600 Personen. Deutschlandweit ging die Erwerbstätigenzahl im Vergleichszeitraum analog um 1,3 Prozent zurück. Damit sind nun erste Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Erwerbstätigkeit zu erkennen“, so die Landesstatistiker. Die nun auch sagen können, wessen Existenzgrundlage da als erstes wegfiel: „Die aktuelle Entwicklung prägten deutliche Rückgänge sowohl bei den Selbstständigen als auch bei den Arbeitnehmern, insbesondere bei der Zahl der marginal Beschäftigten.“

    Aber verblüffend ist auch, dass ein eh schon seit Jahren geschrumpfter Wirtschaftszweig weitere Beschäftigte verlor: „Den prozentual höchsten Rückgang bei der Erwerbstätigenzahl im 2. Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahr verzeichnete die Land- und Forstwirtschaft, Fischerei mit 4,5 Prozent bzw. 1.200 Personen.“

    Aber die meisten Arbeitsstellen wurden anderswo gestrichen: „Im Produzierenden Gewerbe verringerte sich die Zahl der Erwerbstätigen um 2,0 Prozent bzw. rund 11.300 Personen. Maßgeblich dafür war das Verarbeitende Gewerbe mit einem Minus von 2,9 Prozent bzw. 10.500 Erwerbstätigen. Im Dienstleistungssektor sank die Erwerbstätigenzahl im Vergleich zum 2. Quartal 2019 um 1,0 Prozent bzw. rund 15.100 Personen.

    Hier reduzierte sich vor allem die Zahl der Erwerbstätigen im Bereich Grundstücks- und Wohnungswesen, Finanz- und Unternehmensdienstleister (-3,0 Prozent bzw. -10 300 Personen) sowie Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation (-1,6 Prozent bzw. -8 000 Personen).“

    Beim Verarbeitenden Gewerbe aber darf man nicht an die Stammbelegschaften denken. Die gingen vor allem in Kurzarbeit. Entlassen wurden andere.

    Denn bei dem ganzen Klops „Bereich Grundstücks- und Wohnungswesen, Finanz- und Unternehmensdienstleister“ sollte man eher nicht auf die Grundstücks- und Finanzdienstleister schauen. Die waren eher nicht betroffen. Dafür jene gut versteckte Gruppe an Beschäftigten, die hier unter Unternehmensdienstleister zu finden sind: Da steckt nämlich der ganze Bereich „Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften“ drin, also Leiharbeit.

    Und im Bereich „Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation“ stecken ja die vielen Jobs in der Gastronomie und im Hotelwesen, die wegen der Corona-Schließung erst einmal alle wegfielen.

    Aber die Statistiker staunten auch ein bisschen: „Einzig im Bereich Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit stieg die Erwerbstätigenzahl noch (0,5 Prozent bzw. rund 3.200 Personen) an.“ Natürlich stellten Staat und Kommunen weiter jenes Personal ein, das schon vor Corona fehlte: Lehrer/-innen, Erzieher/-innen, Pflegekräfte … alles Leute, die auch in der Krise gebraucht werden und oft genug als systemrelevant gelten.

    Wozu auch die Lehrerinnen und Lehrer gehören, was in der öffentlichen Debatte meist untergeht. Denn wenn der Schulbetrieb nicht weitergeht, geraten die betroffenen Kinder in einen heftigen Bildungsrückstand. Und mittlerweile gibt es auch genug Untersuchungen zu den schweren psychischen Folgen, wenn Kinder ihren geregelten Tagesablauf verlieren und ohne Unterstützung im „Homeschooling“ lernen müssen.

    Entwicklung nach ausgewählten Wirtschaftsgruppen. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt
    Entwicklung nach ausgewählten Wirtschaftsgruppen. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

    Die oben erwähnten Selbstständigen (in der Corona-Diskussion meist als Soloselbstständige bezeichnet) findet man freilich nicht in den abgebildeten Wirtschaftsgruppen. Sie findet man zumeist in der Klassifikation „Kunst, Unterhaltung, Erholung“. Und die angedeuteten Zahlen aus dem Statistischen Landesamt deuten darauf hin, dass einige 1.000 dieser Selbstständigen, die ihre Einkünfte über öffentliche Auftritte und Engagements erarbeiten, mit dem Corona-Shutdown eben nicht auf die eher mageren staatlichen Hilfen setzten (die für echte Soloselbstständige auch nicht funktionierten), sondern sich umgehend beim Jobcenter melden mussten.

    Und wenn die Corone-Einschränkungen länger anhalten, kann man davon ausgehen, dass sich viele dieser Kunstschaffenden umorientieren werden und lieber einen „sicheren“ Job übernehmen. Unsere Kunstszene wird sich deutlich ausdünnen.

    Aber das fanden ja auch die Hilfspakete schnürenden Politiker nicht so wichtig. Jedenfalls nicht so wichtig wie die Rettung von Fluggesellschaften und Reisekonzernen.

    Corona erwischte Sachsen natürlich mitten in einer Phase des umfassenden Beschäftigungsaufbaus. Die Statistiker dazu: „Im Jahresdurchschnitt 2019 hatten knapp 2,1 Millionen Erwerbstätige ihren Arbeitsplatz in Sachsen. Gegenüber 2018 war das ein Zugang um 0,6 Prozent bzw. fast 11.600 Personen. In Deutschland erhöhte sich die Zahl der Erwerbstätigen um 0,9 Prozent.“

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