Burkhard Jung will mit dem Mätthäikirchhof die Diskussion ums Freiheitsdenkmal schon mal auf Kurs bringen

Wer gedacht hätte, dass die entscheidenden Köpfe bei ihrem Versuch, in Leipzig ein Freiheits- und Einheitsdenkmal zu errichten, irgendetwas gelernt hätten, der sah sich am 15. Februar von einem LVZ-Artikel eines Besseren belehrt: „OBM für Matthäikirchhof. Neuer Termin, neuer Ort: Wieder Bewegung beim Leipziger Freiheitsdenkmal“. Da war die Wunschanmeldung der Stiftung Friedliche Revolution gerade zwei Wochen alt.

Am 2. Februar hatte die sich zu Wort gemeldet und auch für Leipzig einen Neustart für den Denkmalswettbewerb gefordert, nachdem für das bei den Kosten aus dem Ruder gelaufene Berliner Denkmal wieder Bewegung in die Sache gekommen ist: Union und SPD scheinen die teure Wippe in Berlin nun doch ganz bezahlen zu wollen.

Am 15. Februar hat die Stiftung noch einmal nachgelegt, nachdem die Berliner Verständigung feststand: „Die Stiftung Friedliche Revolution in Leipzig begrüßt ausdrücklich die Verständigung der CDU/CSU- und der SPD-Fraktion des Deutschen Bundestages zur zügigen Fortführung der Errichtung des Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin. Dies wird die Realisierung des Parlamentsbeschlusses vom 4.12.2008 für ein würdiges Erinnern an die Wiedergewinnung von Freiheit und Einheit 1989/90 wesentlich voranbringen. Wir appellieren an den Deutschen Bundestag, bei den weiteren Verhandlungen und Entscheidungen an der 2008 beschlossenen Absicht festzuhalten, neben Berlin auch in Leipzig ein Denkmal in diesem Sinne zu errichten.“

Und am gleichen Tag preschte Oberbürgermeister Burkhard Jung vor und machte via LVZ den Matthäikirchhof zu seinem neuen Standortfavoriten für das Denkmal, nachdem 2014 der Wettbewerb mit Standort Wilhelm-Leuschner-Platz gescheitert war.

„Die Kommune schlag(e) dort einen ‚Campus der Demokratie‘ vor, auf dem die Bürger ins Gespräch kommen können und verschiedene Akteure – vom Leipziger Stasi-Museum in der ‚Runden Ecke‘ über die Stiftung Friedliche Revolution bis zum Schulmuseum – Angebote zu Diskussionen, Dialog und Bildung unterbreiten“, heißt es in der LVZ.

Auf dem Matthäikirchhof, nach Auskunft der Verwaltung dem wertvollsten Stück Erde, das die Stadt im Zentrum noch besitzt? Streng reserviert für wirklich wertvolle Investitionen?

Abgestimmt hat sich der OBM ganz bestimmt mit niemandem.

Und die Fehler des letzten Wettbewerbs hat er auch nicht aufgearbeitet.

Das kritisierte am Donnerstag, 16. Februar, massiv die CDU-Fraktion. Sie lehnt den Vorschlag des Oberbürgermeisters zur Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals auf dem Matthäikirchhof folgerichtig auch ab.

„Der Oberbürgermeister hat seit 2014 keinen Handschlag in dieser Angelegenheit getan. Nachdem es nun in Berlin vorwärts geht, verfällt er in Aktionismus. Das ist diesem wichtigen Thema nicht angemessen. Burkhard Jung soll endlich aufhören, zu verbreiten, dass der erste Wettbewerb an mangelnder Standortakzeptanz gescheitert sei. Das erste Verfahren hat die Stadtverwaltung ganz allein vor den Baum gesetzt. Und es ist an mangelnder Akzeptanz für die Entwürfe gescheitert“, erklärt der Fraktionsvorsitzende Frank Tornau.

Was auch an der irrealen Aufgabenstellung im Wettbewerb lag, einen ganzen Platz irgendwie in eine Art Denkmal zu verwandeln. Das musste schiefgehen. Erst recht, weil auch noch als Bedingung in die Aufgabenstellung geschrieben worden war, das Denkmal dürfe in keiner Weise eine klassische Formensprache bedienen.

Logisch, dass am Ende nur ziemlich theoretische Lösungen angeboten wurden. In Berlin übrigens auch. Ob die Freiheitswippe am Spreeufer jemals die visuelle Kraft eines echten Denkmals entfalten wird, darf wohl bezweifelt werden.

Der Urfehler liegt natürlich bei den Leuten, die unbedingt millionenteure Denkmäler setzen wollen in einer Zeit, die überhaupt nicht nach Denkmälern schreit. Schon gar nicht für eine Zeitenwende, die sowohl in Berlin als auch in Leipzig mit historischen Bauten, die mit dem Herbst ‘89 zu tun haben, mehr als nur symbolisch besetzt ist.

Wie spannend der nun so forciert neu angestrickte Prozess werden kann, das macht schon mal Dr. Sabine Heymann, stellvertretende  Fraktionsvorsitzende der CDU-Fraktion, deutlich: „Wir haben schon 2014 erklärt, dass der Denkmalscharakter unbedingt deutlicher werden muss. Der Verwaltung ging es aber vorrangig um eine Platzgestaltung und nicht um das Denkmal an sich. Es scheint so, als will der Oberbürgermeister denselben Fehler noch einmal machen. Wir wollen aber für das weitere Verfahren Transparenz und klare Kriterien, die vom Rat festgelegt werden sollen.“

Und die erste Bedingung wirft die CDU schon mal in den Raum: Am Leuschnerplatz als Standort hält die CDU-Fraktion fest.

Was dann auch Frank Tornau begründen kann: „Die Themen Stasi, Runde Ecke und Friedliche Revolution stehen für sich und brauchen keine verkopften Neuinterpretationen. Wir lehnen es deshalb ab, in der Nähe der ‚Runden Ecke‘ einen ‚ganz wunderbaren Ort für das Gespräch über Freiheit, Demokratie und Bürgerrechte‘ nach Herrn Oberbürgermeisters Wünschen zu schaffen.“

Und noch ein Dissens tut sich auf: Das Freiheits- und Einheitsdenkmal soll aus Sicht der CDU-Fraktion ein nationales Denkmal in Leipzig sein, nicht eines für die friedliche Revolution in Leipzig.

„Am Leuschnerplatz lösten sich die Montagsdemonstrationen auf. Hier, auf einer Sichtachse mit dem ersten Leipziger Freiheitsdenkmal, dem Völkerschlachtdenkmal, kann ein neues Freiheitsdenkmal seinen Platz finden“, meint Tornau.

Bei einem neuen Wettbewerb soll dann aus Sicht der CDU auch ein gegenständliches Denkmal ausgeschrieben werden. Immerhin ein Punkt, zu dem sich auch Burkhard Jung mittlerweile durchgerungen hat.

„Wir wollen keine exzessive Flächengestaltung, sondern ein Denkmal, das als solches erkennbar ist, eines, das sich selbst erklärt und das man auch fotografieren kann“, sagt Tornau. „Nur dann besteht die Chance, dass die Menschen sich damit auch identifizieren.“

So etwas also, was der Worpsweder Künstler Waldemar Otto 2013 vorgeschlagen hat, als die Wogen in der Leipziger Denkmalsdiskussion besonders hochschlugen: „Die Bürger von Leipzig“. Eine kleine Anspielung auf Rodins berühmte Plastik „Die Bürger von Calais“, bei genauerem Hinschauen aber voller Humor, ein sehr menschliches Denkmal, kein überzogener Monumentalismus. Womit er etwas getroffen hat, was in der ganzen deutschen Einheits-Freiheits-Denkmal-Diskussion völlig fehlt: den humorvollen Aspekt an so einer Geschichte. Uwe Schwabe spricht mittlerweile ja sogar von der „Unheimlichen Leichtigkeit der Revolution“.

Bedeutungsschwangeres gibt es längst viel zu viel. Nur das mit dem tiefen menschlichen Humor, das scheint ganz schwer zu denken und zu machen.

Die jüngste Mitteilung der Stiftung Friedliche Revolution.

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